Das Internet als Kettensprenger

Gastkommentar
5. Oktober 2011, 10:08

Das Internet mag neue Arbeitsformen ermöglichen - doch bestehende Hierarchien lähmen das Potential, die Arbeitswelt zu revolutionieren. Innovation wird zunehmend durch Illusion ersetzt - Von Nicole Mayer-Ahuja

"The world is flat" - so fasste Thomas L. Friedman seine These zusammen, dass durch Informations- und Kommunikationstechnologien Machtungleichgewichte beseitigt würden: zwischen Weltregionen, die leichter als Investitionsstandorte konkurrieren könnten, aber auch zwischen Arbeit und Kapital.

Ein Möglichkeitsraum mit vielen

Gerade das Internet gilt gemeinhin als Kettensprenger - sei es im "arabischen Frühling", im Berliner Parteiensystem oder in Bezug auf "Arbeit am Netz". Wer das Internet hat, braucht keine Organisation mehr, so die frohe grundliberale Botschaft. Aus arbeitssoziologischer Sicht sind jedoch Zweifel angebracht. Zwar trifft es zu, dass Technik soziale (Macht)Verhältnisse am Arbeitsplatz prägt - nicht umsonst entstanden Arbeiter und Gewerkschaftsbewegung im Zeitalter der "großen Maschinen", weil die massenhafte Zunahme standardisierter Arbeitsbedingungen die Organisierung von Beschäftigten erleichterte. Doch der Umkehrschluss (individualisierte Web-Arbeit = machtvolle individuelle Interessenvertretung) greift offenkundig zu kurz.

Die technologische Innovation "Internet" eröffnet lediglich einen Möglichkeitsraum: So kann man (technologisch betrachtet) in webbasierten Tätigkeiten leichter Telearbeit leisten oder Arbeitszeiten freier gestalten als in vielen anderen Industrie- oder Servicejobs. Doch welche Konditionen tatsächlich gelten, entscheidet sich nicht im (angeblich herrschaftsfreien) Netz, sondern in der betrieblichen Herrschaftskonstellation vor Ort.

Internet-Startups waren cool und egalitär, solange die Branche boomte und die Nerds bei Coke und Pizza Nächte durcharbeiteten. Sobald die Dotcom-Blase jedoch platzte und zahlreiche Arbeitsplätze vernichtet waren, wurden in jenen Firmen, die übrig blieben, neue Hierarchieebenen eingezogen, Arbeitszeiten an Kundenwünsche angepasst und mancherorts kurz vor Konkurs Betriebsräte gegründet.

Internationale Kooperationen

Auch in transnationalen IT-Konzernen schafft das Internet technische Möglichkeiten für hierarchiefreie Kooperation: Immerhin arbeiten KollegInnen etwa in Deutschland und Indien webbasiert direkt in virtuellen Teams zusammen. Dies ändert jedoch wenig an der Führungsrolle deutscher Teamteile, und die engmaschige Kontrolle indischer Arbeitskraft führt teilweise dazu, dass nur Deutsche, nicht aber Inder Arbeit mit nach Hause nehmen dürfen. Ausschlaggebend für konkrete Arbeitsbedingungen ist also auch hier nicht die technische Vernetzung, sondern die Macht von Individuum und „Standort" im Unternehmen.

Internet kann Organisation weder schaffen noch ersetzen

Weil das Internet jedoch inzwischen (fast) allgegenwärtig ist, taugt es immer weniger als Instrument, um die eigene Verhandlungsposition zu verbessern. Vielmehr kommen "alte" Machtungleichgewichte selbst in "neuen Branchen" verstärkt zur Geltung: Hochqualifizierte (meist männliche) Programmierer in Europa haben gänzlich andere Verhandlungsmacht als (oft weibliche) Callcenter-Agenten in Indien. Die Hoffnung auf das Internet als Kettensprenger wirkt sogar lähmend, wenn sie die Illusion nährt, sich individuell in einem hierarchiefreien Raum zu bewegen.

Das Internet kann Organisierung weder schaffen noch ersetzen, doch es mag wiederum Möglichkeitsräume eröffnen: für den direkten Austausch zwischen Arbeitenden in verschiedenen Weltregionen, für eine kritische Verständigung darüber, was "gute Arbeit" ausmacht und was ihr im Wege steht, und nicht zuletzt: für internationale Solidarität. (Nicole Mayer-Ahuja, derStandard.at, 5.10.2011)

Autor

Nicole Mayer-Ahuja, The European, ist Arbeitssoziologin und Direktorin des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) an der Universität Göttingen. Ihre Interessensgebiete umfassen Arbeit, Arbeitsmarkt und Sozialpolitik im historischen und internationalen Vergleich.

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12 Postings
Dass zwischen der supermodernen Teöearbeit und der...

....supermodernen Teamarbeit irgendwie ein ein Widerspruch besteht, ist den Soziologen natürlich nicht bekannt, da sie ja die Arbeitswelt nur von außen kennen.

Teamarbeit ist mehr, als 20-minütige Telekonferenzen. Der Großteil der Kommunikation findet bei Kaffee-Pausen oder beim Mittagessen statt.
Teammitglieder, die nicht anwesend sind, werden schnell zum Befehlsempfänger, weil sie bei der eigentlichen Entscheidungsfindung nicht anwesend waren.

Und dieses verstaubte 68er Macht-Gelaber ist praktisch ungefähr so relevant, wie Binnen-Is in Betriebsratsbroschüren.

seit oberstufenzeiten höre ich von der telearbeit als arbeit der zukunft. jetzt sind gut 15 jahre vergangen und ich hock noch immer büro.

Das Technik nicht von selber

zu mehr Gleichheit führt ist ein ziemlich trivialer Gedanke.
Interessanter wäre die Frage bzw. die Antwort darauf: Welche praktische Massnahmen gibt es um das Ungleichgewicht zu reduzieren?
Da sind die Soziologen dann meistens Schmähstad bzw. sie erklären, dass das nicht ihre Aufgabe ist.

C'mon. Sie wissen mit welchen Geschichtlnerzaehlern von Soziologen wir es zu tu haben

Die Continentale Philosophie und ihre Methode

Mich beunruhigt es eigentlich nicht mehr das die "Continentals", also die rationalistische Sozio-Philosophie (etc.) in bester Marxistischer, Feministischer Tradition ihr Ideologiegeruest nur auf Anektoten aufbauen (ob es da auch Anektotische Evidenz dazu gibt koennte man wohlwollend noch hoffen). Mich aergert es nur wenn sie junge Leute damit fangen, die ihre Zeit mit dem Senf vergeuden.

Es gibt keine blödere These

als "the world is flat".
Friedmann besucht ein indisches Technologie-Zentrum. Dort erklärt ihm der Leiter: "The playing field has leveled". Worus Friedmann schliesst "the world is flat".
Tatsächlich sind auf einer Kugeloberfläche auch alle auf demselben Niveau. Aber das übersteigt die Mathematik-Kenntnisse eines amerik. Autors und seiner Leser.

Also in meiner Firma (12.000 Mitarbeiter)

hätten es die Manager am liebsten wenn alle zu Hause arbeiten würden. Weil sie sich dann Mio Euro an Betriebskosten ersparen würden.

Darf nicht immer glauben dass die Arbeitgeber unbedingt Telearbeit gegenüber immer negativ eingestellt sind.

Das halte ich für ein Gerücht

Die Manager haben das Gefühl, dass sie die Leute nicht mehr unter Kontrolle haben.
Ich mache selbst u.A. Auftragsarbeiten für die Entwicklungsabteilung eines Deutschen Konzerns. Zuerst sass ich physisch dort. Es ist mir aber das Hin- und Herfahren zu anstrengend geworden. Also hab ich gesagt: Leutln, ich will das zu Hause machen. Is ja heute kein Problem mehr. Stundensatz ist derselbe. Ihr erspart euch auch das Geld für den Arbeitsplatz.
Die Reaktion war: Njet.
Meine Reaktion war: Ich komm am Montag nicht mehr. Ihr könnt mir aber die Arbeit schicken.
Nachdem sie keinen Ersatz hatten, ist die Arbeit dann doch gekommen.
Aber von "lieber haben" konnte keine Rede sein.

dann arbeiten sie scheinbar nicht

für eine firma wo in zukunftfür umgerechnet 100 Angestellt nur mehr umgerechnet 75 Arbeitsplätze zur Verfügung stehen und man in zukunft wenn man zu spät kommt es sein kann dass man dann keinen platz zum arbeiten mehr bekommt weil einfach kein platz da ist.

Sowas gibts?

Ich mein schon real oder nur als einer der vielen neuen Ideen die dann nicht umgesetzt werden.

nennt sich table sharing. aber nachdem bei uns eh auch immer einige im außendienst unterwegs sind geht man davon aus dass es eh nie vorkommt dass alle gleichzeitig herinnen sind. aber was wenn doch?

Was ich nicht ganz verstehe...

... ist, inwiefern das Internet die "Verhandlungsmacht" zwischen "hochqualifizierten (meist männlichen) Programmierern aus Europa" und "(oft weiblichen) Callcenter-Agenten in Indien" gleichsetzen sollte.

Wer hätte dergleichen jemals ernsthaft gedacht?

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