Der neue ÖFB-Teamchef präsentierte sich in Oberwart, er gilt in Fachkreisen als akribischer Arbeiter, zunächst wird er aber ein Schutzschild gegen manche Giftpfeile benötigen
Wien - Jara hätte lieber Jara gehabt. Und Prohaskas lieber Herzog. Geworden ist es aber Marcel Koller. "Der erste Schweizer Teamchef in Österreich wird sich an den Erfolgen der heimischen Trainer messen lassen müssen und wird es sehr schwer haben!", sagt Prohaska in der heutigen Ausgabe der Krone. Natürlich wird es Marcel Koller nicht einfach haben. Welcher Trainer hätte es mit der österreichischen Nationalmannschaft schon einfach? Sollte es einen solchen geben, hat er bestimmt bessere Angebote in petto. Und sollte Koller tatsächlich an den Erfolgen heimischer Trainer und seiner Vorgänger gemessen werden, sollte der Druck auf den Schweizer nicht Überhand nehmen.
Einmal abserviert
Was spricht also gegen Koller? Er wurde bei seiner letzten Trainer-Station abserviert, heißt es da zum Beispiel. In diesem Zusammenhang denkt man an Jogi Löw. Der ließ bei der Wiener Austria mit Stronach-Millionen einen Fußball spielen, der bestimmt nicht in bester Erinnerung geblieben ist. Sein Rauswurf hinterließ eher ein Gefühl der Erleichterung. Heute wird er als Trainer der deutschen Nationalmannschaft gefeiert. In welchem Umfeld ein Trainer funktioniert, ist kaum absehbar. Dass Koller allerdings mit bescheidenem Spielermaterial - und solches steht ihm nun im internationalen Vergleich zur Verfügung - umgehen kann, hat er in Bochum bereits bewiesen.
Die Frage des Umzugs
Die erste Pressekonferenz des Marcel Koller war am Dienstag noch nicht von großen Inhalten geprägt. Wichtig sei die Offensive. Die Defensive auch. Für eine Endrunde will man sich natürlich qualifizieren. Zurzeit soll der Umzug des Trainers von Zürich nach Wien wichtiger sein, als eine Beobachtung der Mannschaft vor Ort in Aserbaidschan und Kasachstan. Das muss man nicht unbedingt verstehen, möglicherweise geht hier schon eine erste Möglichkeit verloren, die Mannschaft kennenzulernen, sich ein besseres Bild zu machen. Bei der Nationalmannschaft sind solche Gelegenheiten rar und der heimische Fußball ist für Koller wohl ein kaum beschriebenes Blatt.
Positiver erster Eindruck
Dennoch vermittelte Koller in Oberwart jenen Eindruck, den der deutsche Experte Günther Netzer bereits im April 2011 ansprach: "Er hat eine ruhige Art zu arbeiten und zu kommunizieren, er ist topseriös und ein akribischer Arbeiter". Das hört sich gut an, das klingt nach Neuland im österreichischen Fußballbund. Oder zumindest nach zuletzt stark vermissten Qualitäten. Netzers Urteil ist mehr wert als jenes österreichischer Analysten, denn er hat Kollers Wirken in Deutschland zweifellos näher verfolgt. Auch der ehemalige Bochum-Spieler Christian Fuchs lobt den neuen Teamchef in höchsten Tönen. Also: Lasst Koller und sein Team arbeiten! (derStandard.at; 4. Oktober 2011)