Bei der Vorwahl am Sonntag wird beschlossen, wer 2012 gegen Nicolas Sarkozy antreten soll
Bis vor kurzem noch galt der französische Parti Socialiste als einziger
Scherbenhaufen: Vom konservativen Staatspräsidenten und Tausendsassa Nicolas
Sarkozy an die Wand gespielt, fehlte es der Partei an Ideen, Figuren und
schlicht am Glauben, nach der Mitterrand-Ära 1981-1995 endlich wieder einmal die
Präsidentschaftswahlen gewinnen zu können. Und als mit Dominique Strauss-Kahn
endlich ein ebenbürtiger Gegner gefunden war, stolperte dieser prompt über
Anschuldigungen sexueller Natur.
Jetzt herrscht wieder Aufbruchstimmung am PS-Sitz in der Pariser Rue de
Solférino. Sämtliche Umfragen sehen die Linke ab Mai 2012 im Élysée, dem Ort der
absoluten politischen Macht im Land. Gleich mehrere "Ersatzkandidaten", die nach
der DSK-Affäre höchstens als zweite Wahl galten, haben die Nase vor Sarkozy.
Noch erstaunlicher: Die chronisch zerstrittene Partei schaffte den Umschwung
nicht nur wegen den Finanzkrisen und -affären Sarkozys, sondern aus eigener
Kraft.
Möglich machen es "les primaires", die Primärwahlen: Sechs Kandidaten und
Kandidatinnen treten am kommenden Sonntag und allenfalls auch eine Woche danach
zu einem internen Stechen an. Teilnehmen können alle Franzosen, die einen Euro
zahlen und eine Charta "linker Werte" unterschreiben. Im Voraus hatten sich die
sechs Anwärter zu insgesamt drei Fernsehdebatten getroffen, die letzte war am
Mittwochabend.
Und siehe da: Die Einschaltquoten waren so hoch wie das Niveau der
Streitgespräche. Plötzlich dominieren die Sozialisten wieder die politische
Debatte, während Sarkozy zu einem politischen Statisten degradiert ist, der
zudem vor zwei Wochen die Senatswahlen kläglich verloren hat.
Trio an der Spitze
Momentaner Favorit ist der ehemalige Sozialistenchef François Hollande:
Umfragen schreiben ihm 44 Prozent der Stimmen gut. Die aktuelle Parteichefin
Martine Aubry kommt auf 27 Prozent. Diese Zahlen sind allerdings mit größter
Vorsicht zu genießen, da die Umfrageinstitute nicht einmal wissen, wie weit sie
den Kreis der Befragten ziehen sollen.
Ex-Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal kann mit den beiden kaum noch
mithalten. Die Verfechterin staatlicher Autorität steht in den Umfragen so
schlecht da, dass sie sogar von den zwei Außenseitern Arnaud Montebourg vom
linken und Manuel Valls vom rechten Parteiflügel bedrängt wird. Diese beiden
setzten sich in den TV-Debatten auch am besten in Szene. Dem sechsten
Kandidaten, Jean-Michel Baylet, werden keinerlei Chancen eingeräumt, in die
Stichwahl vorzudringen.
Aubry und Hollande schenken sich nichts: Sie wirft ihm vor, er rede
energiepolitisch um den heißen Brei, soll heißen: den AKW-Ausstieg, herum; und
mit der Schaffung von 300.000 Jobs für Junge verjuble er Milliarden. Beide
wurden aber nie persönlich, was auf die streitgewohnten Franzosen sehr wohltuend
wirkte.
Dennoch war sich Politmoderator Marc-Olivier Fogiel nicht zu schade zu
fragen, warum Hollande Aubry mit Küsschen begrüße, seiner ehemaligen
Lebensgefährtin Royal hingegen nur die Hand schüttle. Der PS-Favorit, der sich
eine medial wirksame Diät verschrieben hat, blockt solche und andere Fragen,
etwa nach seiner neuen Freundin Valérie Trierweiler, kategorisch ab. Die
Journalistin musste allerdings am Dienstag via Twitter bekanntgeben, dass sie
ihre TV-Politsendung einstellt.
Und die Polizei soll in ihrem Privatleben schnüffeln, wie L'Express
berichtete. Postwendend erstattete Innenminister Claude Guéant Strafanzeige
gegen das Nachrichtenmagazin wegen Verleumdung der Polizei. Sollte Sarkozy
involviert sein, würde das seinem Ruf weiter schaden. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.10.2011)