Die Stadt der vier Frühlinge

6. Oktober 2011, 09:00
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Kunming ist heute für sein angenehmes Klima und die Gemütlichkeit bekannt. Doch die Geschichte der Provinz Yunnan ist ziemlich turbulent

In Kunming angekommen, habe ich das Ziel meiner Reise und meine Heimat für die nächsten Monate erreicht. Kunming, die Hauptstadt der südlichen Provinz Yunnan, wird unter Chinareisenden oft als exotisch und "ganz anders als der Rest von China" beschrieben - eine ungewöhnliche Hauptstadt einer ziemlich "unchinesischen" Provinz. Der Grund wird klar, wenn man sich mit der Vergangenheit von Yunnan auseinandersetzt.

Eine turbulente Region mit abtrünniger Vergangenheit

Die Provinz Yunnan hat eine lange Geschichte als abtrünnige Region. Waghalsige Staatsgründer widersetzten sich bereits im achten Jahrhundert der Zentralmacht, und auch nach der institutionellen Wiedereingliederung durch die Mongolen kam es immer wieder zu Abspaltungen und massiven Aufständen, deren Niederschlagung zahllose Menschenleben kosteten.

Im heutigen China grenzt Yunnan mit seinen 45 Millionen Einwohnern, unter anderem an Burma, Laos, Vietnam sowie die Autonome Region Tibet. Diese sensible strategische Lage und die ethnische Vielfalt veranlasste die Regierung nach der Gründung der Volksrepublik 1949 dazu, die Provinz stärker und endgültig an China zu binden. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis auch die letzten Gebiete in Yunnan überhaupt für Han-Chinesen* zugänglich waren. Viele Minderheiten - darunter Kopfjäger, die sich auf Han-Köpfe spezialisiert hatten, nahmen die kommunistischen Delegierten nicht so freundlich auf wie erhofft. Die chinesische Regierung versucht heute, die vielen Minderheiten der Provinz durch insgesamt acht Autonome Bezirke mit Sonderrechten zu versöhnen.

Peking ist weit weg...

Auch heute, da Yunnan mit seiner Hauptstadt Kunming ausdrücklich zum chinesischen Regierungsgebiet gehört, entziehen sich die Bewohner mit bemerkenswerter Sturheit den Vorgaben der Zentralregierung. Die bedeutendste Gesetzesüberschreitung ist sozialer Art: Sehr viele Familien haben eindeutig mehr Kinder, als die Ein-Kind-Politik zulässt. Darunter sind zwar viele Angehörige jener Minderheiten, die von Rechts wegen mehr Kinder haben dürfen, aber auch viele Han-Chinesen. Wenn sie nach dem Grund gefragt werden, erfolgt nur ein Achselzucken: "Beijing ist weit weg".

Hauptstadt der Gemütlichkeit

Kunming ist in ganz China bekannt als die Stadt der vier Frühlinge, denn die Temperaturen schwanken zwischen 30 Grad im Sommer und zehn Grad im Winter und werden als "frühlingshaft" beschrieben. Aus diesem Grund gibt es äußerst selten Aircondition oder Heizung, was die Raumtemperaturen im Winter doch empfindlich tief sinken lässt. Die Stadt ist zudem berühmt für ihre Gemütlichkeit. Diese beginnt bei der wichtigsten Sache in China, dem Essen. Während in Peking und Shanghai das Frühstück oft auf dem Weg zur Arbeit im Laufen gegessen wird, sitzen die Arbeiter hier unbeeindruckt bei Sojamilch und Baozi** an öffentlichen Plätzen und diskutieren über die neusten Zeitungsmeldungen. Statt "guten Appetit" sagt man "man man chi" - "Essen Sie nur langsam". Eile ist ein unbeliebtes Wort und nur Neuankömmlinge versuchen vergeblich pünktlich zu sein und sich der teilweise verzweifelten Verkehrslage zu stellen. Hier wartet man lieber länger, trinkt noch einen Tee oder geht gleich zu Fuß. Der häufigste Kommentar bei allen Tätigkeiten ist "man man zou" - nur schön langsam alles angehen, nur nichts übereilen.


*Der Name "Han" geht zurück auf die Han-Dynastie zwischen und wurde zur Selbstbezeichnung für die heutige chinesische Mehrheitsbevölkerung. Nach offizieller chinesischer Lesart gibt es neben den Han-Chinesen in China weitere 55 Nationalitäten - ethnische Gruppen, die als anerkannte "nationale Minderheiten" gelten. (Quelle: Nationale Minderheiten in China, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 39)

**Baozi: gedämpfte Teigtaschen

  • Der Cuihu See ist eine Oase der Ruhe mitten in der Innenstadt.
    foto: an yan

    Der Cuihu See ist eine Oase der Ruhe mitten in der Innenstadt.

  • Die ruhige Tempel-Umgebung wird auch zum Rauchen, Reden und Kartenspielen genutzt.
    foto: an yan

    Die ruhige Tempel-Umgebung wird auch zum Rauchen, Reden und Kartenspielen genutzt.

  • Einige alte Häuser trotten der Erneuerungswut.
    foto: an yan

    Einige alte Häuser trotten der Erneuerungswut.

  • Kunmings Straßen an einem verkehrsruhigen Tag.
    foto: an yan

    Kunmings Straßen an einem verkehrsruhigen Tag.

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