Der ehemalige tschechoslowakische und spätere tschechische Präsident Václav Havel wird 75 Jahre alt
Für wenige Tage hat in Tschechien ein Thema alle anderen in den Schatten
gestellt: Der 75. Geburtstag, den der frühere tschechoslowakische und
spätere tschechische Präsident Václav Havel am heutigen Mittwoch begeht.
Die offizielle Geburtstagsfeier für das frühere Staatsoberhaupt fand
schon am Samstag statt. Zu den prominenten Gästen gehörte etwa die
frühere US-Außenministerin Madeleine Albright.
Dieser Tage steht daher wieder vermehrt das politische Wirken Václav
Havels in den Jahren 1989 bis 2003 im Vordergrund der Kommentare. Immer
wenn es um die Verdienste des Schriftstellers und einstigen Dissidenten
geht, wird eines ganz besonders hervorgehoben: Havel hat die Grundzüge
des neuen demokratischen politischen Koordinatensystems seines Landes
definiert. Stets legte er dabei großen Wert auf die Feststellung, dass
Tschechien sich als Bestandteil eines großen Ganzen verstehen müsse. Das
Wirken seiner Politiker dürfe sich daher nicht nur durch kurzsichtige
Motive leiten lassen. So kam es zum Beispiel, dass neben dem Streben
nach einer schnellstmöglichen Aufnahme Tschechiens in die Nato und in
die EU auch die Menschenrechtspolitik integraler Bestandteil der
tschechischen Außenpolitik wurde.
Havel selbst scheute nie davor zurück, sich deshalb mit den
verschiedenen Interessensverbänden der Wirtschaft oder auch anderen
Politikern anzulegen, wenn diese meinten, man könne bei großen
Geschäften mit China die dortige Menschenrechtslage gänzlich
ausklammern.
Zu den wichtigsten Leistungen Havels gehört zweifelsohne, dass er schon
in den ersten Wochen und Monaten seiner Präsidentschaft die
Normalisierung der Beziehungen zu den Nachbarländern Tschechiens
einleitete, in erster Linie zu Deutschland.
Dem dramaturgischen Talent des Theaterautors Havel ist es wohl zu
verdanken, dass es oft bewusst gesetzte Gesten gegenüber den Nachbarn
waren, welche das Eis zu brechen halfen. So zum Beispiel, als Havel den
damaligen deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker just am 15.
März 1990 auf dem Prager Hradschin mit allem militärischen Ehren empfing
- dem Jahrestag des Einmarsches der Hitler-Truppen ins Land und der
Gründung des Protektorats Böhmen und Mähren im Jahr 1939.
Doch je angesehener und populärer Havel im Ausland wurde, umso stärker
geriet er zu Hause unter Beschuss. Insbesondere in den Jahren der
wirtschaftlichen Transformation wurde er für fast alle Misserfolge
verantwortlich gemacht, welche den Übergang von der Plan- zur
Marktwirtschaft zwangsläufig begleiteten. In jener Zeit rächte sich,
dass Havel den politischen Parteien gegenüber stets reserviert bis
ablehnend gegenüberstand. Er verkannte, dass man für die Umsetzung der
eigenen Ideen Mehrheiten braucht und diese auch organisiert werden
müssen. Havel konnte oder wollte das lange nicht begreifen. Die stets in
Reden geäußerte Kritik an den Parteien und deren
Selbstbedienungsmentalität trug nicht gerade zu einem friktionslosen
Verhältnis zu den meisten Spitzenpolitikern bei.
Feindbild der Rechten
Nach seinem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt im Februar 2003 wurde es
stiller um Havel. Aus öffentlichen Debatten hielt er sich weitgehend
heraus; ebenso wenig neigte er dazu, im Gegensatz zu anderen
Ex-Politikern, anderen Ratschläge zu erteilen.
In den vergangenen Wochen und Monaten sind allerdings Havels Ideen und
Positionen wieder stärker präsent geworden - wenn auch in einem
Zusammenhang, der ihm selbst wohl nicht besonders angenehm sein mag: Für
das zunehmend lauter werdende national-konservative Lager ist der
intellektuelle Politiker Havel das Feindbild schlechthin.
In Anlehnung an Havels Motto aus der Wende-Zeit - "Wahrheit und Liebe
müssen über Lüge und Hass siegen" - werden von den Nationalkonservativen
nicht nur die Anhänger Havels, sondern sämtliche Befürworter einer
stärkeren gesellschaftlichen Öffnung Tschechiens, wie auch einer
aktiveren Rolle des Landes in Europa, als sogenannte "Wahrheitsliebende"
verhöhnt. (Robert Schuster aus Prag, STANDARD-Printausgabe, 5.10.2011)