Konsum-Kampagnen und Bilder vom warmen Eismeer

4. Oktober 2011, 16:51
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Historiker debattierten in Wien über die Bedeutung von Bildern und deren Verhältnis zu Text und Diskurs

"Kauft österreichische Waren!" stand in den 1930er-Jahren auf Plakaten, darunter eine modisch gekleidete junge Frau, vollbepackt mit Einkäufen. Im Vergleich dazu appellierte ein Schweizer Pendant mit "Ehret heimisches Schaffen" und mit Berglandschaften in strahlender Sonne an den Wirtschaftspatriotismus.

Der Wiener Historiker Oliver Kühschelm kommt in seiner Analyse der damaligen Kampagnen für patriotischen Konsum zu dem Schluss, dass sich die Schweizer Plakate in ihren Sujets stark auf die Nationalität beziehen, während die österreichischen auf Konsumvergnügen und Angst vor Arbeitslosigkeit fokussieren. "Österreich war jeweils nur der Behälter dieser Vorgänge", sagt Kühschelm.

Dass Bilder bedeutende Quellen historischer Forschungen sind, ist unbestritten. Dass ihnen im Rahmen einer historischen Diskursanalyse aber nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, war einer der Ausgangspunkte der Tagung Bilder in historischen Diskursen, die das Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien - unter anderem vom Wissenschaftsministerium gefördert - vergangene Woche ausrichtete.

Die Tagung versuchte die Verknüpfung von Bild und Sprache in den jeweiligen geschichtlichen Kontexten auf einer grundlegenden Ebene zu betrachten und unsere Bildgesellschaft in interdisziplinären Ansätzen zu erfassen. Bilder sind nicht nur per se vieldeutig, sie interagieren nicht nur auf verschiedenste Weise mit Texten, ihre Bedeutungen und Auslegungsmöglichkeiten verändern sich auch im Lauf der Zeit. Man müsse, wie Organisator Franz X. Eder vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Eröffnungsvortrag ausführte, "Bild-Text-Ordnungen als komplexe Systeme" begreifen, die nur in ihrem "zeitlichen und sozialen Kontext analysiert und interpretiert werden können".

Die Ordnung der Bildzeichen folge weniger festen Regeln als jene der sprachlichen Zeichen. Sie lassen sich niemals vollständig in Texte übersetzen. Die Sprache verankert nur die Lesbarkeit eines Bildes in der aktuellen Situation. Sie stellen eine "symbolische Codierung von Diskursen" dar und tragen dazu bei, Diskurse zu etablieren und zu verändern, so Eder.

Aufkeimende "Bilderflut"

Die Textgesellschaft wurde und wird immer mehr zu einer Bildgesellschaft. Von einer "Bilderflut" war etwa im 19. Jahrhundert schon lange vor der Erfindung der Fotografie die Rede, als die Reproduktionstechniken effizienter wurden, wie Alfred Messerli von der Universität Zürich ausführte. Das Klischee der Bilder als die Bücher der Unwissenden vertiefte sich. Synonym zur Alphabetisierung der Bevölkerung könnten auch Ikonisierungsprozesse gegriffen haben.

Die Wiener Politikwissenschafter Andreas Pribersky und Petra Bernhardt untersuchen die Bedeutung des politischen Porträts in Referenz auf historische Vorstellungen von Macht und Herrschaft. Das Politikerporträt sei heute wie früher ein zentrales Genre, das widersprüchliche Botschaften, die nur schwer von einer Person verkörpert werden können, verbinden kann.

Faszination und Spekulation

Christian Holtorf von der Hochschule Coburg kümmerte sich um ein besonderes historisches Bildphänomen: Im 19. Jahrhundert kursierten Abbildungen eines imaginierten warmen Polarmeers. Die Faszination und die wilden Spekulationen, die der hohe Norden in frühen Zeiten hervorrief, gipfelten zu einer Zeit, in der Kartografie und Wissenschaft eigentlich schon weit fortgeschritten waren, in der Behauptung zweier Amerikaner, das Ufer des Meeres erreicht zu haben. Der geografische Mythos kippte in vorgeblich authentische visuelle Darstellung.

Die "Entdecker" präsentierten Bilder auf Vortragsreisen und schrieben Bestseller darüber. Der Wissenschaftsbetrieb, der mediale Aufmerksamkeit, und seine Forscher, die Geld brauchten, unterbanden derartige Fantastereien nicht unbedingt. Holtorf dazu: "Die Bilder des warmen Eismeers wurden auf diese Weise von Forschern des 19. Jahrhunderts - manchmal entgegen ihrer eigenen Vorstellung - hergestellt, weitergetragen und verfeinert, weil sie ihre wissenschaftlichen, ökonomischen und sozialen Ziele da-mit am einfachsten erreichen konnten."(DER STANDARD, Printausgabe, 05.10.2011)

  • "Ehret heimisches Schaffen": Ein Plakat einer Schweizer Kampagne, die mit starkem Nationalbezug für patriotischen Einkauf warb.
    foto: uni wien

    "Ehret heimisches Schaffen": Ein Plakat einer Schweizer Kampagne, die mit starkem Nationalbezug für patriotischen Einkauf warb.

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