"Wer verzweifelt denn? Das ist doch alles Humbug"

Interview4. Oktober 2011, 18:07
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Europa muss Griechenland weiter finanziell unterstützen, sagt der Chef der europäischen Grünen, Daniel Cohn-Bendit

Die Menschen verstehen das - man müsse ihnen nur die Wahrheit sagen, sagt er zu Saskia Jungnikl.

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STANDARD: Soll die EU weiterhin Geld an Griechenland überweisen?

Daniel Cohn-Bendit: Sie soll nicht nur, sie muss.

STANDARD: Wie soll verhindert werden, dass die Bevölkerung frustriert ist, fortlaufend Vertrauen in die Regierung verliert und sich gegen weitere Zahlungen wehrt?

Cohn-Bendit: Man muss mit den Leuten reden und ihnen die Wahrheit sagen.

STANDARD: Was ist die Wahrheit?

Cohn-Bendit: Es braucht geordnete und ordentliche Verfahren. Man muss den Griechen natürlich etwas abverlangen, aber man darf nichts von ihnen fordern, was sie unmöglich leisten können. Von Beginn an war das Irrsinn. Man konnte nicht erwarten, dass die Griechen ein Defizit von zehn Prozent innerhalb von zwei Jahren auf ein Defizit von sechs Prozent bringen. Es braucht realistische Ziele. Die griechische Wirtschaft ist verunsichert, und sie braucht einen zeitlichen Aufschub, um sich zu verändern. Dieser Aufschub wird durch Zahlungen kurzfristig ermöglicht - ohne die wird es keinen Reformkurs geben.

STANDARD: Also ohne Geld kein Reformkurs.

Cohn-Bendit: Zahlen wir jetzt nicht, wird es für uns alle teurer.

STANDARD: Der Eindruck, dass die Politiker die Wahrheit sagen, dass sie wissen, wohin es gehen soll, um den Wirtschaftsschaden kleinzuhalten, scheint immer mehr Menschen verlorenzugehen.

Cohn-Bendit: Ich weiß nicht, wie es ist. Ich weiß nur, wie es sein sollte und wie ich es mache. Da lese ich den Titel der Kronen Zeitung: "Europa verzweifelt an den Griechen" - das ist doch alles Humbug! Wer verzweifelt denn? Da draußen (deutet auf den Volksgarten) liegen Menschen in der Sonne - die sind nicht verzweifelt. Da wird suggestiv eine Stimmung erzeugt, die so nicht da ist. Natürlich sind die Leute vorsichtig, aber da muss man sie mit auf den Weg nehmen. Und das kann nur mit dem Aussprechen der Wahrheit und mit Aufklärung passieren.

STANDARD: Braucht es eine Wirtschaftsregierung?

Cohn-Bendit: Die Europäische Kommission ist eine Wirtschaftsregierung. Es wäre unsinnig, ein Parallelinstrument einzuführen. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.10.2011)

DANIEL COHN-BENDIT (66) ist gemeinsam mit Rebecca Harms Kovorsitzender der Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament. Er ist deutsch-französischer Politiker und Publizist.

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    foto: matthias cremer
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