Marcel Koller für zwei Jahre ÖFB-Teamchef

4. Oktober 2011, 17:32
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Der Mann, der dem österreichischen Fußballteam neues Leben einhauchen soll, wurde gestern in Oberwart präsentiert. Der Schweizer Marcel Koller ist für ÖFB-Boss Leo Windtner die Idealbesetzung

Oberwart - Es gibt Momente, in denen ist ÖFB-Präsident Leo Windtner mit sich und der Welt, die den österreichischen Fußball annimmt und fast akzeptiert, rundum zufrieden. Da verzichtet er darauf, Detektive loszuschicken, die klären sollen, welches schlimme bis bösartige Direktoriums- oder Präsidiumsmitglied ausgeplaudert hat, dass der Schweizer Marcel Koller neuer Teamchef wird. "Immerhin wurde das Geheimnis bis 15 Stunden vor der Präsentation bewahrt. Trotzdem soll das nicht mehr passieren."

Durch solche Kleinigkeiten ließ sich Windtner den Dienstag in Oberwart aber nicht verderben. Kurz vor 13 Uhr ist der Präsident im nicht gerade kuscheligen Messezentrum erschienen. An seiner Seite oder auch im Schlepptau Koller und Sportdirektor Willi Ruttensteiner, der am Freitag in Aserbaidschan und am 11. Oktober in Kasachstan den interimistischen Teamchef macht.

Es gibt Momente, die werden im Fernsehen live übertragen, zwar nur auf ORF Sport Plus, aber der Sender soll ja aufgewertet werden. Windtner begründete nicht gerade kurz die Entscheidung pro Koller. "Er erfüllt alle Kriterien, die im Anforderungsprofil standen, am besten. Er hat eine soziale Kompetenz, ist international erfahren, hat Qualität, spricht Deutsch, ist ein akribischer Arbeiter und zudem bereit, den österreichischen Weg mitzugehen. Koller ist neutral, unbelastet und in der Lage, gemeinsam einen neuen Boden zu legen. Der Beschluss für ihn ist einstimmig gefallen."

Gute Gespräche

Windtner dankte auch jenen, die es nicht geworden sind. Ohne Namen zu nennen. "Lauter tolle Kandidaten, lauter gute Gespräche." Weshalb es zum Beispiel nicht der als Favorit gehandelte Franco Foda wurde, darüber wollte Windtner nicht sprechen. Foda soll zu viele Rechte gefordert haben, er wollte sich seinen Stab selbst aussuchen. Die neue Struktur des ÖFB sieht aber eine Erweiterung der Kompetenzen von Ruttensteiner vor. Österreichs Fußball soll sozusagen ein einziges Haus, ein durchlässiges Gebilde mit nur einer Philosophie, die es noch genau zu definieren gilt, werden und sein.

Koller wurden die ersten Sticker auf den dunklen Anzug gepickt, er trägt nun die Aufschriften Raiffeisen und Burgenland. Vor einem Jahr oder noch vor drei Wochen hätte der 50-jährige Schweizer nie und nimmer damit gerechnet. Er tritt sein Amt offiziell Anfang November an, nach Aserbaidschan und Kasachstan fliegt er nicht mit, er wird in dieser Zeit Videos vom österreichischen Fußball studieren. Und seinen Umzug nach Wien vorbereiten. Einen Ko-Trainer darf er sich schon aussuchen. Am 15. November coacht er das Nationalteam in der Ukraine.

Koller hinterließ einen soliden Eindruck. Vor zwei Wochen hat es den ersten Kontakt gegeben, und jetzt saß er in Oberwart. Natürlich blieb er eher unverbindlich, eine Präsentation ist nicht der geeignete Anlass, um sich im Detail zu verlieren oder in der Tiefe zu ertrinken. Ziel sei die Teilnahme an der WM 2014. "Ich gehe nicht in die Quali und sage, wir spielen ein bisschen mit und bringen zwei, drei junge Spieler raus. Im Fußball können auch Kleine die Großen schlagen."

In den vergangenen zwei Jahren habe er sich fortgebildet. "Ich habe unzählige Spiele in Europa gesehen und Workshops besucht." Er müsse die Mannschaft erst kennenlernen. "Aber sie spielt guten Fußball mit Leidenschaft. Es hat an Kleinigkeiten gefehlt, dass die entscheidenden Tore nicht erzielt wurden und individuelle Fehler passiert sind." Gefragt nach seiner Spielphilosophie, sagte Koller: "Ich lege viel Wert auf die Offensive und auch auf die Defensive. Es kann nicht sein, dass alle nur nach vorne rennen. Es wird wichtig sein, dass wir mit hoher Konzentration als ganze Mannschaft verteidigen." Sein Arbeitsstil? "Ich bin ein Trainer, der seine Ideen durchsetzen will, kann aber auch Kumpel sein. Es ist nicht so, dass ich alle mit der Peitsche vor mich herscheuche."

Nach 45 Minuten war die Veranstaltung in Oberwart vorbei. Quasi Kollers erste Halbzeit. Eine zweijährige Nachspielzeit folgt. (Der Standard, Printausgabe 5.10. 2011)

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    Leo Windtner überreichte Marcel Koller eine ÖFB-Trainingsjacke.

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    Koller einst als Kicker.

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