"Peinlich, mit dem Auto ins Zentrum zu fahren"

4. Oktober 2011, 17:58
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Verkehrsplanung, von Männern gemacht: Soziologin Kristine Beuret erforscht die kreativen Möglichkeiten intelligenter Verkehrssysteme und spricht sich für "The female approach" aus

Markus Guldenschuh sprach mit ihr über Tempo, Technik und autofreie Städte.

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Standard: Welche Möglichkeiten beinhaltet der Begriff "Intelligent Transport Systems" (ITS), die in früheren Verkehrsplanungen nicht berücksichtigt wurden?

Beuret: Früher hatte man nur die Möglichkeit, ein paar Verkehrstafeln aufzustellen. Es war sozusagen eine Laissez-faire-Welt. Heute hat man durch die Echtzeitdaten, die zur Verfügung stehen, viel kreativere Möglichkeiten. Das reicht von variablen Geschwindigkeitsbeschränkungen über Zuflussregelungen - was bedeutet, dass nur Fahrzeuge auf die Autobahn dürfen, wenn die Kapazitäten gegeben sind - bis zur externen Geschwindigkeitskontrolle des Fahrzeugs, um beispielsweise im Konvoi zu fahren.

Standard: Bedeutet das also, alles der Technik zu überlassen?

Beuret: Es kann natürlich der Eindruck entstehen, es sei eine rein technische Angelegenheit. Aber das ist es nicht. Es werden hier immer noch Werte abgebildet, die sich hinter der Technik verbergen.

Standard: Welche Werte wären das?

Beuret: Es wurden früher oft alle Bemühungen darauf gerichtet, Straßenverstopfungen zu vermeiden, während sich zur selben Zeit riesige Fußgängerstaus gebildet haben, weil die Fußgänger Ewigkeiten warten mussten, um die Straße zu überqueren. ITS soll sich auch der Fußgeher annehmen. Und für mehr Verkehrssicherheit sorgen. In Gegenden, von denen wir wissen, dass dort oft das Geschwindigkeitslimit überschritten wird, können wir beispielsweise mit ITS die Geschwindigkeit extern drosseln. Es gibt auch Sensorsysteme, die ein auf die Fahrbahn rennendes Kind erkennen und automatisch abbremsen. Eines der größten Probleme ist, dass sich nur die Reichen solche Autos werden leisten können.

Standard: Studien belegen, dass vor allem Kinder aus ärmeren Gegenden Opfer von Verkehrsunfällen werden. Wo setzen Sie hier an?

Beuret: In einem Projekt haben wir den Kindern GPS-Empfänger gegeben, mitverfolgt, welche Wege sie gehen, und dort Fußgängerübergänge geschaffen. Es müssen aber auch öffentliche Plätze sicherer und Parks attraktiver gestaltet werden, damit die Kinder nicht mehr auf der Straße spielen. Es gab lokale Parks, in die Kinder nicht gingen, weil sie dunkel waren, von Drogenabhängigen genutzt wurden, es keine geeigneten Sanitäranlagen gab und überall Hundekot lag. Nachdem wir die Parks verbessert haben, konnte man einen Rückgang der Verunglückten beobachten.

Standard: Sie haben sich in Ihrer Forschungsarbeit auch mit älteren Menschen im Verkehr beschäftigt. Zu welchen Schlüssen sind Sie gekommen?

Beuret: In Großbritannien können Siebzigjährige eine freiwillige Erklärung abgeben, die besagt: Mir geht's gut, ich kann weiterhin fahren, aber es gibt keine richtigen medizinischen Tests. Wir wissen jedoch, dass viele Menschen, die fahren, verwirrt sind, nachtblind oder anders beeinträchtigt. Was ich mir wirklich wünsche, ist ein Hightech-Auto für die ältere Generation, und ich verstehe nicht, warum das von niemandem vermarktet wird. Viele ältere Menschen haben genug Geld, aber sie bekommen kein Angebot, welches Auto sie für die letzten zehn Jahre ihrer Lenkerkarriere kaufen sollen.

Standard: Sie setzen also eher auf Technologie, anstatt den Menschen das Fahren zu verbieten?

Beuret: Ich setze ein wenig auf beides. Aber viele ältere Menschen wohnen in den Vororten und haben keine andere Möglichkeit, als mit dem Auto von A nach B zu kommen. So wie wir unsere Städte und Vororte geplant haben, kann man alten Menschen nicht das Fahren verbieten.

Standard: Was ist das Problem mit unseren Städten und Vororten?

Beuret: In England sind die Zielgruppen für Wohnungen im Stadtzentrum junge Singles oder höchstens Pärchen. Wer eine Familie gründet, zieht hinaus in die Vororte. Das muss sich ändern. Man muss auch in den Zentren großflächigere Wohnungen bauen und ein dichtes Stadtzentrum erzeugen, in dem es einfach komisch wäre, Auto zu fahren. Straßburg ist ein gutes Beispiel. Dort ist es einem peinlich, mit dem Auto ins Zentrum zu fahren. Wir haben auch in London solche Entwicklungen, wie die Canary Wharf, ein Büroviertel mit den höchsten Gebäuden Großbritanniens, wo 93 Prozent, die dort arbeiten, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommen, schlicht, weil es fast keine andere Möglichkeit gibt. Es gibt kaum Parkplätze. Ich glaube, gute Städte werden die sein, die nicht von Autos dominiert werden.

Standard: Warum ist es politisch dann trotzdem so schwierig, autofreie Zonen durchzusetzen?

Beuret: Da kommen wir auf das Statussymbol des Autos zu sprechen, und hier gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Wir haben gerade in einer Studie erhoben, wer bei Pärchen im Auto lenkt. In 98 Prozent der Fälle sind es die Männer. Die einzige Ausnahme ist der Abend, wenn die Männer getrunken haben. Junge, berufstätige Männer in der City of London, die sehr gut verdienen, meinen immer noch, dass sie ein sexy Auto brauchen. Die jungen Frauen hingegen finden es uncool, einen Freund zu haben, der verrückt nach Sportwagen ist. Verkehrsplanung wird von Männern gemacht. Wenn Frauen eingebunden wären, würden sie verkehrsberuhigte oder autofreie Zonen unterstützen. Wenn sie einmal da sind, will sie niemand mehr rückgängig machen. Es braucht nur mutige Politiker. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2011) 

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WISSEN: Den Verkehr steuern

Intelligent Transport Systems (ITS) bzw. zu Deutsch Verkehrstelematik-Systeme dienen dazu, Verkehrsdaten automatisch zu erfassen, zu analysieren und damit das Verkehrsgeschehen positiv zu beeinflussen - also die Abläufe sicherer und effizienter zu gestalten sowie die Umweltbelastungen einzudämmen. Den neuesten Entwicklungen auf diesem Bereich widmet sich der ITS Weltkongress, der heuer vom 16. bis 20. Oktober in Orlando, Florida, stattfindet.

Im Oktober 2012 werden sich die internationalen VerkehrsexpertInnen dann in der Wiener Messe einfinden. Als Gastgeber des Kongresses fungieren das Verkehrsministerium, dessen Tochter AustriaTech sowie die Initiative ITS Austria. Die Vorbereitungen sind schon am Laufen: So fand vergangene Woche der Workshop "Intelligent Transport Systems - The female approach" statt, wo ausgelotet wurde, wie Frauen in Zukunft besser in die Entwicklung von Verkehrstechnologien eingebunden werden können. Zudem läuft noch bis 15. November ein Call für Demo-Projekte, die praxisnah zeigen, was IT-gestützte Systeme konkret für den Verkehr bringen. (kri/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2011)

 


Kristine Beuret ist Soziologin und Verkehrsforscherin mit Schwerpunkt auf soziale Aspekte und Diversität. Sie ist Direktorin der Social Research Associates, eines in London ansässigen Forschungsunternehmens. Als Expertin berät sie die britische Regierung und das Parlament. Für ihre Arbeit zu behindertengerechten Transportsystemen erhielt sie 2004 den Ritterorden "The Most Excellent Order of the British Empire". Vergangene Woche war sie zu Gast in Wien, wo sie im Rahmen des Workshops "Intelligent Transport Systems - The female approach" einen Vortrag hielt.

Link

www.itsworldcongress.at

  • Die britische Verkehrsforscherin Kristine Beuret wünscht sich die externe Geschwindigkeitskontrolle von Fahrzeugen, Hightech-Autos für die ältere Generation, mehr Frauen in der Verkehrsplanung - und mutige PolitikerInnen.
    foto: heribert corn

    Die britische Verkehrsforscherin Kristine Beuret wünscht sich die externe Geschwindigkeitskontrolle von Fahrzeugen, Hightech-Autos für die ältere Generation, mehr Frauen in der Verkehrsplanung - und mutige PolitikerInnen.

  • Wenn Informatik und Fahrzeug verschmelzen, lassen sich die verschiedenen Verkehrsströme besser koordinieren.
    foto: robert newald

    Wenn Informatik und Fahrzeug verschmelzen, lassen sich die verschiedenen Verkehrsströme besser koordinieren.

  • Den Verkehr steuern könnte nicht nur Kindern und älteren Menschen helfen, sich einen Weg durch den Verkehrsdschungel zu bahnen.
    foto: robert newald

    Den Verkehr steuern könnte nicht nur Kindern und älteren Menschen helfen, sich einen Weg durch den Verkehrsdschungel zu bahnen.

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