Die Arbeitsbiene des Fußballs ist kein "Siebesiech"
Es ist gewiss ein schöner Zufall, dass Marcel Kollers Engagement als neuer österreichischer Teamchef exakt acht Jahre nach dem Tiefpunkt seines Trainerlebens bekanntwurde. Am 3. Oktober 2003, nach der fünften Niederlage en suite, hatte die Vereinsspitze des Grasshopper Clubs Zürich Kollers Rücktrittsgesuch angenommen.
Schweren Herzens, denn Koller gehörte seit 1972 der Hoppers-Familie an, sechs Jahre später, mit 18, unterschrieb der gelernte Sanitärinstallateur aus dem Zürcher Stadtkreis Schwamendingen seinen ersten Profivertrag für den Schweizer Rekordmeister. Koller absolvierte im Mittelfeld bis 1996 mehr als 400 Ligaspiele für den GCZ, war siebenmal Meister und fünfmal Pokalsieger - unter Trainer-Ikonen wie Hennes Weisweiler, Ottmar Hitzfeld oder Leo Beenhakker. Zwischen 1986 und 1988 tanzte der stets verlässliche, ernsthafte, als Arbeitsbiene beschriebene 55-fache Internationale, der sich ein Leben ohne Fußball nicht vorstellen kann ("Dann wäre ich tot") nach der Pfeife des Tirolers Kurt Jara, der auch als Teamchef im Gespräch war.
Zehn schwerere Verletzungen hatte der Spieler Koller erlitten, der in einer Fan-Umfrage als Nummer 42 unter die 50 wichtigsten Schweizer Fußballer aller bisherigen Zeiten gereiht wurde. Als Trainer trug Koller, der sich zur Jahrtausendwende mit der ersten St. Gallener Meisterschaft seit 1904 für höhere Aufgaben empfohlen hatte, seelische Blessuren davon.
Zuerst bei seinem Abgang in Zürich, nur wenige Monate nach dem Meistertitel. Dann in Deutschland, wo er beim 1. FC Köln Lukas "Prinz Poldi" Podolski entdeckte, nach dem Abstieg 2004 aber entlassen wurde. Fünf Jahre später sagte Bochum "Danke, Marcel", obwohl zuvor die drittbeste Ligaplatzierung der Vereinsgeschichte (8.) herausgeschaut hatte.
Im Vorjahr machte die Meldung die Runde, dass Koller, der in guten Jahren auf Einnahmen in Höhe von 1,4 Millionen Franken und also gleichauf mit DJ Bobo taxiert wurde, stempeln gehe. Das hat dem Ansehen Kollers, laut Eigendefinition kein "Siebesiech" (berndeutsch ironisch für Alleskönner), nicht geschadet. Wohl geschadet hat die Trennung von seiner Familie vor zehn Jahren, von Gattin Jolanda und den damals minderjährigen Kindern Vanessa und Kevin. "Nur daheim fehlt mir manchmal das Gschpüri", hatte Koller kaum ein Jahr davor anlässlich einer Homestory in der Schweizer Illustrierten bekannt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 5.11. 2011)