Kill the "Monster Wettbewerb"

Gastkommentar | 7. Oktober 2011, 09:07

Wie wir mit "Nicht-Wettbewerbsfähigen" umgehen sollten und wie prinzipiell eine Neuausrichtung der Volkswirtschaften aussehen könnte - Von Josef Hoppichler

Es gibt in den volkswirtschaftlichen Zusammenhängen einen bilanziellen Ausgleich, der genauso funktioniert wie eben eine private Ein- und Ausgabenrechnung. Eine solche ganz simple volkswirtschaftliche Bilanz ist, dass die Privatinvestitionen (IP) minus dem privaten Sparen (SP) plus dem Staatsdefizit (D) und plus den Netto-Überschüssen des Exports (E) zusammengezählt immer Null ergeben. Oder abgekürzt: (IP - SP) + D + E = 0 (vergleiche: Kazimierz Laski vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche).

Soll und Haben

In einer zusammenfassenden Interpretation könnte man sagen, dass auch volkswirtschaftlich das Sparen mit dem Schuldenmachen oder der Gläubiger mit dem Schuldner wie siamesische Zwillinge verbunden sind - eben genauso wie "Soll und Haben". Nur ist hier das Verhältnis ein sensibleres: Das Gegenübertreten sollte auf gleicher Augenhöhe stattfinden und nicht gestaltet sein wie "große Bank und kleiner Kunde" oder gar wie "Herr und Knecht".

In entwickelten, industriell wettbewerbsstarken Volkswirtschaften, wie sie insbesondere Deutschland, Österreich, die Niederlande oder skandinavische Länder vorweisen, ist im Durchschnitt die Differenz aus privaten Investitionen und dem Sparen immer negativ. Sie neigt sogar dazu immer negativer zu werden, insbesondere dann, wenn keine grundlegenden neuen Ideen vorhanden sind, um zu investieren. Solche grundlegenden Innovationen, basierend auf neuen gesellschaftlichen Paradigmen, gab es in der Nachkriegszeit beispielsweise in der Ausstattung der Haushalte mit Elektrogeräten oder in der Schaffung von verbessertem Wohnraum oder im Aufbau von steuerfinanzierten Sozialsystemen oder in der Automobilisierung oder jüngst eben in der Digitalisierung der Gesellschaft.

Leiden an "zu viel Geld"

Aber wenn keine solche neue Leitideen, die zu einem entsprechenden Nachfragewachstum führen, vorhanden sind, dann lässt die private Investitionstätigkeit insgesamt nach, und die Haushalte sparen und die Gewinne gehen auf spekulative Finanzmärkte. Wir sparen also mit mehr oder weniger Geschick. Hinzuzufügen ist: Das gilt in dieser Form nur für den großen Durchschnitt, denn viele Menschen können aufgrund fehlender Einkommen und Vermögen daran kaum teilnehmen. Das Ergebnis ist aber, dass Geld irgendwo auf den globalen Finanzmärkten angehäuft wird. Insgesamt leiden unsere Volkswirtschaften somit an zu viel Geld, obwohl die große Mehrheit glaubt, dass es zu wenig sei.

Staat gleicht durch Defizite aus

Damit das Wachstum bzw. die relative Vollbeschäftigung nicht zusammenbricht muss der Staat durch Defizit ausgleichen - sprich er macht beim Finanzsystem Schulden und das Finanzsystem bläst sich nochmals auf. Würde dies der Staat nicht gemacht und diese Ventilfunktion nicht wahrgenommen haben, so wären wir schon viel früher in die Krise gestürzt oder hätten unsere Sozial- und Bildungssysteme gefährdet. Die Staatsschulden sind somit systemimmanent, insbesondere dann, wenn sich das Kapital nicht besteuern und kontrollieren lässt, bzw. wenn kein Wachstum vorhanden ist.

Das zweite Geldventil besteht darin, dass das Finanzsystem die Geldüberschüsse ins Ausland transferiert, damit dort das Geld vorhanden ist, um die volkswirtschaftlichen Güter- und Dienstleistungs-Überschüsse, die wir durch unsere wettbewerbsfähige Wirtschaft erzeugen, gewinnbringend im Ausland abgesetzt werden können. In Summe ergibt sich in der Bilanz dann wieder eine Null. Das kuriose an diesem Geschehen ist zudem, wie wir es derzeit in den wettbewerbsstarken mittel- und nordeuropäischen Ländern beobachten, dass diese nur ein geringes Wachstum aufweisen. Wachstum kann nur durch eine Steigerung der privaten Investitionen oder durch Deficit-Spending oder durch Außenhandelsüberschüsse bzw. durch eine Verringerung der Sparquote generiert werden. Nachdem Letzteres im Gegensatz zur USA bei uns absolut unüblich ist und die privaten Investitionsvolumen eher nachlassen, sind wir dazu verurteilt durch Ungleichgewichte in den Staatsfinanzen bzw. im Außenhandel dieses geringe Wachstum zu stützen.

Alle arbeiten sehr viel, wenige verdienen sehr gut

Die zusammenfassenden Charakteristika dieses Systems sind: Alle arbeiten sehr viel, Wenige verdienen sehr gut, im Durchschnitt wird sehr viel Geld gespart, das aber im Inland zu wenig Zinsen abwirft. Wir haben also zu viel Geld bzw. können jene, die bei uns zu wenig haben, zu geringe Renditen garantieren, sodass wir diese dem Sozialsystem des Staates überlassen. Dieser macht renditeträchtige Schulden und garantiert die Infrastruktur und die Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems. Insgesamt werden aber das Staatssystem und dessen Sozialfunktion zunehmend ausgehöhlt und an die Grenze der Leistungsfähigkeit gebracht. Das überschüssige Geld aus den Unternehmergewinnen und den Sparguthaben der sozial Starken wandert auf die globalen Finanzmärkte (Steuern sind ja "pfui"), damit es sich dort noch mehr vermehrt, zusätzlich unsere Staatsdefizite über rentable Anleihen abdeckt bzw. damit es unsere überschüssigen Güter- und Dienstleitungen wieder finanziert.

Hier zeigt sich ein drittes Ventil: Das internationale Finanzkapitel neigt dazu, sich spekulativ aufzublasen und sich an den knapper werdenden Rohstoffen inflationär mit schwerwiegenden politischen Kollateralschäden zu entladen. Geht das nicht, dann drohen schwere politische Krisen oder sogar kriegerische Auseinandersetzungen, wie wir es aus der Geschichte zur Genüge wissen.

Das fatale Paradigma des Wettbewerbs

Vorangetrieben wird das gesamte Werk von einer wirtschafts-darwinistischen Grundidee einer "internationalen Wettbewerbsfähigkeit" von Staaten und (Groß-)Unternehmen. Ziel sei der "Wettbewerbsstaat", der in seiner öffentlichen Darstellung zumeist in neoliberalen Effizienzfloskeln eingehüllt wird. Mit Vorliebe stellen sich beispielsweise Deutschland oder Österreich als Musterbeispiele solch wettbewerbsfähiger Staaten zumindest nach innen dar, so als gelte es, das Ergebnis des zweiten Weltkriegs auf dem Feld der Wirtschaft nochmals zu korrigieren. Und mit Vorliebe spricht der deutsche Finanzminister von der Wettbewerbsfähigkeit, die es zu verteidigen gelte.

Was passiert mit den Losern?

Das ist aber ein absolutes Trugbild. Denn wenn man sich auf dem Feld der Wettbewerbsfähigkeit brüstet, muss man auch dazu sagen, wie man sich zukünftig zu den Nicht-Wettbewerbsfähigen verhalten möchte. Und wie wir momentan erfahren, ist die deutsche Regierung diesbezüglich sprachlos und die österreichische zeigt sich überrascht, wenn die nationalistisch angehauchten Ungarn bei Fremdwährungskrediten nicht mehr mitspielen wollen. Derzeit stellt sich unsere Wettbewerbsfähigkeit so dar: Wir arbeiten voll und immer mehr - mit Überstunden, effizient und flexibel mit Lohnverzicht - oder gleich als Praktikanten, mit bester, möglichst selbst bezahlter Ausbildung aber dann gleich bis zum Alter von 67. Wozu? Damit die Gewinne immer mehr werden und damit wir immer wettbewerbsfähiger jene beherrschen, die da nicht mithalten können. Von jenen erwarten wir, dass sie in Schuldknechtschaft die Vorgaben erfüllen und das tun, was unser "Mehr" maximiert. Wir sind die Wettbewerbsfähigen, wir sind die Guten und die anderen sind die "Loser" und die Schlechten - eine kuriose Wertigkeit, die sich da in unseren Köpfen, die historisch zudem durch Nationalismus mitgeprägt worden sind, eingenistet hat.

"Schmeißt sie raus, die Griechen!"

Das muss zweifellos dazu führen, dass der Boulevard jetzt ruft: "Schmeißt sie raus, die Griechen!" Fast laufen wir Gefahr, dass sich die Tragödie der wirtschaftsliberalen Geschichte wiederholen könnte: Die vom System durch schlechte Löhne Benachteiligten rufen nach dem Staat, der "die kleinen Griechen" zwingen solle, die Schulden zu zahlen, damit die Bilanzen der vom international Kapital getragenen Investmentbanken und hier wieder die Renditen der Aktionäre und Kapitalgeber stimmen. Ein Drehbuch, von dem man fast behaupten könne, es habe der Analytiker Karl Marx vor 150 Jahren selbst geschrieben.

"Die Griechen" zeigen uns die Grenzen unseres Systems

Um es jetzt sehr vereinfacht als Spiel zwischen uns und "den Griechen" darzustellen, müsste man sagen: Wenn "die Griechen" die Schulden nicht gemacht hätten, hätte sie ein anderer machen müssen - z.B. der Staat. Dafür, dass wir ideenlos und eigentlich phantasielos sind, dafür können "die Griechen" eigentlich nichts. Im Gegenteil, wir sollten "den Griechen" sogar dankbar sein, dass sie uns so eindeutig die Grenzen unseres Waren- und Finanzsystems bzw. unserer Wachstums-Zwangsökonomie aufzeigten, und uns sogar zu alternativem Denken anregten. Auch das ist eine besondere Leistung, denn die Mittel- und Nordeuropäer lassen sich nicht so leicht aus ihrer sturen Bahnen der Wettbewerbsfähigkeit werfen. (Anmerkung: Man kann wohl diese Plakativzuschreibung in Form "der Griechen" auch für alle anscheinend „Nicht-Wettbewerbsfähigen" verwenden.)

Wettbewerb führt uns an den Rand des Abgrundes

Dieser Wettbewerb, der uns in den letzten dreißig Jahren immer und immer wieder eingeimpft worden ist, ist ein sinnloses Spiel ohne Ziel. Er führt, wenn er zur Leitidee des Wirtschaftens wird, insbesondere auch in einer Staatengemeinschaft mit unterschiedlichen wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen, wie sie in der EU gegeben sind, sogar an den Rand des Abgrunds. Auch ohne Euro wären wir absolut in der Krise. Der beliebte Spruch, mit dem erst kürzlich die österreichischen Wirtschaftskammer noch warb: "Geht's der Wirtschaft gut, geht's uns allen gut!", kann in einer arbeitsteiligen Industriegesellschaft nur eine partielle Wahrheit darstellen. Denn dazuzusagen wäre, dass das nur gelte, solange die Wohlhabenden anteilig bereit sind, den Staat und seinen sozialen Ausgleich via Steuern zu finanzieren, und solange sich das Geldsystem nicht in spekulativen Blasen selbst hinweg-inflationiert und solange den Menschen genügend Freizeit und Geld bleibt, um die Wohltaten der Wirtschaft auch zu genießen. Zudem sollte man wissen: Auch das Geldsystem ist eine sozial geschaffene Institution, die nicht allein den Geld- und Kapitalbesitzern gehört.

Der Sparwettbewerb kann ein Problem nicht lösen, das durch den Wettbewerb verursacht worden ist.

Was können wir daraus für uns lernen?

Eine prinzipielle Neuausrichtung der Volkswirtschaften im Innenverhältnis:

  • Neue Ideen insbesondere auch für den Umweltschutz sind zu fördern und zu erproben. Ohne eine innovative nachhaltige Neuausrichtung unserer Ökonomien gibt es keine Verbesserung der Wohlfahrt. Deshalb sind "die Energiewende" in Deutschland oder das "Greening" der Ökonomie bzw. ein klimaneutrales Ausrichten unserer Wirtschaft eine volkswirtschaftliche Chance.
  • Das mit dem bisherigen Wettbewerb verbundene Lohndumping ist soweit als möglich zu vermeiden. Es geht um eine faire Aufteilung der Wachstumsgewinne - auch wenn sie nicht groß sind.
  • Arbeitszeitverlängerungen in welcher Form auch immer sind abzulehnen. Im Gegenteil, es muss wieder um die Verkürzung der Arbeitszeiten, sei es Lebensarbeitszeit oder Wochenarbeitszeit oder Urlaubszeit, gehen.
  • Alternative Ansätze in der industriell ausgerichteten kontinental und global vernetzten "Fremdversorgerwirtschaft", wie sie beispielsweise das bindungslose Grundeinkommen darstellen, sind nicht nur diskussionswürdig, sondern sollten auch in Umsetzungsschritten erprobt werden.
  • Wir sollten von einer Geld maximierenden Ökonomie zu einer Wohlfahrt optimierenden Ökonomie gelangen: Dies inkludiert einen sparsamen Umgang mit knappen Ressourcen und einen nachhaltigen Umgang mit Naturressourcen. Innovationen sollten nicht darin bestehen, wie wir mehr Output erzeugen, sondern darin, wie wir mit weniger Input gleich viel menschliches Wohlbefinden für möglichst viele garantieren können.
  • Eine Ökonomie der Mäßigung, der Qualität und zum Teil auch des Verzichts ist notwendig - und nicht eine Ökonomie der harten Quantitäten. Wir haben nichts davon, anderen regelmäßig und andauernd überlegen zu sein.

Neuausrichtung der Volkswirtschaften im Außenverhältnis:

  • Die Staaten müssen auf den Wettbewerb und auf das „an die Wand spielen" der anderen verzichten. Kooperative Ansätze sind dem Konkurrenzdenken innerhalb von Staatengemeinschaften zur Schaffung von menschlicher Wohlfahrt weit überlegen. Das gilt für die EU und das gilt auch global. Wenn wir dies verkennen oder verabsäumen, dann warten "auf der anderen Seite des Flusses" irrationale Konflikte oder sogar schreckliche Kriege.
  • Überschuldete Staaten, wie Griechenland sind zu entschulden und mit Kapital so auszustatten, dass sie wieder eine normale vergleichbare Wirtschaftssituation vorfinden und dass eine vergleichbare Wirtschafts-Infrastruktur wie ein funktionierendes Steuersystem installiert werden kann. Wenn es ungerechtfertigte Kapital- und Steuerflucht aus Griechenland gegeben hat oder noch gibt, dann wäre es ein leichtes dieses Kapital zu ent-anonymisieren und es der Steuer zugänglich zu machen, wenn die Politik auch bei uns das wollte.
  • Ein dauernder Außenhandels-Überschuss auch innerhalb der EU muss entweder vermieden werden oder er inkludiert, dass ein geordneter Finanztransfer oder Finanzausgleich in die Nettoimportländer erfolgt. Die Transferunion ist eine Notwendigkeit gemeinsamer Wirtschafts- und Währungspolitik.
  • Die internationale, europäische und nationale Politik muss sich auf klare Regeln verständigen, die die Finanzkapitalmärkte aber auch die anderen Märkte unter das Primat der Politik stellen. Zweifellos ist das politisch eines der schwierigsten Unterfangen. Spekulationen, die keine Sicherheitsfunktion erfüllen, sondern nur die Kapitalakkumulation ohne Gegenleistung vorantreiben oder ein systematisches Monopolisieren von Märkten mit sich bringen, müssen unterbunden werden. Märkte mit Derivaten sollten nur in engen Bereichen als Versicherungsinstrument möglich sein.
  • Dass sich beispielsweise börsengehandelte Finanzderivate zwischen 1998 und 2008 im Handelsvolumen versechsfachten und im Bestand verfünffachten - von ca. 14 Billion US-Dollar auf über 70 Billionen Dollar - bzw. nicht-börsengehandelte Derivate - sogenannte OTC-Derivate - ebenfalls fünffach gesteigert wurden, um 2008 einen Bestand von ca. 540 Billionen Dollar aufzuweisen, das alles zeugt von einer unkontrollierten und unverantwortlichen globalen Geldschöpfung und Finanzkapital-Akkumulation. Ähnliches kann auch zum Aktienhandel gesagt werden. Deshalb müssen Finanztransaktionssteuern verhandelbar gemacht werden.
  • Die EU, will sie langfristig stabil bleiben und nachhaltig ein friedliches Europa sichern, kommt nicht umhin, nicht nur eine Wirtschafts-, Währungs- und Fiskalunion zu werden, sondern muss auch eine Sozialunion werden. Es gilt nicht nur die Solidarität zwischen den "Bundesstaaten" sondern es muss auch eine Solidarität innerhalb der Europäischen Staatengemeinschaft und ihrer Gesellschaften geben, die gemeinsam verantwortet wird. Der Plan B kann nur ein geordneter Rückzug aus der Wirtschafts- und Währungsunion sein. Eine EU, die aus einem Bündnis der „AAA"- Staaten und einem Bündnis der "Pleitestaaten" besteht, kann wohl nicht die Lösung des Europäischen Finanz- und Politikrätsels sein.
  • Innerhalb des neu zu definierenden "Europäischen Bundesstaates" müssen klare Regeln für Rechte und Pflichten gegeben sein, die von einer Europäischen Regierung auch exekutiert werden.
  • Steuerparadiese und Bankgeheimnisse in der EU sind zu beseitigen.

Das "Business-as-usual" muss nicht nur bei "den Griechen" ein Ende haben, sondern darf Gott-sei-dank auch bei uns beendet werden. Also, auf gegen die Hydra "Wettbewerb" oder Rückzug auf allen Linien!" Letzteres erscheint gefährlicher. (Josef Hoppichler, derStandard.at, 7.10.2011)

Autor

Josef Hoppichler ist Lektor für "Ökonomie und Politik der natürlichen Ressourcen" der Universität für Bodenkultur und Mitarbeiter der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien.

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Posting 1 bis 25 von 50
1 2
moejoe000
01
10.10.2011, 21:55
Einer der besten Kommentare, die ich zu diesem Thema hier gelesen habe!

peter schmidt
 
00
9.10.2011, 14:25
Wie überaus sympatisch

150 jahre lang haben wir den asiaten und afrikanern unsere art des wirtschaftssystems gepredigt. Jetzt haben sie es verstandne und ziehen langsam gleich . Jetzt wollen wir natürlich wenns geht die Regeln wieder ändern.

Eugen Prinz1
06
8.10.2011, 05:59
Weniger trotz mehr

Anscheinend wundert es nur mich: >Unsere< Wirtschaft produziert 2011 doppelt oder dreimal so viel wie wenige Jahrzehnte zuvor. Die Bevölkerung ist eher gesunken als gestiegen, pro Kopf ist das Einkommen also gewaltig gestiegen. Wie ist es möglich, dass wir uns heute den Wohlfahrtsstaat nicht mehr leisten können, den wir uns schon vor Jahrzehnten leisten konnten? Es geht nicht um Einkommensknappheit, es geht darum, wohin das Einkommen fließen soll.

moejoe000
01
10.10.2011, 21:58

"uns heute den Wohlfahrtsstaat nicht mehr leisten können" => das will uns irgendjemand die ganze Zeit einreden. Und Sie haben Recht: es stimmt nicht.

peter schmidt
 
00
9.10.2011, 14:32
Wir haben ja auch alle viel mehr

Wir merkens halt nicht mehr.

Eugen Prinz1
01
8.10.2011, 05:51
Angst vor dem Hemdennähen für China

Die Europäer als Hemdennäher für China - warum Angst davor haben? Die Europäer werden immer weniger, die Chinesen immer mehr - das wird Vollbeschäftigung bringen!
Ich interpretiere Herrn Hoppichler allerdings so, dass nichts dagegen spricht, hohe Produktivität anzustreben. Die Frage ist nur, wie man es hinkriegen soll, dass das Einkommen, das daraus entsteht oder entstehen kann, auch sinnvoll verwendet wird. Die einen sind ja überzeugt, dass es am zukunftträchtigsten ist, wenn es in die Gewinne fließt, da es dann investiert wird - es wird auch, abgesehen vom Luxuskonsum, aber die Investitionen in den realen Sektor haben an Attraktivität gegenüber Finanzinvestitionen verloren, und das System ist destabilisiert.

Mc U2
03
7.10.2011, 21:15
BRAVO! Dem ist nur mehr hinzuzufügen, dass anstatt auf Kauf auf Miete gesetzt wird.

Mieten veranlasst Erzeuger wieder haltbare Güter zu produzieren (= weniger Ressoursenverbrauch, weniger Recycling, weniger Müll).

Friedel Marksteiner
 
03
7.10.2011, 16:44
Sehr gute Gedanken, einige Lücken im Konzept

Herr Hoppichler meint, nur private Investitionen könnten Wachstum generieren. Das stimmt natürlich nicht, das ist nur heute so, da die öffentliche Hand nicht investieren kann, da strukturell überschuldet. Leider wurden die Schulden nicht durch zukunftssichernde Projekte, sondern konsumtiv angehäuft (Pensionen, überdimensionierte Verwaltung, Zinsen etc.).
Das müsste natürlich nicht so sein: gerade in einer Zeit, wo es zu wenig aussichtsreiche Investitionsobjekte für Private gibt, ist der Staat gefragt, um große Infrastrukturprojekte aufzusetzen: für Bildung, Verkehr, Energie etc.
Dazu muss er sich allerdings die Mittel holen, z.B. über eine Transaktions- oder eine Vermögenszuwachssteuer und vor allem die Unterstützung der Bürger gewinnen.

cba
25
7.10.2011, 16:44

im grunde genommen geht es den neolibs ja nicht um wettbewerb in dem sinn, dass sich das bessere produkt oder die effizientere methode durchsetzt - es geht hauptsächlich darum, besser mitzuschneiden und sich eine monopolstellung mit allen zur verfügung stehenden mitteln zu schaffen.

reddie
 
02
7.10.2011, 16:14
Danke für diesen Artikel.

Sehr treffend vor allem die Aussagen zum Verhältnis Arbeitszeit zu Freizeit bzw. allgemein gelungene Verknüpfung von makroökonomischen Entwicklungen mit der Lebensrealität Einzelner.

GHovorka
 
05
7.10.2011, 15:55

Ein sehr guter und interessanter Artikel. Allerdings besteht die Realität ja aus Ungleichgewichten und nur die Buchhaltung schafft es, daraus ein Gleichgewicht zu machen ;-). Warum gerade Griechenland so stark in Ungnade gefallen ist und nicht etwas Irland oder Portugal, ist mir nicht klar. Hätte Griechenland noch den Drachmen, würde abgewertet, die Banken würden wertberichtigen und das sollen jetzt auch tun. Und basta. Danke auch für die interessanten Ideen zur Neuausrichtung der Volkswirtschaften. Der Autor hat recht: Es lebe das System der kooperativen Ansätze!!!

Sarah L.
 
03
7.10.2011, 15:54
die umgestellte identität von oben zeigt es (mir) deutlicher: SP=IP+D+E.

das private sparen (SP) ist, gemessen an den invest (IP) zu groß.
wenn man nun daran denkt, dass das private sparen komplementär zum privaten konsum (CP) ist: gespart kann nur werden, was nicht konsumiert wird, und man weiß, dass CP vom verfügbaren einkommen abhängt und man weiter weiß, dass gerade niedrige einkommen eine hohe konsumneigung (= geringe sparneigung) haben, dann kann man auch sagen: wir haben eine zu geringe konsumnachfrage (weil wir eine falsche einkommensverteilung haben) - und nur deshalb müssen das ausland und der staat als weitere nachfrager einspringen. oder, wie ein klassiker der politischen ökonomie sagte: "die letzte ursache aller ökon. krisen ist die fehlende kaufkraft der massen!"

Oskar Luger
18
7.10.2011, 15:39
Kooperation statt Konkurrenz

Josef Hoppichler hat einen feinen Artikel geschrieben. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, dass man das Konkurrenzdogma direkt aus der Natur ableiten könne - dort herrsche ja auch der bekannte "Kampf ums Dasein" - mehren sich die Stimmen, die darauf hin weisen, dass gerade in der Natur Kooperationen in vielfältiger Weise allgegenwärtig sind. Wir täten gut daran auch für unser Sozial- und Wirtschaftsleben daraus zu lernen.

saunaecho
20
7.10.2011, 18:18
Die Hoffnung der Armen ist der Wettbewerb !

Wenn die wirklich Armen in China etc nicht im Wettbewerb weiter aufholen dürfen nehmen wir ihnen die Hoffnung. Das werden sie notfalls mit ihren A-Bomben verhindern. Wenn wir einseitig auf Wettbewerb verzichten, dann werden wir überholt können können unsere Ölrechnung nicht mehr zahlen, weil wir unsere Kunden an China verloren haben. Ohne einen eisernen Vorhang, den wir mit Waffen schützen, müssen wir im Wettbewerb bestehen oder verarmen. Dann nähen wir die T-Shirts für die Chinesen.

österreicher ist, wer es trotzdem ist
61
7.10.2011, 15:14
Herr Hoppichler fordert Innovation...

...kann aber nicht erklären, welche Anreize zur Innovation es in einem System geben soll, dass "Mäßigung" predigt, den Wettbewerb einschränkt und Kapital verteuert. Er will eine machtpolitisch definierte Form des "Gemeinwohls" der privaten Wirtschaftstätigkeit entgegensetzen und bedenkt dabei nicht, dass miese Löhne nicht durch ruinösen Wettbewerb entstehen, sondern durch einen Mangel an Produktivität, was wiederum auf einen Mangel an Wettbewerb hindeutet.

Hoppichler glaubt, wir könnten einfach auf die wirtschaftspolitische Stopp-Taste drücken, "weil es uns ja eh so gut geht", und uns von der weltweiten Wirtschafts-Entwicklung abschließen. Das garantiert ja bekanntlich Frieden und Wohlstand...

heinzjohann
 
13
7.10.2011, 20:07
Wer nicht lesen kann,soll auch das Schreiben lassen

Meines Erachtens nach stellt Herr Hoppichler den wirtschaftlichen Wettbewerb zwischen Staaten insgesamt in Frage.Also reden wir nicht mehr über Wettbewerb sondern über andere Formen des Wirtschaftens,z.B.soziale Formen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit,fairen Handel hier und weltweit.
Reiner Schwachsinn ist die Behauptung,daß "miese Löhne" "durch einen Mangel an Produktivität" entstehen.Es ist in Wirklichkeit der ruinöse wirtschaftliche Wettbewerb - weil Wettbewerb macht alles billiger - der zu Lohndumping führt.

Sarah L.
 
22
7.10.2011, 16:02

was nützt ihnen ihre produktivität, wenn sie ihre produkte nicht verkaufen können, weil es an nachfrage fehlt.
(sie können den nachfragern natürlich kredit geben, damit sie ihre produkte anbringen. dann dürfen´s aber nicht raunzen, wenn irgendwann die kredite vllt nicht mehr zurück gezahlt werden können).

thommerrillin
42
7.10.2011, 15:12
Dass jemand,

der Spezialist für Bergbauernfragen ist, von Wettbewerbsfähigkeit und gelebter Marktwirtschaft wenig hält, verwundert kaum. All denen, die glauben, eine reduzierte Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands würde Griechenland oder Spanien helfen, und dies auch laut postulieren, wird sicher irgendwann der chinesische oder koreanische Verdienstorden verliehen.
Aber irgendwer muss ja in 20 Jahren den chinesischen Unternehmern, Ingenieuren und Forschern die Hemden nähen. Da sollten wir uns gleich in Stellung bringen.

Sarah L.
 
11
7.10.2011, 16:05

eine "reduzierte wettbewerbsfähigkeit deutschlands" würde vor allem deutschland helfen.

thommerrillin
00
7.10.2011, 17:09
???

Wie ist das bitte zu verstehen?

Sarah L.
 
02
7.10.2011, 18:31

"standardprogramm" zur erhöhung der internationalen wettbewerbsfähigkeit sind "kostensenkungen". kosten sind aber einkommen, i.e.: faktoreinkommen, zb. löhne.

thommerrillin
00
7.10.2011, 18:50
Wettbewerbsfähigkeit

kann man auf sehr viele Arten erhöhen. Die wichtigste ist wohl ein verbessertes Bildungssystem incl. beruflicher Weiterbildung. Effiziente und kostengünstige Infrastruktur zählt ebenso dazu wie ein flexibler Arbeitsmarkt oder ein leichter Zugang zur Selbständigkeit. Arbeitskosten sind da wirklich nur ein relativ kleiner Ausschnitt der relevanten Standortfaktoren.
Aber selbst wenn ich ihrer Argumentation folge, zeigt Deutschland, dass die zurückhaltende Lohnpolitik unter der (rot-grünen) Regierung dem Land sehr gut getan hat und es wieder zur Konjunkturlokomotive in Europa geworden ist.

Sarah L.
 
00
7.10.2011, 22:22

cui bono?

thommerrillin
00
8.10.2011, 11:36
Nun,

zum Beispiel ist der Bestand an Arbeitslosen seit dem Hochkonjunkturjahr 2007 um mehr als 500.000 gesunken. Da fällt mir schon jemand ein, der daraus Nutzen zieht.

Sarah L.
 
00
8.10.2011, 16:05
"Da fällt mir schon jemand ein, der daraus Nutzen zieht"

mir auch:

die gewinne der DAX-konzerne sind im vorjahr um 66% gestiegen, die reallöhne stiegen um 0,6%

ca 3/4 des beschäftigungszuwachses in 2010 besteht aus leiharbeit, teilzeitjobs und befristeten stellen.

tolle perspektive!

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