"Die gemogelte Milliarde steht in den Sternen"

Interview5. Oktober 2011, 16:14
15 Postings

Das neue ÖH-Quartett macht klar, warum die Uni-Milliarde kein Grund zu Freude und Studiengebühren zu fordern zynisch ist

UniStandard: Habt ihr, um Sigrid Maurer eine würdige Nachfolge zu sein, im Sommer am laufenden Band Rhetoriktrainings und Polit-Coachings absolviert?

Janine Wulz: Wir sind alle keine Super-Polit-Profis, sondern in erster Linie Studierende.

Angelika Gruber: Für Coachings war auch gar keine Zeit - wir hatten gleich die volle Bandbreite an Themen zu diskutieren: Voranmeldungen, Studiengebühren, Zugangsbeschränkungen.

UniStandard: Strukturell hat sich in der ÖH während der letzten Jahre nicht viel bewegt. Denkt ihr über Reformen nach?

Gruber: Beim Hochschülerschaftsgesetz möchten wir einiges ändern. Es ist nicht so, als würde uns Töchterle das schenken, was wir gerne hätten, aber er ist auf alle Fälle offen, etwa für die Wahlrechtsreform.

UniStandard: Wäre die ÖH-Zwangsmitgliedschaft nicht auch eine Reform wert?

Alle: Nein. Die Pflichtmitgliedschaft?

Martin Schott: Die Studierendenvertretungsarbeit besteht in dieser Qualität nur in Österreich. Wir haben ein Vorzeigemodell, dass sich auch andere Staaten wünschen. Die unabhängige Arbeit der ÖH ist nur durch die verpflichtende Mitgliedschaft möglich.

UniStandard: Wie ist das Gesprächsklima mit Minister Karlheinz Töchterle?

Wulz: Freundlich im Ton, aber hart in der Sache. Wir würden uns schon erwarten, dass er zumindest seinen Koalitionspartner - aber vor allem uns Studierende - miteinbezieht, bevor er eine neue Idee veröffentlicht.

UniStandard: Ihr seid der einzige Player im Hochschulbereich, der sich nicht über die angekündigte Hochschulmilliarde freut. Warum nicht?

Gruber: Das ist keine richtige Milliarde, sondern 300 Millionen, die auf drei Jahre aufgeteilt werden. Dieser Minibetrag wird nur dafür gebraucht, den Uni-Betrieb aufrechtzuerhalten. Verbessern wird sich dadurch sicher nichts.

Peter Grabuschnig: Selbst diese gemogelte Milliarde steht aber in den Sternen, denn der Minister hat das Geld an den Hochschulplan geknüpft. Wenn die Vorgaben nicht erfüllt werden, wird es kein Geld geben.

UniStandard: Die Antwort ist zwar zu erwarten, aber wie steht ihr zu Studiengebühren?

Wulz: Gerade in diesem Herbst über Studiengebühren zu diskutieren halte ich für unglaublich zynisch: 27.000 Studierende bekommen seit zwei Monaten keine Familienbeihilfe mehr, tausende müssen den doppelten Versicherungsbeitrag bezahlen, und die Wohnheimpreise steigen ebenfalls. 60 Prozent der Studierenden arbeiten neben dem Studium 20 Stunden pro Woche, um über die Runden zu kommen. Da kommt Töchterle und meint, 90 Euro Studiengebühren im Monat sind kein Problem. Mit so einer Leichtigkeit kann so etwas nur jemand sagen, der selber ein Ministergehalt verdient.

UniStandard: Die Studienplatzfinanzierung ist beschlossene Sache. Wie steht ihr dem gegenüber?

Gruber: Für Studienplatzfinanzierung in Zusammenhang mit Zugangsbeschränkungen gibt es von uns ein ganz klares Nein.

UniStandard: Die bevorstehende Diskussion zur Festlegung von Kapazitäten im Zuge der Studienplatzfinanzierung lehnt ihr also von vornherein ab?

Schott: Es ist schwierig, etwas anzunehmen, wenn man nicht eingeladen wird, mitzuarbeiten.

Gruber: Töchterle soll mir erst einmal erklären, was die sogenannte Kapazität überhaupt ist. Es ist ja kein Naturgesetz, wie viele Menschen an einer Uni studieren können. Studienplatzfinanzierung funktioniert auch ohne Zugangsbeschränkungen. Das ist eine ganz einfache Multiplikationsrechnung - ein bestimmter Finanzierungssatz pro Studierenden. Das Einmaleins ist ganz leicht.

UniStandard: Was wollt ihr in der Zeit im Vorsitzteam erreichen?

Grabuschnig: Bildung in Österreich mitgestalten zu können.

Gruber: Dass wir in zwei Jahren sagen können, Studierenden geholfen zu haben.

Schott: Dass die ÖH nicht immer als politische Partei wahrgenommen wird.

Wulz: Mehr Studierende motivieren zu können, selber Politik zu machen. (Lara Hagen, UniStandard, Printausgabe, 6.10.2011)

Janine Wulz (26), studiert Politikwissenschaft in Wien und ist Vorsitzende der ÖH-Bundesvertretung.

Angelika Gruber (25), stellvertretende Vorsitzende, studiert Volkswirtschaft an der WU Wien.

Martin Schott (25), zweiter Stellvertreter, studiert Biotechnologie in Wien.

Peter Grabuschnig (22) ist Generalsekretär der ÖH und studiert Tourismusmanagement an der FH Wien.

  • "Freundlich im Ton, aber hart in der Sache": Martin Schott (FLÖ), Janine
 
Wulz (Gras), Peter Grabuschnig (Fest) und Angelika Gruber (VSStÖ) 
starten in den zweijährigen ÖH-Vorsitz.
    foto: standard/hendrich

    "Freundlich im Ton, aber hart in der Sache": Martin Schott (FLÖ), Janine Wulz (Gras), Peter Grabuschnig (Fest) und Angelika Gruber (VSStÖ) starten in den zweijährigen ÖH-Vorsitz.

Share if you care.