"Freiwilligenarbeit lässt Kriminalität sinken"

Interview |
  • Die Anforderungen an Freiwillige werden immer größer.
    foto: apa/hans klaus techt

    Die Anforderungen an Freiwillige werden immer größer.

  • "Heute sind die Leute mehr auf ihren eigenen Nutzen bedacht", sagt Bernhard Hofer.
    foto: public opinion

    "Heute sind die Leute mehr auf ihren eigenen Nutzen bedacht", sagt Bernhard Hofer.

Soziologe Bernhard Hofer über falsch gehandhabte Anerkennung, gesünderes Leben und Österreichs internationale Vorreiterrolle

derStandard.at: Wie wichtig ist das Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit?

Bernhard Hofer: Es ist im Hinblick auf die vielen Freiwilligen, die wir in der Europäischen Union und dabei vor allem in den alten europäischen Ländern haben, ein erstes wichtiges Signal. Es kann aber nur ein erster Schritt sein. Man hat in der EU erkannt, dass Freiwilligentätigkeit ein wichtiger Bereich ist. Immerhin spricht die jüngste europäische Studie von 92 bis 94 Millionen Europäern über 15 Jahren, die in diesem Sektor tätig sind.

derStandard.at: Welche Stellung hat die Freiwilligenarbeit in Österreich im Vergleich zu Europa?

Hofer: Es gibt in Europa vier Länder, die bei der Freiwilligenarbeit hervorstechen: Schweden, Großbritannien, Niederlande und auch Österreich. Diese Staaten haben einen Freiwilligenanteil von mehr als 40 Prozent. Insofern hat der Freiwilligenbereich in Österreich einen sehr hohen Stellenwert und auch eine lange Tradition. Die geht bis ins 19. Jahrhundert zurück, als die ersten Vereinsgründungen stattgefunden haben. Diese waren zwar in erster Linie politisch und kirchlich geprägt, sind später aber auch in den Kultur- und Bildungsbereich eingedrungen.

derStandard.at: Wie sieht die Lage der Freiwilligentätigkeit in Österreich jetzt aus? 

Hofer: Wir haben in Österreich ein breites Spektrum an Freiwilligenarbeit. Dabei wird zwischen formellen und informellen Tätigkeiten unterschieden. Formelle Arbeit bezeichnet Tätigkeiten, die in eine organisatorische Form gebracht wurden. Das betrifft etwa die Freiwillige Feuerwehr, Rettung oder das Volksbildungswerk. Seit ein paar Jahren findet in dieser Gruppe ein Wandel statt: Stagnation bei den Mitgliederzahlen und Engagements zu Gunsten von eher informellen Freiwilligentätigkeit. Dabei schließen sich Menschen kurzfristig zu Projekten zusammen, ohne eine rechtliche Basis in Form eines Vereins zu gründen.

derStandard.at: Wie können die Organisationen auf diesen Wandel reagieren?

Hofer: 90 Prozent aller Vorstände der Freiwilligenorganisationen sind von älteren und langgedienten Mitgliedern besetzt. Ich möchte die Leistung dieser Personen nicht pauschal schmälern, aber ich frage mich, ob diese Personen auch flexibel genug sind. Können sie den gesellschaftlichen Wandel auch auf ihre Organisation übertragen. Wesentlich ist, dass sich die Organisationen ständig die Frage stellen: Kümmern wir uns um unsere Freiwilligen in der richtigen Form? Wie sieht die Belohnung aus? Überfordern wir manche Personen? Aus welchen Motiven engagieren sich die Freiwilligen bei uns?

Ich habe den Verdacht, dass viele Altfunktionäre noch immer von jenen Motiven ausgehen, die sie einst in den Verein gebracht haben. Das waren oft selbstlose Motive. Heute sind die Leute mehr auf ihren eigenen Nutzen bedacht. Das ist nicht schlecht, aber die Organisationen müssen diesen persönlichen Vorteil auch vermehrt transportieren und bewerben.

derStandard.at: Welche Vorteile haben Freiwillige durch ihr Engagement? Sie sprechen in einem Artikel in "soziologie heute" vom sozialen Kapital. Was bedeutet das?

Hofer: Freiwillige wollen sich selbst verwirklichen, interessante Menschen kennenlernen, ihr Wissen erweitern und neue Erfahrung sammeln. Beim Thema soziales Kapital habe ich auf Robert Putnam und sein Buch "Bowling Alone" Bezug genommen. Er sagt, dass soziale Netzwerke und die damit zusammenhängenden Formen der Gegenseitigkeit eine Energiereserve bilden, die sich auf das Wohlbefinden und die Stabilität der Gesellschaft auswirkt.

Er hat unter anderem auch aufgezeigt, dass dort, wo diese sozialen Netze sehr dicht und Menschen in Vereine eingebunden sind, die Kriminalitätsrate, politische Korruption und Drogenabhängigkeit sinken. Daraus folgt Putnam, dass man in soziales Kapital investieren soll. Das heißt es sollen Familien, Vereine und andere Gemeinschaftsformen unterstützt werden. Es gibt außerdem Untersuchungen im angloamerikanischen Raum, dass sich Freiwilligenarbeit positiv auf die physische und psychische Gesundheit der Engagierten auswirkt. Daraus lässt sich folgern, dass mehr Freiwilligenarbeit zu einem besseren Leben führt.

derStandard.at: Gibt es auch Probleme bei der Freiwilligenarbeit in Österreich?

Hofer: Insbesondere bei der Rettung gibt es die Diskrepanz zwischen Hauptamtlichen und Freiwilligen. Es wird mittlerweile von beiden Gruppen die gleiche Arbeit erbracht, da die Anforderungen an die Freiwilligen verständlicherweise immer größer werden. Die Frage ist, wie lange können die Menschen das Engagement noch neben ihrem zivilen Hauptberuf erbringen, wenn sie im Gegensatz zu den Hauptamtlichen nichts bezahlt bekommen? Je professioneller eine Freiwilligenorganisation auftritt und je mehr Anforderungen sie an die Freiwilligen überträgt, desto schwieriger wird es für diese. Die Folge ist, dass die ursprünglichen Beweggründe für das Engagement ins Wanken geraten, weil es so viel Zeit kostet, dass kaum mehr Raum für Privatleben bleibt und die Menschen sich überfordert fühlen.

derStandard.at: Sie sprechen in dem vorher bereits genannenten Artikel auch von "falsch gehandhabter Anerkennung" für Freiwillige.

Hofer: Es kann nicht sein, dass man einmal im Jahr die Freiwilligen vor den Vorhang holt. Es ist zwar gut, dass einzelne Personen mit ihrem Werdegang, Engagement und Motiven in den Medien dargestellt werden, aber ich habe die Befürchtung, dass diese Aktionen nach dem Europäischen Jahr der Freiwilligen nicht mehr stattfinden werden. Man sollte sich bewusst werden, dass mit dem Engagement der gesamte komplexe Bereich unserer Gesellschaft zusammenhängt: Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Worauf man nicht vergessen sollte: Jugendliche und Freiwilligenarbeit. Mein Wunsch für die kommenden Jahre ist, dass man sich Rahmenbedingungen für den Bereich überlegt und Jugendliche vermehrt in Organisationen einbindet. Es geht hier nämlich um die nächsten Generationen der Freiwilligen.

derStandard.at: Was muss sich von Seiten der Politik ändern?

Hofer: Ich glaube, dass mit dem Österreichischen Freiwilligenrat bereits vor längerer Zeit ein wichtiger Schritt gesetzt wurde. Damit ist es aber nicht getan. Wichtig ist, dass sich die Politik bewusst wird, dass Freiwilligenorganisationen der maßgebliche Motor zivilgesellschaftlichen Engagements sind und vieles bewegen können. Insofern ist es wichtig, dass Politiker den Kontakt zu den Organisationen suchen. Viel stärker als bisher.

Sie sollten nicht nur Ehrenamtsfunktionen wahrnehmen, sondern auch die Organisationen an entsprechenden gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten teilhaben lassen. Eine Verminderung der rechtlichen Einschränkungen, die es den Organisationen schwer machen, wäre wünschenswert. Die Politik darf sich nicht zurücklehnen und hoffen, dass Organisationen wie das Rotes Kreuz oder das Hilfswerk die Arbeit machen und der Staat auf der anderen Seite aber keine Mittel zur Verfügung stellt. (Bianca Blei, derStandard.at, 5.10.2011)

Bernhard Hofer ist Geschäftsführer bei Public Opinion/Institut für Sozialforschung in Linz und Chefredakteur des Fachmagazins "soziologie heute". Derzeit beschäftigt sich Hofer schwerpunktmäßig mit der Forschung in den Bereichen Sozialkapital und Sicherheitspolitik.

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na sowas

hier wird das arme rote kreuz bemitleidet, das im gegenzug zu anderen organisationen verbindungen ins parlament hat. Das sich so seine eigenen gesetze schreiben lässt (Sanitätergesetz) und so Konkurrenz vom Hals hält und so ausnahmen bei zB Kinderarbeit zusichert,...

Also das arme rote kreuz ist hier sicher das falsche opfer.

Freiwilligenarbeit ist auf jeden Fall etwas gutes. Vor allem, weil ich (in der Regel) die Leute beisammen hab, die aus Spaß an der Sache Mitwirken wollen.

Ich würde die Politik gerne in der Freiwilligkeit sehen. Dann wäre für Kandidaten wir Kurz und co. die Politik wieder uninteressant, da die schnelle Kohle futsch ist. Im Gegenzug kämen die an die Macht, die wirklich etwas bewirken wollen.

Hoffentlich sind Sie nicht Samariter, denn dann wäre das "Politik"-Argument etwas wackelig ;)
Sonst bin ich, was das betrifft, vollkommen Ihrer Meinung.

Uebersetzung

Wir haben verschiedene Witze entwicklet: Praktikum, Freiwiligenarbeit, Praxis und Zivildienst um unsere Pfruende zu sichern und auf Kosten der Armen uns mit den Banken einen Karl zu machen. Besonders wichtig dabei ist uns der moralische Aspekt, der uns erlaubt die Schuld an unserer Strafbarkeit Anderen in die Schuehe zu schieben.

die österreicher sind bei freiwilligenarbeit ganz vorne mit dabei. die macht nämlich im gegensatz zur berfufstätigkeit meistens echt sinn. mit dem

BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINKOMMEN für alle

wird sich dieser trend entscheidend steigern, denn für das blosse auskommen ist dann schon gesorgt. da der wirtschaft die kraft zur arbeitsmarkt-lüge ausgegangen ist, steht nun auch offiziell fest, dass die arbeitslosigkeit weiter eskaliert. die wirtschaft braucht also auch freiwillige arbeitslose,es wird nie mehr genug arbeitsplätze für alle geben, ausser die gesamte digitale technologie gerät plötzlich in vergessenheit, das würde die computertechnologie aber auch schon automatisch verhindern.

BGE - sozialer friede, national/global.

3 Millionen Freiwillige in Österreich

aber ein Bedingungsloses Grundeinkommen, nein, das kann nicht funktionieren.

bitte nehmen sie sich die zeit und googeln sie das BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN bevor sie es aus der hüfte beschiessen.

sarkasmus nicht verstanden, santa fe.

ich hab dir gestern den link zu den 3 mio freiwilligen gepostet ;)

tut mir leid, aber ich bin mit so viel primitiv-kritik, die wie ironie klingt, zugedeckt, dass ich offenbar echte ironie kaum mehr ausmachen kann...

Zivildiener

Auf dem Foto ist eindeutig das Zivildienstabzeichen zu erkennen. Es handelt sich also nicht um Freiwillige und noch nicht einmal um "Hauptamtliche".

Es sind Männer die unter Androhung stattlicher Repression zur Arbeit gezwungen werden.

Diese Foto ist schlecht gewählt, aber ich vermute es war keine böse Absicht. Persönlich empfinde ich die Zwangsarbeit für eine demokratische Republik unerträglich. Die Mehrheit in diesem Land anscheinend nicht.

ich kann mir schon vorstellen, dass das in manchen köpfen garnet unterschieden wird. darauf weißen vielleicht so kleine details hin wie, dass man als zivildiener ja garnicht "bezahlt" sondern nur "entschädigt" wird. wahrscheinlich macht mans auch deshalb freiwillig weil man ja auch zum heer hätte gehen können :D

des staates feuchter traum..

millionen freiwillige, die ohne bezahlung immer mehr aufgaben in der gesellschaft übernehmen.

Gut das wir alle der Staat sind!

sie mögen glauben dass das Volk der Staat ist...

aber sie werden leider feststellen müssen dass in unseren Zeiten die Feinde des Staates zum Volk WERDEN....

ich habe das auch vor Jahren geglaubt.....

Stellen Sie sich vor, sie zahlen Steuern

Freiwillig.
Und zwar viele Tausend Euro im Jahr.
Gibt es nicht?
Gibt es doch.
Man nennt es Ehrenamtlichkeit.
Nur werden die Steuern nicht in Geld, sondern in Arbeit geleistet.
Stellen Sie sich vor, sie zahlen Steuern, und zwar in der Form, dass sie einer karitativen Einrichtungen ein Immobilie überlassen.
Das wäre dann ein Ehrenamt, dass man nicht durch Arbeit, sondern durch sein Vermögen leistet.
Gibt es nicht?
Gibt es tatsächlich nicht.

gibt es doch

z.b. kann ute bock auf solche immobilien zurückgreifen.

stimmt

die sie nicht einmal bezahlt, und sich dann beschwert, wenn diese nicht mehr zur verfügung stehen

Das Problem ist,

daß sich der Staat freut über möglichst viel Freiwilligenarbeit, weil er dann nicht gezwungen wird, dafür zu sorgen.Ich habe mich in den 80igern mit Herrn Khol wochenlang gematcht, weil er eben die "gesellschaftliche Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe" eingefordert hat.

Ich habe ihm dann erklärt, wie das ist mit Kinderbeaufsichtigung, Babysitten, Kinderbetreuung (Wanderungen,Spielplatzgehen) usw. (von dem jemand wie er natürlich keine Ahnung hat).

Genauso wie ich große Hochachtung vor Mutter Theresa habe, aber gleichzeitig mich frage, warum sie nicht mehr bei der Regierung insistiert hat, sich um die Müllkinder zu kümmern.

Und nein - ich glabe nicht, daß das eine Abschiebung der Verantwortung auf den Staat ist.

Mutter Theresa hatte irgendwie einen Armutsfetisch.

"!Die Patienten mussten im Sterbehaus vielfach auf primitiven Feldbetten in großer Zahl auf engstem Raum vegetieren und auch die Nahrungsversorgung war nicht immer im nötigen Umfang gewährleistet; etliche der dem Orden gespendeten Häuser waren ursprünglich gut ausgestattet, wurden aber auf Anordnung Mutter Teresas auf äußerste Schlichtheit und Armut umgestaltet (u. a. wurden vorhandene neuwertige Matratzen entsorgt und es wurde nicht oder kaum geheizt)."

wurde sie nicht, als sie krank war, in ein schweizer spital gejettet?

Seins net so schiach

Dafür haben die armen Kinderln eh mit den Nonnen kuscheln dürfen...

Das FreiwilligenUNwesen treibt aber seltsame Blüten

Hochmotivierte und geringstqualifizierte Freiwillige sorgen im Rettungswesen immer wieder für spektaküläre Unfälle mit Sach- und Personenschäden.

Und manche meinen, ohne freiwillige Feuerwehr und ihren tatendrangbeseelten Mitgliedern würde man gar keine Feuerwehr brauchen.

Aber wer würde dann den jungen Leuten das Koma-Saufen beibringen?

Unterm Strich wäre wohl eine professionelle Organisation weit effizienter und billiger. Man möge nur die millionenteure Ausrüstung und Gebäude in jeder Pimperlgemeinde zusammenrechnen! Die dann im Ernstfall ohnehin kein Freiwilliger ordnungsgemäß bedienen kann.

Zuwas ein "professioneller Rettungsdienst" führt, sieht man sehr gut bei der Falk-Group. Die bieten für einen Bruchteil des Preises, wie Rotes Kreuz, Samariterbund, Johanniter und Malteser einen Rettungsdienst, einen Feuerwehrdienst und einen

Wachdienst in einem an - und hebeln damit die schwer wieder aufzurichtenden Freiwilligensysteme aus. In einem 10-Jahres-Vertrag fahren sie mit Verlust. Dann - wenn kein sinnvolles Freiwilligensystem mehr steht, können sie nach belieben den Preis diktieren.
Fazit: Eine freiwillige Rettung (ad exemplum) erhöht nicht nur die Sicherheit der Gesellschaft (aufgrund gut ausgebildeter Sanitäter, die nicht nur im Dienst Ahnung von ihrem freiwilligen Job haben) sondern kommt auch langfristig billiger. Warum sie glauben, dass im Ernstfall kein Freiwilliger ein Gerät bedienen kann geht mir auch nicht ein. In Tirol gibt's dazu ein gutes Jahr Berufsausbildung - dann drei Tests, einer davon staatlich-kommissionell. Die können alle mit ihrem Gerät umgehen.

Systemgedanke statt Einzelüberlegungen

Ich denke nicht, dass ein Angestelltensystem, ich vermute des meinen Sie mit "professionelle Organisation" effizienter und billiger wäre. Zunächst heißt "freiwillig" per se nicht schlecht ausgebildet. Egal, ob in der Feuerwehr, im Rettungsdienst, oder bei der Bergrettung haben die MitarbeiterInnen, egal ob diese angestellt sind oder freiwillig, eine Aus- und Fortbildung die teilweise bundesgesetzlich geregelt ist. Gerade im Krisen- und Katastrophenfall hat das Österreichische Ehrenamtsmodell im Blaulichtbereich enorme Aufwachsfähigkeit, die man so in kaum einem anderen Land ohne "Freiwillige" finden kann.

kennen sie solche fälle?

jedenfalls ein beweis dafür, dass die leute überfordert sind.

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