"Dieser ECTS-Verschulungswahnsinn"

Interview5. Oktober 2011, 18:49
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Karlheinz Töchterle über die Reform der Studierendenrechte, EU-Ausgleichszahlungen und seine Machtlosigkeit als Minister

UniStandard: Herr Minister, leben wir in der bestmöglichen aller Universitätswelten?

Töchterle: Meine Vision der idealen Universität ist die folgende: Feststehen muss das Ziel, also welches Wissen sich die Studierenden bis zum Ende ihres Studiums angeeignet haben müssen. Der Weg dahin soll völlig frei sein. Das wäre ein riesiger Abbau von Bürokratie. Dieses Aufzählen, Messen und Vergleichen von ECTS-Punkten ist schrecklich. Ein Effekt wäre, dass ich so immer das große Ganze im Auge habe und nicht froh bin, dass ich meine Scheine abhaken und wieder vergessen kann.

UniStandard: Wie umsetzbar ist Ihre Vision?

Töchterle: Ich bin zutiefst überzeugt von dieser Utopie, aber auch genauso realistisch: Sie wird nicht kommen. Ich kann nur versuchen, ihr in kleinen Schritten gerecht zu werden. Selbst als Minister kann ich diese Vision nicht umfassend umsetzen. Das zeigt die Machtlosigkeit gegenüber Diskursen und Systemen, denn im Grunde machen wir genau das Gegenteil mit diesem ECTS-Verschulungwahnsinn. Natürlich brauchen wir auch eine gewisse Verschulung - das will ich gar nicht schlechtreden. Bevor ich eine glänzende Cicero-Interpretation liefern kann, muss ich Cicero erst mal lesen und verstehen können. Auch in der Physik kann ich nicht gleich mit der Quantenphysik beginnen.

UniStandard: Auch die Studierenden haben ihre Vorstellungen einer idealen Uni. Dazu werden sie Ihnen demnächst einige Änderungen zum Hochschülerschaftsgesetz vorschlagen, das die Rechte der Studierendenvertreter regelt. Wie stehen Sie dazu?

Töchterle: Diesbezüglich bin ich prinzipiell aufgeschlossen. Das ist allerdings eine nicht unkomplizierte Materie. Ich strebe eine Konsenslösung bis zur nächsten ÖH-Wahl an.

UniStandard: Dabei ist ein Kernanliegen der ÖH die Einführung des passiven Wahlrechts für ausländische Studierende.

Töchtlere: Grundsätzlich bin ich hier offen.

UniStandard: Die ÖH-Vorsitzende Janine Wulz bekommt für ihren Etwa-60-Stunden-Job 550 Euro im Monat, können Sie sich eine Erhöhung vorstellen?

Töchterle: Damit war ich bisher noch nicht konfrontiert. Aber spontan klingt das natürlich nach wenig Geld für viel Aufwand.

UniStandard: An welche Vorgaben ist die angekündigte Hochschulmilliarde gebunden? Sie haben versichert, dass sie nicht an die Studiengebühren gebunden ist, aber wie sieht es aus mit Platzbeschränkungen, die ja im Zuge der Studienplatzfinanzierung notwendig sind?

Töchterle: Die Hochschulmilliarde ist Teil eines umfassenden Qualitäts- und Leistungspakts, an den Hochschulplan gebunden und damit auch an die Studienplatzfinanzierung und Kapazitätenfestlegung.

UniStandard: Zielen Sie mit Ihrem Modell gestaffelter Studiengebühren für verschiedene Fächer auf eine Lenkung der Studienströme nach Bedürfnissen des Arbeitsmarkts ab?

Töchterle: Diese Strategie können die Unis anwenden, wenn sie eine gesellschaftliche Steuerung anstreben. Meine Vorstellung der Universität ist jedoch, dass sie mehr als die Ausbildungsstätte für Berufsbedürfnisse ist.

UniStandard: Dieses Semester haben sich an der Uni Salzburg erstmals mehr Deutsche als Österreicher vorangemeldet. Sind Ausgleichszahlungen in Sicht?

Töchterle: Nein. Aber kürzlich gab es ein Treffen im derzeitigen EU-Vorsitzland Polen. In Krakau hat mir meine polnische Kollegin zugesagt, dass sie das Thema der asymmetrischen Mobilität erstmals auf die Agenda setzen wird. Wir haben es also geschafft, dass das Problem auf europäischer Ebene thematisiert wird. Es wird aber ein langwieriger Prozess werden, denn letztendlich muss das Thema in die Frage münden: Soll es eine europäische Hochschulfinanzierung geben?

UniStandard: Finden Sie die Entwicklung problematisch, dass immer mehr deutsche Studenten nach Österreich kommen?

Töchterle: Ja und nein. Grundsätzlich ist Internationalität ein Kennzeichen von Universitäten. Ausländische Studierende sind mir sehr willkommen, gerade auch die deutschen. Das sind meist tüchtige, zielbewusste Studierende. Aber es entsteht auch ein massives Ungleichgewicht. Erzürnte Eltern beschweren sich oft bei mir, dass es ein Wahnsinn ist, dass ihr Kind nicht mehr an der Landes-Uni studieren kann, weil da so viele Deutsche sind. Diesen Standpunkt verstehe ich natürlich auch. Das ist ein schwieriges Feld mit nur begrenzten Lösungsmöglichkeiten.

UniStandard: In den Niederlanden gibt es noch mehr deutsche Studierende als in Österreich. Dort freut man sich über das akademische Potenzial.

Töchterle: Die Niederlande haben auch saftige Studiengebühren. Das wird uns auch immer auf europäischer Ebene vorgehalten: "Wieso hebt ihr nicht einfach Studiengebühren ein?" (Tanja Traxler, Fabian Kretschmer, UniStandard, 6.10.2011)

Karlheinz Töchterle (63) ist seit April parteifreier Wissenschaftsminister im Team der ÖVP. Der Altphilologe war zuvor seit 2007 Rektor der Universität Innsbruck.

  • Karlheinz Töchterle sind ausländische Studierende "sehr willkommen, 
gerade auch die deutschen". Er versteht aber ebenso Eltern, die um die 
Studienplätze ihrer Kinder fürchten.
    foto: standard/fischer

    Karlheinz Töchterle sind ausländische Studierende "sehr willkommen, gerade auch die deutschen". Er versteht aber ebenso Eltern, die um die Studienplätze ihrer Kinder fürchten.

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