"Österreicher gehen gern ins Krankenhaus"

  • Ein Akutbett im Spital kommt pro Tag auf 300 bis 600 Euro.
    foto: apa/artinger

    Ein Akutbett im Spital kommt pro Tag auf 300 bis 600 Euro.

  • Marcel John: "Jedes Spital hat einen klaren Versorgungsauftrag der Stadt Wien."
    foto: herz-jesu krankenhaus gmbh, wien

    Marcel John: "Jedes Spital hat einen klaren Versorgungsauftrag der Stadt Wien."

Marcel John vom Herz-Jesu Spital über Kostenverringerung durch mehr Qualität und Synergieeffekte anstatt zugesperrter Krankenhäuser

Wien - Die Österreicher sind Europameister im Krankenhausbesuchen. 27 Prozent der Bürger lassen sich jährlich in einem Spital behandeln, im EU-Schnitt sind es nur 15 Prozent. Das kostet mehr Geld, als die Republik eigentlich hat. Dabei wären viele Patienten in Pflegeeinrichtungen besser versorgt, und billiger wäre es auch: Ein Akutbett im Spital kommt pro Tag auf 300 bis 600 Euro, ein Pflegeplatz auf 100 bis 200 Euro. "Effizienzsteigerung ist nicht mit Qualitätsverlust verbunden.", sagt Marcel John, Geschäftsführer des Herz-Jesu Spitals in Wien. Warum Spitäler dennoch nicht zusperren müssen, Qualitätsmanagement-Grundsätze mehr denn je gelten und die ganzheitliche Betrachtung des Patienten immer wichtiger wird, erzählt er im Interview mit derStandard.at.  

derStandard.at: Als Patient wünscht man sich doch vor allem zwei Dinge: Eine sichere und vor allem schnelle Behandlung ohne unnötige Wartezeiten. Ist das oberstes Ziel für ein Spital?

Marcel John: Die medizinische Ergebnisqualität muss stimmen, das geht einmal schneller und einmal langsamer. Bei elektiven Eingriffen müssen vorher Parameter abgeklärt werden, das Endergebnis sollte aber die hohe Sicherheit und die gute Qualität der Leistung sein.

derStandard.at: Auf die "teuren" Spitäler wird gerne hingehackt. Wie viel Einsparungspotenzial gibt es?

John: Dazu gibt es zig Studien, auch vom Rechnungshof. Die Vinzenz Gruppe (zu ihr gehören sieben Spitäler in Österreich, Anm.) bündelt einzelne Bereiche zu Zentralbereichen um Synergieeffekte zu erreichen. Wir haben eine Zentralsterilisation in Speising und ein Zentrallabor im Krankenhaus Göttlicher Heiland. Der Einkauf wird gebündelt, unsere IT-Strukturen laufen über einen Server, das sind die Vorteile, die ein Krankenhausverbund nutzen kann. Die Firma Santesis bündelt Know-how im Facility Management von Sozial- und Gesundheitseinrichtungen. Im Zuge dieser Maßnahmen spielt die Größe eines Hauses keine Rolle mehr, weil die Nachteile eines kleinen Spitals nicht mehr evident sind.

derStandard.at: Wie können Spitäler im Spannungsfeld zwischen Kostendruck und Qualität bestehen?

John: Die Frage ist, ob das überhaupt ein Spannungsfeld ist. Bei Kosten geht es ja im nächsten Schritt auch um den Nutzen. Ein guter Manager hat einmal gesagt: Wer Kosten spart, verringert die Qualität, und wer die Qualität verbessert, spart Kosten.

derStandard.at: Bei einer Gesundheitsdiskussion hieß es kürzlich aus dem Ministerium: "Wir müssen weg vom spitals- und versorgungslastigen Denken" - Betreuen die Spitäler zu viele Patienten?

John: Das glaube ich nicht. Wir haben noch immer Wartelisten und Bedürfnisse der Bevölkerung im Versorgungsbereich. Die Frage ist eher, ob dort die richtigen Leistungen erbracht werden. Liegen Pflegefälle in Akutbetten, macht das keinen Sinn. Lieber sollten eigene Pflege- und Rehabilitationseinrichtungen erweitert werden.

derStandard.at: Warum hat Österreich europaweit die meisten Spitalsbetten pro Einwohner?

John: Die Versorgung in den einzelnen Spezialbereichen ist nicht optimal. Die Österreicher gehen aber anscheinend auch sehr gerne ins Krankenhaus.

derStandard.at: Wie könnte man die Zusammenarbeit zwischen Spital und niedergelassenen Ärzten verbessern?

John: Es braucht noch mehr Kooperation und Wissenstransfer. Die elektronische Gesundheitsakte (ELGA) ist dabei ein guter Ansatz. Die Doppelbefunde müssen einfach wegfallen. Damit der Patient auch die richtige Therapie bekommt, ob stationär oder ambulant.

derStandard.at: Wird die 24-Stunden Betreuung flexibler?

John: Für eine Betreuung rund um die Uhr ist ein Akutspital notwendig. Dafür gibt es ja Struktur- und Qualitätskriterien. Ist das nicht mehr erforderlich, muss ein Patient ja nicht im Krankenhaus bleiben.

derStandard.at: Sollten manche Spitäler zugesperrt werden?

John: Das denke ich nicht. Jedes Spital hat einen klaren Versorgungsauftrag der Stadt Wien. Es geht um Kooperation und die Abstimmung der Leistungsbereiche. Da müssen sich auch die Spitäler untereinander besser koordinieren. Die Behandlungsketten müssen kürzer werden.

derStandard.at: Wie effektiv sind die Landes-Gesundheitsplattformen?

John: Das sind gute Plattformen, um genau diese Themen anzuregen und weiterzuführen. Zum Wohle des Patienten. Für mich hat Kostendruck nicht automatisch etwas mit schlechter werdender Qualität zu tun. Qualitätsmanagement setzt genau dort an.

derStandard.at: Braucht unser Gesundheitssystem mehr Geld?

John: Wir werden sicherlich mehr Geld brauchen. Wir kennen alle die demographische Entwicklung, früher tödliche Krankheiten werden heute zu chronischen. Der Fortschritt ist ein Segen, damit steigen aber auch die Kosten. Trotz aller Einsparungen. Die Medizin wird teurer, jeder kann sich für sich überlegen, ob das gut ist. Für die gesellschaftliche Entwicklung finde ich es in Ordnung und die Menschen werden auch in Zukunft für ihre Lebenserwartung einiges investieren wollen.

derStandard.at: Wie wird der neue Dienstleistungstypus des Krankenhauses der Zukunft aussehen?

John: Der Patient wird immer mündiger werden. Und mit dieser Mündigkeit steigt auch das Verantwortungsbewusstsein. Jeder Mensch soll an seiner Gesundheit arbeiten: mit Sport, richtiger Ernährung. Für uns im Spital wird die ganzheitliche Betrachtung des Patienten wichtiger. Da geht es um psychologische Betreuung, Krankenhaus-Seelsorge und Lebenshilfeberatung. Der Patient will stärker in sein Genesungskonzept eingebunden werden. Und dadurch ändert sich auch die Beziehung zwischen Arzt und Patient. (vet, derStandard.at, 7.10.2011)

MARCEL JOHN ist Geschäftsführer des Herz-Jesu Spitals im dritten Wiener Gemeindebezirk

Share if you care
23 Postings

So ein Quatsch, wer geht schon gerne ins KH? Blödsinn, jeder ist froh dieses unsägliche Gebäude nur aus beruflichen Gründen, oder als Besucher betreten zu müssen - aber sicher nicht als Kranker :(

Waaas? Wir gehen gerne ins Krankenhaus? So ein Topfen!
Und schon gar nicht in eins dieser schmuddligen Landkrankenhäuser. Bah, was ich da vor einigen Monaten erlebt habe! Dreckig, ausrangierte Ärzte, die sonst keiner mehr haben will, null Organisation - die Leute stehen STUNDENLANG herum: Ja, gleich, ja, eh gleich, Ja, Sie kriegen gleich Ihre Dokumente, ... Kein Platz zum Sitzen - nix!
Und der Dreck im Bad! Und in ein Dreibettzimmer wird bei der Türe noch der 5. Patient hereingeschoben - hat keine Anschlüsse nix!
Entsetzliche Zustände - bitte nie dorthin! Bitte!

sehr beliebt

die Interne. Besonders am Wochenende, meist nach dem Hauptabendprogramm im ORF wenn`s Bauchi extrem wehtut. Mehr als noch vor einer halben Stunde.

Auch die Kinderabteilung erfreut sich nachts und an den Wochendenden großer Beliebtheit, meist wegen Husten/Schnupfen/Heiserkeit oder einem Schas der plötzich arg zwickt. Fieber, ja, auch. Seit wann?-Na eh schon seit 2 Tagen.
Täusche ich mich, oder ist das Spital FÜR NOTFÄLLE!?

Genau das wäre ein Punkt, wo es dringend Handlungsbedarf gibt. Leute, die das Notfallsystem aus Komfortgründen missbrauchen. Die Spezialisten, die nicht stundenlang in der Ambulanz warten wollen und des nächtens auftauchen, wenn man gleich einen Parkplatz bekommt und kaum warten muss, wegen z B "Kreuzweh".

Budget ist Gestaltung und das Ergebnis, was dabei rauskommt

Seit der Deckelung des Spitalsaufwands durch die Krankenkassen (bei gleichzeitiger leistungsabhängiger Finanzierung im niedergelassenen Bereich) profitieren die Krankenkassen davon, dass in den Spitälern behandelt wird.

Österreich hat im Vergleich zu anderen Ländern eine schlechte Primärversorung. - Das Ergebnis ist also auch aus dieser Sicht kein Wunder.

Die Bevölkerung zahlt doppelt drauf: mit schlechter Gesundheit um einen höheren Preis.

Petition zur Stärkung der Allgemeinmedizin in Österreich:
http://www.ipetitions.com/petition/... inmedizin/

Fälsche nie eine Statistik...

Gott sei Dank war ich im Krankenhaus zuletzt bei meiner Geburt (ausgn. auf Besuch)

Wer begibt sich denn schon gerne ins "Vorzimmer des Todes" ???

Tagegeld, Unterhaltung (vor allem für ältere Menschen), 3 mal am Tag warmes essen, wenn man eine Zusatzversicherung hat liegt man halt zu weit in nem großen Zimmer, man kann sich durch checken lassen, wenn man raunzt gibts lecker Schmerzmittel und Schlafmittel, wenn man Glück hat gibts Massagen, Physiotherapie usw. Gibt noch viele Gründe mehr..

Gern Krank ?

Heißt das die Österreicher legen sich gern ins Krankenhaus, um dort mal kurz auszuspannen ?

Oder heißt es vielmehr, dass die Österreicher so krank sind?

Österreicher gehen also gern ins Krankenhaus. Na ja, ist ja auch ein schönes Hobby.

und ein nicht gerade billiges. hab vor jahren einen nierenstein gehabt, hätte nach dem zertümmern noch eine nacht im spital bleiben sollen, bin aber gleich nach hause gegangen, war eine pro forma stationäre aufnahme. ein paar monate später hat mir die gkk eine rechnung über ~ 13eur für eine im krankenhaus nicht verbrachte nacht geschickt :-(

Naja, gerne...

Was sein muß, muß halt sein.

kaum nachvollziehbar,

allein der fraß, der dort vorgesetzt wird, macht den gesündesten krank.

krankenhausküchen in österreich haben von gesunder kost wohl noch nie gehört. gekocht wird wie im bierkutscherwirtshaus: fett, fleisch und mehlpampe dominieren.

von der tatsache, dass die augen mitessen, mal ganz abgesehen.

der fraß in österreichs krankenhäusern ist wirklich zum abgewöhnen.

Spital =/= Hotel. Eine Tatsache die viele Österreicher gerne verwechseln.

falsch, darum geht es nicht!

es geht darum, dass kranke menschen gesunde nahrung verdienen und brauchen! und nicht krankmachendes junk food!

wozu rennen dutzende ernährungswissenschafter und diätassistentInnen durch unsere spitäler, wenn die tägliche krankenkost aus mehl, zucker, fett und fleisch, wurst und weissbrot/semmeln besteht?

das wäre übrigens eine gelegenheit, den menschen im spital eine ahnung von gesünderer ernährung zu vermitteln! es kann doch nicht sinn der krankenhausküchen sein, den leuten ihren gewohnten = krank machenden einheitsbrei vorzusetzen!

Klar: Die normalen Essen werden um 6 Uhr morgens gegart und dann bis Mittag warmgehalten, auch Fisch. Die Mahlzeiten für Erste-Klasse-Patienten stehen "nur" zwei bis drei Stunden im Warmhaltewagerl.

... wer es sich leisten kann, lässt sich gesundes Essen bringen.

"Österreicher gehen gern ins Krankenhaus"

Ich traue mich zu behaupten, dass es regional unterschiedlich ist.

Von "gern ins Spital" kann doch keine Rede sein. Vielleicht sollten eher die zeitlichen und qualitativen Verhältnisse von Ambulanzen und niedergelassenen Ärzten beleuchtet werden.
Abgesehen davon fühl ich mich auf einer Ambulanz besser betreut als von meinem Hausarzt...

Also ich geh ncht gern ins Spital. Ich bin gern gesund!

die österreich gehen gern ins spital, weil alles gebündelt untersucht und behandelt wird.

ist doch besser als zu hundert verschiedenen ärzten zu rennen und unendlich viel zeit zu verlieren. abgesehen davon, ist halt alles an geräten da, was gebraucht wird. es wird zeit, dass endlich gruppenpraxen kommen

Da gehe ich in freier Wildbahn lieber zu 5 verschiedenen Arztterminen, als freiwillig mich in so ein KH-Bett zum Durchuntersuchen z. B. - zu legen.

Das stimmt überhaupt nicht!Gerade im Spital kommt man immer wieder zum gerade diensthabenden Arzt und das ist nie der gleiche.Es gibt nicht in jedem Spital jedes Gerät und in Wien wird auch nicht jede Krankheit in jedem Spital behandelt.Ich frage mich bei der seit Jahren verbreiteten These,dass die Österreicher gerne ins Spital gehen,woher dieser Mythos kommt und mit wem das vor allem verglichen wird.Die Spitäler in Portugal oder Rumänien sind sicher nicht mit österreichischen zu vergleichen und es ist leicht vorstellbar,dass sich dort nur 10% der Bevölkerung behandeln lassen,was natürlich den Schnitt drückt.Diese Statistikgläubigkeit mit der immer bewiesen werden soll,was gerade politisch opportun ist,geht völlig an der Realität vorbei!

idealer patient für den staat..

immer maximalbeiträge blechen, nie krank, tod bei pensionsantritt.

Dafür bekommst Du vermutlich sogar die goldene Verdienstmedaille der Sozialversicherungsanstalt

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.