Die Angst der Eltern vor der Volksschule

6. Oktober 2011, 06:15
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Was erwarten österreichische Mamas und Papas für ihre Kinder von der ersten Schulstufe? Eine Befragung in zwei Wiener Schulen

"Für mich ist am wichtigsten, dass täglich Englisch unterrichtet wird", sagt Barbara W. Die Bank-Mitarbeiterin hat ihren Vierjährigen schon jetzt in einem zweisprachigen Kindergarten untergebracht. Sie selbst habe in der Volksschule nur einzelne Worte wie "Cat" und "Dog" gelernt. Das Resultat: In der ersten Klasse Mittelschule hatte sie gleich eine Nachprüfung, "die sich gewaschen hat". Das will sie ihrem Sohn nun ersparen. Obwohl noch zwei Jahre Zeit sind, bis er in die Schule kommt, schaut sie sich schon jetzt alle Volksschulen in Hietzing an. "Am allerwichtigsten ist aber, dass die Lehrerin nett ist", sagt Barbara W. Vom heutigen Tag der offenen Tür erhofft sie sich, "die Lehrerin" kennen zu lernen, die in zwei Jahren eine erste Klasse übernimmt. Hier in Hietzing sei es unproblematisch, das Kind in eine öffentliche Schule zu geben. "Bei der Stadthalle oder in Favoriten würde ich mein Kind ehrlich gesagt nicht in eine öffentliche Schule geben." Weil der "Ausländeranteil" in manchen Bezirken sehr hoch sei, fürchtet sie, dass ihr Kind nicht ausreichend lernt.

Quotenzwang

"Es kann nicht sein, dass hier in Ober St. Veit pro Klasse höchstens ein Kind mit Migrationshintergrund ist, während an anderen Volksschul-Standorten der Migrantenanteil fast bei 100 Prozent liegt", sagt Patricia K., Leiterin einer Marketingabteilung. Sie hat einen Sohn in einer privaten Volksschule untergebracht und sucht nun für ihre Tochter eine öffentliche Volksschule. "Direktoren sollten gezwungen werden, eine bestimmte Quote mit MigrantInnen zu erfüllen", sagt sie. Direktoren würden es sich hier mitunter einfach machen, indem sie für weniger Erwünschte plötzlich keinen Platz mehr frei haben. "So manche Lehrer aus Hietzing geben ihre Kinder innerhalb des Gürtels in die Schule." Dort gibt es Ganztagsschulen mit einem abgerundeten pädagogischen Konzept. Für Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, werden zusätzliche Sprachlehrer eingestellt. "Hier im Westen Wiens gibt es wenige Ganztagsvolksschulen. Da ist fünf Stunden Unterricht und danach Aufbewahrung im Hort Programm." Lieber wäre ihr jedoch eine Ganztagsschule, in der Unterricht und Freizeitgestaltung über einen Tag hinweg sinnvoll aufeinander abgestimmt werden. 

Der Horror ab der Schulpflicht

Das halbe Gehalt müsse die dreifachen Mutter aufgrund des mangelhaften Angebots für Kinderbetreuung ausgeben. "So lange das Kind noch im Kindergarten ist, lässt es sich mit dem Job gut vereinbaren. Ab der Schulpflicht beginnt der Horror." Auch die Privatschule ihres Sohnes sei nicht das Gelbe vom Ei. Monatlich bezahlt sie 400 Euro inklusive Nachmittagsbetreuung und Essen. Trotzdem hat die Schule offenbar finanzielle Probleme. "Wir müssen Kreiden kaufen und die Lehrer fluktuieren stark." Nach welchen Kriterien sie nun also die Schule für ihre Tochter auswählt? "Das Gesamtbild muss stimmen. Die Schule sollte freundlich sein und mir ist auch wichtig, wie Bildung vermittelt wird. Ist da Spaß dabei oder alles sehr ernst." Die Schule könne jedoch nicht alles bewerkstelligen. "An den Kindern merkt man genau, wo auch die Eltern dahinter sind oder ob sie sich Nachhilfestunden für ihre Kinder leisten können."

Szenenwechsel: Wien, 2.

In einer Ganztagsschule im zweiten Bezirk sorgen sich am Tag der Wiener Schulen die Eltern vor allem um die Betreuung ihrer künftigen Schulkinder. "Mir persönlich ist die Lehrerin oder der Lehrer sehr wichtig. Das muss eine liebe Person sein, mit der man viel Zeit verbringen will. Meine größte Angst ist, dass diese Person irgendwie ungut zu meinem Kind ist", sagt Catarina P., die ihren Sohn hier zur Schule schicken will. Grundsätzlich hatte sie bis vor kurzem eher Bedenken, was eine Ganztagsschule betrifft, weil sie sich nicht vorstellen konnte, ihr Kind so lange einer anderen Person anzuvertrauen. Aber vielleicht sei der Übergang vom Kindergarten hier sogar leichter, weil es auch abwechselnde Einheiten zwischen Lernen und Freizeit gibt. Der Anteil von Kindern, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, spielt für sie keine Rolle. Sie wisse aus ihrer beruflichen Erfahrung durch Workshops an verschiedenen Schulen, dass das Niveau auch sehr niedrig sein kann, wenn nur drei Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache in der Klasse sind: "Mir ist wichtig, dass mein Kind gefördert wird und nicht blockiert. Aber ich glaube nicht, dass das mit dem Ausländeranteil zusammenhängt, sondern damit, wie es den anderen Kindern geht und wie diese unterstützt werden."

Loslassen

"Ich wohne direkt gegenüber und sehe über den Balkon in die Klassenzimmer", erklärt eine andere Mutter. Die Nähe zum Wohnort sei aber nicht das Hauptkriterium für die Schulwahl. Für sie ist vor allem wichtig, wie das Kind gefördert wird, speziell in künstlerischer und kreativer Hinsicht. Auch Sport findet sie wichtig und "dass es in der freien Zeit kein starres System gibt". Ein Elternpaar, das den Sohn nun seit einem Monat in der Ganztagesschule hat, nutzt den Tag der offenen Tür, um zu beobachten, was der Kleine hier eigentlich den ganzen Tag treibt. Sie räumen ein, dass es nicht so leicht gewesen sei, das Kind loszulassen und ab dem zweiten Schultag schon am Schultor für den ganzen Tag abzugeben. Für das Kind selbst sei es aber kein Problem gewesen.

Durchmischung

Der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund sei für die Entscheidung schon ein Thema gewesen. "Mir war schon wichtig, dass das Verhältnis passt", sagt die Mutter des Erstklasslers. "Ich bin stark dafür, dass es in allen Schulen eine gute Durchmischung gibt, und dass nicht in einzelnen Schulen quasi nur Kinder mit Migrationshintergrund sind", ergänzt der Papa. Für die Mutter mit der Wohnung in Wurfweite, die selbst ein dunkelhäutiges Kind hat, ist das Ausländerthema nicht wichtig, sondern die Bildung, die ein Kind auch vom Elternhaus mitbringt. Ihr Kind sei jetzt in einem mehrsprachigen Kindergarten, wo das Klientel vor allem aus Nicht-Österreichern aus der Mittelschicht oder Oberschicht kommt. Wenn einzelne Kinder "hinten nach" seien, dann würde das nicht tragisch sein, 50 oder mehr Prozent würden aber schon ein Problem darstellen, finden alle drei.

Spaß am Lernen statt Elitenbildung

"Mein Sohn soll den Spaß am Lernen nicht verlernen", ist das Um und Auf für eine weitere Mutter. Ob ihr Kind in ein Schulsystem mit mehr oder weniger Zwang kommt, will sie den Pädagogen überlassen: "Ich habe mich damit überhaupt nicht auseinandergesetzt. Wenn jemand ein Pädagogik-Studium gemacht hat, dann traue ich dem zu, das zu entscheiden. Wenn’s nötig ist, dann ist ein gewisses Maß an Druck sicherlich nicht unangebracht." Von ihrem Kind wisse sie, dass es nicht immer zwanglos Dinge tue. Den Migranten-Anteil an einer Schule betrachtet diese Mutter auch als Lehre für das Leben: "Wenn es in Wien einen Ausländeranteil an Schulen gibt, dann gibt es den auch im realen Leben und meinem Kind wird es gut tun, damit umzugehen. Je eher desto besser." Sie hofft, dass die Kinder ein halbwegs gleiches Niveau haben, und fügt hinzu: "Aber ehrlich: Was lernt man in der Volksschule? Das ist doch nicht wirklich die Elitenbildung, oder?" (Katrin Burgstaller, Rainer Schüller, derStandard.at, 5.10.2011)

  • Welche Sorgen begleiten Eltern bei der Volksschul-Auswahl ihrer Kinder? derStandard.at hat am Tag der Wiener Schulen eine nicht repräsentative Befragung in zwei Bezirken durchgeführt.
    foto: der standard/matthias cremer

    Welche Sorgen begleiten Eltern bei der Volksschul-Auswahl ihrer Kinder? derStandard.at hat am Tag der Wiener Schulen eine nicht repräsentative Befragung in zwei Bezirken durchgeführt.

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