In Salzburg haben sich erstmals mehr deutsche als österreichische Studierende angemeldet - Die Deutschen lösen zwar kulturelle Konflikte aus, stellen aber auch eine Chance für die heimischen Universitäten dar
Salzburg/Wien - Die Eingangshalle der naturwissenschaftlichen Fakultät der Uni Salzburg ist rappelvoll. In kleinen Gruppen stehen junge Leute herum und vertreiben gemeinsam Zeit und Nervosität. Manche haben sich in ihre Unterlagen vertieft und es sich auf dem Boden gemütlich gemacht. Die Hälfte der Kandidaten, die heute die Aufnahmeprüfung für Kommunikationswissenschaften an der Uni Salzburg absolvieren, stammt aus Deutschland. So auch die 18-jährige Lena, die aus der Nähe von Stuttgart kommt: "In Österreich kann man halt leichter einen Studienplatz bekommen", meint sie und fügt fast entschuldigend hinzu: "Salzburg ist aber auch eine sehr schöne Stadt."
Insgesamt fehlen an den deutschen Unis für das nächste Jahr nach Berechnung der deutschen Hochschulrektorenkonferenz etwa 50.000 Studienplätze, wodurch sich die Numerus-clausus- Situation verschärft: Derzeit liegt er an der Uni München für BWL bei 1,7, für Kommunikationswissenschaft bei 1,9. Grund für die mangelnden Plätze sind die Abschaffung der Wehrpflicht und die Kürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre. Während sich im Jahr 2005 360.000 junge Menschen an einer deutschen Uni eingeschrieben haben, rechnet Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, mit rund 500.000 Studienanfängern für dieses Jahr. Es ist daher anzunehmen, dass der Anteil an deutschen Studierenden auch in Österreich drastisch steigen wird. Spürbar wird die akute Platznot vor allem in den grenznahen Uni-Städten: In Salzburg kamen Anfang August sogar 43 Prozent der Anmeldungen aus Deutschland - und nur 39 Prozent aus Österreich.
Kulturelle Unterschiede
Die Uni Wien hingegen verzeichnet einen konstanten Anteil an deutschen Studierenden - am Publizistikinstitut etwa liegt dieser seit Jahren zwischen 20 und 25 Prozent. Doch die Studenten aus dem Norden wirken durch ihre starke Präsenz im Studium überrepräsentiert: "In der Lehre muss man die Deutschen manchmal im Zaum halten, weil sie oft etwas zu sagen haben", meint Studienprogrammleiter Klaus Lojka: "Die Österreicher hingegen überlegen dreimal, ob sie sich zu Wort melden." Die Stimmung zwischen den Studierenden sei gut, da gebe es nichts zu "meckern", nur eine Eigenheit bleibt weiterhin ein Dorn im Auge für Lojka: "Wenn sich jemand mit ,tschüss' verabschiedet, finde ich das komisch, weil , tschüss' bei uns eine gewisse Nähe voraussetzt." Er sehe es als Aufgabe der Universität, "die Deutschen in die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Landes, in dem sie wenigstens einige Jahre verbringen, einzuweihen", und wünsche sich daher augenzwinkernd ein Plakat vor dem Institutseingang mit der Aufschrift "tschüssfreie Zone".
Deutsche studieren in der Regel schneller als ihre österreichischen Kommilitonen und schneiden auch bei den Aufnahmetests meistens besser ab. Das gilt auch für die Uni Salzburg. 75 Prozent jener, die sich für das Aufnahmeverfahren in Psychologie angemeldet haben, stammen aus Deutschland. Auch im Masterlehrgang liegt die Zahl der deutschen Studierenden bei mehr als 60 Prozent. Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle erkennt die akademischen Leistungen der Deutschen an den heimischen Unis an und bezeichnet sie im UniStandard-Interview als "tüchtige, zielbewusste Studierende". Dennoch entstehe durch sie ein "massives Ungleichgewicht". Der ehemalige Rektor der Uni Innsbruck verstehe daher erzürnte Eltern, die sich bei ihm beschweren, dass ihr Kind wegen den vielen deutschen Studierenden nicht mehr an einer österreichischen Uni studieren kann.
Ein Herd für Konflikte? "Vor allem nach den Aufnahmetests beschwerten sich ein paar Österreicher, dass die Fragen extra auf Deutsche zugeschnitten seien, aber im Laufe des Studiums hat sich das gelegt", erzählt Kristian, der seit fünf Jahren in Salzburg lebt und gerade an seiner Diplomarbeit in Psychologie arbeitet. Er möchte auch nach dem Studium in Salzburg bleiben. "Kein Problem" mit deutschen Studienkollegen hat Tanja, die in Salzburg Publizistik studiert: "Die meisten sind Bayern und kommen hier aus der Gegend."
Deutsche Fachkräfte
Viele Experten, darunter Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl, warnen vor einem Fachkräftemangel, der sich anbahnt. Kann Österreich nicht jene benötigten Fachkräfte aus dem Ausland rekrutieren, beispielsweise durch deutsche Studierende? Vorbild könnten die Niederlande sein, die bei der Beliebtheitsskala unseres Nachbarlandes ganz oben stehen: Die meisten Deutschen studieren nämlich dort - mehr als in Österreich. Das Beneluxland wirbt aufgrund des Fachkräftemangels aktiv um deutsche Studenten - und mit Erfolg: 50 Prozent der Deutschen bleiben auch nach Abschluss des Studiums im Land. Allerdings greifen die deutschen Studierenden für ein Studium in Holland - im Gegensatz zu Österreich - auch tief in die Tasche: 1672 Euro betragen die Studiengebühren dort. (Fabian Kretschmer, Thomas Macher, Sophie Niedenzu, UniStandard, 6.10.2011)