Phil Meyer: Die Gilmore Girls und die Rettung der Zeitung

4. Oktober 2011, 16:25
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Der Pulitzer-Preis-Gewinner referierte im Rahmen der Hedy Lamarr Lectures über die Zukunft der Medien

Auf den ersten Blick würde man Phil Meyer nicht unbedingt für einen Verfechter des Online-Journalismus halten. Der ältere weißhaarige Herr macht eher den Eindruck als würde er seine Zeitung gerne im Fauteuil vor dem Kamin lesen. Natürlich auf Papier. Vielleicht noch mit einer Pfeife im Mundwinkel. Aber wie so oft trügt auch in diesem Fall das äußere Erscheinungsbild. Phil Meyer ist einer DER Verfechter von Online-Zeitungen. In dieser Rolle hat er es sogar bis zu den "Gilmore Girls" geschafft. Ein Ausschnitt aus der US-Fernsehserie entlockte dem Publikum im Festsaal der Akademie der Wissenschaften den ersten Lacher: Die angehende Journalistin Rory Gilmore erzählt ihrem zukünftigen Schwiegervater, dem berühmten Verleger, von ihrer Arbeit bei einer kleinen Online-Zeitung. Das Einzige, das ihm dazu einfällt ist: "Online-Journalismus? Sie sollten das neue Phil-Meyer-Buch lesen!"

Narrative- und Precision Journalism

Dann kommt er schließlich auch ans Rednerpult. Phil Meyer ist emeritierter Journalismus-Professor, ehemaliger Journalist und Pulitzer-Preis-Gewinner. Außerdem trägt er Fliege, schwört auf den Microblogging-Dienst Twitter und würde gerne mit seinen Ideen dazu beitragen, die Zukunft der Zeitung zu retten. Die befindet sich ja bekanntlich vor allem durch die Flut an Gratis-Informationen aus dem Internet in einer fundamentalen Krise.

Er erzählt von den Anfängen des Telefons und aus seinem eigenen Leben, er zitiert Benjamin Franklin und viele Kollegen. Eigentlich geht es aber um zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze, wie Journalismus funktionieren sollte: "narrative journalism" und "precision journalism". In Ersterem werden die Mittel der Literatur dazu verwendet, dem Leser tatsächlich Geschehenes näherzubringen. Es soll eine Geschichte erzählt werden, die den Leser fesselt, die spannend und in möglichst poetischer Sprache geschrieben ist. In krassem Gegensatz dazu steht der "precision journalism". Hier nimmt man sich die Methoden der Wissenschaft zum Vorbild, um dem Leser möglichst präzise und detailgetreue Nachrichten bieten zu können.

"We play with new rules!"

Meyer erzählt, wie sich der Journalismus und vor allem die Massenmedien durch das Internet verändert haben: "We play with new rules!" Straßenfeger-Formate seien Geschichte, Nischenmedien seien im Informationszeitalter klar im Vorteil. Und die Leser können laut Meyer in Zukunft nur mehr durch eine Mischung des Beweis- und Fakten-orientierten "precision journalism" und des sprachlich und stilistisch anspruchsvoll geschriebenem "narrative journalism" erreicht werden. "A mixture of both could fill new market needs and transform the available masses of information into useful news."

In seiner Zukunftsvision können nur so zumindest die wichtigsten Informationen so anspruchsvoll in journalistische Texte verpackt werden, dass damit auch Geld zu verdienen ist. Journalismus müsse daher immer mehr zur Teamarbeit werden, um beide Genres vereinen zu können. Journalisten müssten auch in Mathematik und Computerwissenschaft - Stichwort Open Data - bewandert sein. Und die richtige Plattform könne nur die Online-Zeitung sein, da man hier auf teure Produktionsmittel wie Druck und Vertrieb verzichten könne. (Max Daublebsky/derStandard.at, 4.10.2011)

  • Phil Meyer im Bild mit Moderator Andy Kaltenbrunner (Medienhaus Wien).
    foto: max daublebsky

    Phil Meyer im Bild mit Moderator Andy Kaltenbrunner (Medienhaus Wien).

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