"Vertrauen ist gut, Probenbesuche sind besser"

4. Oktober 2011, 17:55
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Am Donnerstag wird Kevin Rittbergers "Puppen" uraufgeführt - Theaterleiter Andreas Beck über die neue Spielzeit und den Lohn der Arbeit

Standard: Sie eröffnen die Saison mit drei Premieren hintereinander: mit der Uraufführung von Kevin Rittbergers "Puppen", der Dramatisierung von Marlene Streeruwitz' Roman "Entfernung" und der österreichischen Erstaufführung von Ewald Palmetshofers "Körpergewicht. 17%". Gibt es ein Überthema als Klammer?

Beck: Arbeitslohn und Lohn der Arbeit: Zwischen diese beiden vermeintlich ähnlichen, aber bei genauerer Betrachtung doch ziemlich verschiedenen Polen hält sich die gesamte kommende Spielzeit auf. Rittberger beschreibt eine postabsurde Theaterszene, in der es die Arbeit nicht mehr gibt und der Mensch nicht nur aus seiner Arbeit, sondern aus seiner Identität gefallen ist. Bei Streeruwitz verliert eine Dramaturgin der Wiener Festwochen nicht nur ihren Job, sondern auch ihre Identität und findet auf einer merkwürdige Odyssee durch Europa zu sich selbst. Und Palmetshofer monologisiert über von der Gesellschaft "Ausgespieene", die sich in einem Körper begegnen.

Standard: Wie verlaufen die "Puppen"-Proben?

Beck: Wir haben vorgearbeitet, dann wurde alles verworfen und wieder in Frage gestellt. Regisseur Robert Borgmann ist als Regisseur ja immer auch ein Autor, der Dinge neu montiert, in Frage stellt. Augenblicklich lebt es von einer Nichtvorhersehbarkeit. Rittberger, der ja auch selber inszeniert, ist ein großer Fan Borgmanns. Und sagt: "Wenn er das so möchte, dann lass ihn doch mal." Ich denke: Vertrauen ist gut, Probenbesuche sind besser. Es sind jedenfalls spannende Tage und Stunden!

Standard: Greifen Sie ein, wenn Sie unzufrieden sind?

Beck: Ich greife immer im Endprobenprozess ein. Das können wenige Bemerkungen sein, und manchmal muss man ganz radikale Fragen stellen. Die wichtigste ist: Warum beginnt der Mensch jetzt zu sprechen, welchen theatralen Ort baust du mir da? Was ist der Impetus der Akteure, mir das jetzt zu erzählen? Meine Fragen in den Endproben sind immer die nach der Rahmung.

Standard: Sie haben selber Regie geführt, auch gespielt. Warum haben Sie damit aufgehört?

Beck: Weil ich erkannt habe, dass andere Leute begabter sind. Ich habe, wie ich glaube, eine Zeitlang nicht unbegabt Regie geführt. Aber ich hatte dann Glück - oder Pech? -, dass ich über die Dramaturgie an Regisseure wie Leander Haußmann oder Hans Neuenfels geriet.Und die fand ich um Längen begabter als mich! Ich wäre ein durchschnittlicher und hin und wieder sicher auch erfolgreicher Regisseur geworden. Aber ich hab erkannt, dass meine Art, Theater zu betreiben, anders funktioniert.

Standard: Wie?

Beck: Ich erzähle - früher als Dramaturg, jetzt als Theaterleiter - gern in großen Bögen. Das Ideen-Entwickeln, Themen-Finden, aus dem heraus sich schließlich eine Plot-Line herausschält: Welche Regisseure interessieren uns in dem Zusammenhang? Wem vergeben wir den Stückauftrag?

Standard: Selber schreiben hat Sie nicht gereizt?

Beck: Doch, aber ich habe keinen Erzählimpuls. Und ich bin zu faul. Mich interessiert mehr, Menschen zusammenzubringen.

Standard: Ihr Vertrag wurde kürzlich auf acht Jahre verlängert. Wie lange wollen Sie Schauspielhaus-Chef bleiben?

Beck: Ich denke nicht nach, was ich in vier Jahren machen werde. Jetzt bin ich bin da, wo ich bin, sehr gern. Ich habe verlängert, weil ich glaube, dass es wichtig ist, unserem Projekt Dauer zu geben. Eine Galerie der Gegenwart als Theater kann funktionieren, 82 Prozent Auslastung zeigen, dass wir ein immer breiter werdendes Publikum ansprechen.

Standard: Zwar gibt's die Galerie als Rang im Theater, Aber klingt Galerie der Gegenwart nicht eher nach bildender Kunst?

Beck: Unsere Arbeit ist mit üblicher Theaterarbeit wirklich nicht zu vergleichen. Wir zerbrechen uns nicht den Kopf über die heutige Relevanz von Klassikern, sondern fragen uns, welche Themen relevant sind. Das ist ein völlig anderer Diskurs. Wenn man im KHM eine Ausstellung moderner Kunst macht, so steht die doch immer im Dialog mit den Klassikern. In einer Galerie der Gegenwart unterhält man sich ganz anders über Themen.

Standard: Verlieren Sie langsam dieses Alleinstellungsmerkmal?

Beck: Konkurrenz belebt! Ich finde immer gut, wenn man nicht der einzige Hecht im Karpfenteich ist. Doch das Schauspielhaus nimmt im deutschsprachigen Raum nach wie vor eine singuläre Position ein.

Standard: Was ist eigentlich Ihr Lohn der Arbeit?

Beck: Durch die Arbeit zu lernen: Das ist ein Privileg meines Berufs (Andrea Schurian, DER STANDARD/Printausgabe 5.10.2011)

Andreas Beck (46), geboren in Mülheim/Ruhr, war Dramaturg u. a. in München, Hamburg und Stuttgart sowie ab 2002 am Wiener Burgtheater. Seit 2007 leitet er das Schauspielhaus Wien, zudem unterrichtet er an der Universität für angewandte Kunst.

  • Beck: "Ich finde immer gut, wenn man nicht der einzige Hecht im Karpfenteich ist."
    foto: heribert corn

    Beck: "Ich finde immer gut, wenn man nicht der einzige Hecht im Karpfenteich ist."

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