Veränderte Arbeitswelt

Die Sieben-Tage-Woche

Gastkommentar | 4. Oktober 2011, 10:13

Auch das Internet kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Mensch das wichtigste Element der Wertschöpfungskette ist. Schluss mit dem blinden Technologieenthusiasmus, her mit der Förderung für Arbeitnehmer - Von Lothar Schröder

Das Internet entgrenzt eine industriegesellschaftlich geprägte Arbeitswelt in Zeit und Raum. Wir sind ständig erreichbar und Zeit zu haben gilt als rufschädigend. Gearbeitet wird überall - Laptops und Smartphones machen es möglich. Betriebsgrenzen markieren nicht mehr die Trennlinie zwischen Arbeit und Freizeit. Die geographischen Dimensionen von Märkten - auch von Arbeitsmärkten - verändern sich. Für viele Arbeitnehmer verschwimmt die Grenze zwischen Privatsphäre und Beruf. Während die CSR-Berichterstattung die Work-Life-Balance entdeckt hat, müssen viele Arbeitsbeziehungen als alles andere als ausbalanciert gelten.

Regeln für die hektische Großstadt ohne Schlaf

Das Internet prägt viele Arbeitsformen, hebt aber vorhandene Interessengegensätze nicht auf. Es bleibt bei unterschiedlichen Interessenlagen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Gewerkschaften haben sich im Umbruch zur Industriegesellschaft gegründet. Sie verlieren nicht ihre Bedeutung beim Umbruch in eine Informationswirtschaft. Im Gegenteil, wenn Arbeitsmärkte und Beschäftigungsformen sich entgrenzen, braucht es mehr denn je den Zusammenschluss von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, um ihre Interessen erfolgsam verfolgen zu können. Vielleicht lassen sich Leitbilder für die Gestaltung einer veränderten Arbeitswelt in den Prinzipien suchen, die unsere Vorfahren bewegt haben, als sie Städte gegründet haben. Ihnen ging es um Schutz, um Teilhabe, um Inklusion, um Chancenzuwächse und um gute Arbeit. Wir wissen längst, dass das Internet kein globales Dorf hervorbringt, sondern eher eine hektische Großstadt, die niemals schläft. Dafür brauchen wir Regeln und Gestaltungsziele, die verbinden. Online-Rechte für Online-Beschäftigte sind notwendig. Dazu zählt das Recht von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit ihrer Gewerkschaft auch aus der Berufstätigkeit heraus kommunizieren zu können, die Einschränkung von Kontrollmöglichkeiten für Arbeitgeber und ein wirksamer Arbeitnehmerdatenschutz. Es ist anachronistisch, wenn Arbeitgeber die private Nutzung des Internets verbieten und ihre Arbeitnehmer in ihrem Nutzungsverhalten kontrollieren wollen. Auch für Gewerkschaftsarbeit spielt das Internet eine wachsende Rolle. Ver.di nutzt es um die Beteiligungsorientierung auszubauen, die Reichweite eigener Informationen zu steigern und auch um schneller reagieren zu können. Eine Kampagne, die gemeinsam mit der Communication Workers Union of America durchgeführt wird, zielt darauf, die Deutsche Telekom zu einem anständigen Umgang mit den Gewerkschaftsrechten zu bewegen. Sie wäre ohne das Internet nicht möglich. Zum Schutz von Familien und Freizeit brauchen wir weitergehende Rechte und zum Schutz vor Burn-out und wachsender Arbeitsdichte Regelwerke, die die Belastung von Arbeitnehmern begrenzen. Arbeit darf nicht über herkömmliche Grenzen hinweg leichter verlagert werden und die Tür für Unterbietungswettbewerbe geöffnet werden. Deswegen braucht es Mindeststandards, in Deutschland einen Mindestlohn, auch damit die Mindestlöhne in anderen Ländern, in denen es sie gibt, nicht unterboten werden können.

Ohne den Menschen geht noch immer nichts

Das Internet hat vieles verändert und wird noch vieles verändern. Es bleibt aber ein Kommunikations- und Arbeitshilfsmittel. Der wesentlichste Produktionsfaktor bleibt klein, grau und wiegt 1,3 kg, er wird ständig herumgetragen - es ist das menschliche Gehirn. Die Wirtschaft sollte anfangen, Wertschätzung für die Träger dieses Produktionsfaktors auszubauen, denn ohne sie ist Wertschöpfung unmöglich, daran ändert auch das Internet nichts. (Lothar Schröder, derStandard.at, 4.10.2011)

Autor

Lothar Schröder, The European, ist Mitglied des ver.di-Bundesvorstandes (Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft). Er ist für Innovation und Gute Arbeit sowie für die Gruppe MeisterInnen, TechnikerInnen, IngenieurInnen (mti) zuständig und hat die Leitung des Fachbereichs Telekommunikation, Informationstechnologie, Datenverarbeitung inne.

Kommentar posten
25 Postings
metternich
00
6.10.2011, 12:19
Begabung wird gefördert ....

... Genialität ängstigt. Zeit zu haben scheint,s ist ein Audruck v. sozialer u. gesellschaftl. Minderbegabung. Genau das Gegenteil ist der Fall. Ausspruch der Hopi-Indianer. "Die grösste Droge die der Mensch besitzt ist Zeit."Jener Genius der Dies erkennt lebt glücklich. Der Neid der lb.Mitmenschen begründet sich daher wohl eher aus einem anderen Sinnspruch: " Die meisten Menschen sind so wie sie sind, weil sie sich nicht getrauen " anders" zu sein. oder " der Neid auf die Authetizität des Anderen gebiert noch lange nicht die Eigene." Dass, sei all den " kuschenden Normophaten " ins Stammbuch geschrieben.

Simplicius Simplicissimus
01
5.10.2011, 01:40
Aber was kann das graue Ding, ...

... wenn es nicht, unvollständig oder falsch programmiert, bzw. in den falschen Waschgang geraten ist? Dann hat es eben nur 1,3 kg und das wärs.

Rote Pest
20
4.10.2011, 13:57

Ein ssh tunnel zu meinem Heimrechner mit X11 Forward und Schluss ist es mit der Kontrolle.
Diese Überwachungsfuzzis haben zum Glück keine Ahnung von Technik :-P

Erisian Liberation Front
142
4.10.2011, 12:23
Zeit zu haben gilt als rufschädigend

Ab da war klar, daß es sich hier nur um die übliche Suderei eine Gewerkschafters handelt.

Poldi Fesch
01
4.10.2011, 18:57
na ja

ein bisserl ist es schon so

Erisian Liberation Front
00
5.10.2011, 08:26
Würde ich nicht so sehen

Meine Mitarbeiter haben zwar auch ein Zeitkonto mit den üblichen 38,5 Stunden pro Monat über das Jahr gerechnet.
Aber es kann auch vorkommen, daß sie zwischendurch tagelang rund um die Uhr arbeiten und dafür sonst eben Freizeit machen.
Ganz so wie ich auch.
Und ich kenne keine Belästigung, wenn die oder ich einmal unter der Woche eine Auszeit nehmen.
Das dürfte wohl eher eine Frage des direkten persönlichen Umfeldes sein.

Poldi Fesch
00
5.10.2011, 10:39
aber zwischendurch

duerfens dann keine haben. Auszerdem ist es ja nicht so, dasz dies dem Umfeld auffaellt

Nee-Chee
01
5.10.2011, 09:31
auch das "direkte persönliche Umfeld"

hat sich an die Gesetze zu halten. Und die besagen, dass "rund um die Uhr", vielleicht auch noch "tagelang", zu arbeiten illegal ist. Sei froh, dass du brave Drohnen und keinen Betriebsrat hast, größere Firmen mit selbstbewussteren Mitarbeitern sind wegen solchen Umfeldes Dauerkunde am Arbeitsgericht.

Poldi Fesch
00
5.10.2011, 10:39
dann schau einmal

in Groszkanzleien vorbei

Erisian Liberation Front
00
5.10.2011, 10:19
Ahh wie lieb

Wenn das eine Bewerbung gewesen sein soll, dann vergessen Sie es, den Job bekommen Sie nicht.

Ich habe übrigens keine Drohnen, ich habe hochqualifizierte, hochmotivierte, erfolgreiche und sehr gut bezahlte Mitarbeiter.
In das Team würden Sie mit Ihrer Einstellung mit Sicherheit nicht passen.

Versuchen Sie doch weiter beim AMS...

Nee-Chee
00
5.10.2011, 11:35
ich kann mir zum Glück

meinen Arbeitgeber aussuchen und bin nicht drauf angewiesen, für Halsabschneider wie dich zu hackeln.

Erisian Liberation Front
00
5.10.2011, 12:11
Klar können Sie

Mami oder Papi werden Sie schon nehmen ;-)

Michael B
03
4.10.2011, 17:39
Die übliche Suderei eines (ÖVP-) "Leistungsträgers"?

Merke: Nicht jeder, der lang arbeitet, leistet auch viel.
Viele bleiben nur lang im Brüo, um dort ungestört rasten zu können....

Erisian Liberation Front
00
4.10.2011, 18:21
(ÖVP-) "Leistungsträgers"?

Glaube ich kaum, der Typ ist SPÖ nahe.
Ich selbst habe auch nichts mit der ÖVP, oder irgendeiner anderen Partei, am Hut.
Bleiben Ihre Vorteile über die Funktion von Büros.

Wenn Sie im Büro jedoch rasten und nicht arbeiten, dann sei Ihnen dringend die Anschaffung eines Wohnzimmers angeraten.

großgoscherter Zwerghamster
15
4.10.2011, 17:14
Also wenn ich offen zugebe, das ich lediglich 20 Stunden im Monat arbeite und

mit den damit verdienten 2000,- netto zufrieden bin habe ich bisher AUSSCHLIESSLICH negatives Feedback erhalten.

"Faule Sau" und "Volksschädling" sind da noch die freundlicheren Sachen die ich meist zu hören bekomme.

metternich
00
6.10.2011, 10:51
" Seelenlandschaft "

@großgoscherter Zwerghamster,

RE: Sie sprechen mir aus tiefster Seele. Die von Ihnen geschilderten Wortmeldungen aus dem sozial/gesellschaftl.Umfeld sind mir aus eigener Erfahrung nur zu wohlbekannt. Neid und Missgunst auf Jene die in iherer selbstgestalterischer Lebensphilosophie zufrieden sind, sind im Heute ein tragender Teil dieser Konsumations u.Spassgesell schaft. D.h. Jener der nicht einer selbstauferlegten Stress u. Burnoutnorm entspricht bzw. entsprechen will ist Misfits.( um nicht zu sagen ICD-10 verdächtig)

Poldi Fesch
00
4.10.2011, 18:58
:) ja

eh. Was die Leute nicht einzehen, fuer 3.000.- muesste man dann 40 Std arbeiten, usw.

Erisian Liberation Front
01
4.10.2011, 18:19
Dann

scheinen Sie sich im selben Umfeld zu bewegen, wie der Verfasser des Artikels.
Vielleicht sollten Sie mal Ihr Umfeld überdenken.

Isegrim1
131
4.10.2011, 10:34
Warum aoll der Arbeitgeber es nicht kontrollieren?

Wenn der AN im Büro ist, zahlt der AG für den Internetanschluss, oder lässt man auch den Nachbarn gerne seinen Strom abzapfen?
Und wenn der AN von zu Hause oder sonst wo Arbeitet, dann will der AG auch wissen von wann bis wann der AN produktiv war, weil schließlich wird er dafür vom bösen Arbeitsplatzgeber bezahlt.

Cesarus55
00
4.10.2011, 19:26

1. Wollen komischerweise viele Arbeitnehmer (ich gehöre nicht dazu) gar nicht zu Hause (Teleworking) arbeiten.

2. Hätten viele Firmen gar nix dagegen wenn 80 Prozent der Leute (sofern aufgrund des Berufes möglich) zu hause arbeiten würden, weil sich die Firmen dann einiges an Betriebskosten ersparen würden.

In meiner Firma wird mittlerweile sogar schon sanfter Druck auf die Angestellten ausgeübt zu Hause zu arbeiten weil mittelfristig gar nicht mehr genug Arbeitsplätze (räumlich) für jeden vorgesehen sind.

Poldi Fesch
00
4.10.2011, 18:59
:) und einfach

fuer die Leistung waer nix ?

chelene chirsch
03
4.10.2011, 11:56
weil rechte auch pflichten beinhalten.

"wenn der an von zu hause oder sonstwo arbeitet" - zahlt der ag für das internet ?

die erfahrung sagt "NEIN".

zahlt der ag immer für das equipment ? immerhin, eine anständige firewall, das notebook für webmail und der wlan access point kosten geld. wird aber auch in wenigen fällen gezahlt...

die arbeitgeber wollen gern alles mögliche kontrollieren und sich drücken, wenns ums zahlen geht - das wäre ja noch ok, aber dann plötzlich ganz genau sein wollen...

sie müssen es mal so sehen: ein internet-anschluss für arbeitszwecke kostet 70 eur im monat. eine zywall 500, der cisco ap nochmal 100, ein notebook > 500. das sind auf 3 jahre gerechnet 100 eur pro monat, die der AN da vorschiesst...

Isegrim1
00
4.10.2011, 21:27

Und bei der Einstellung sowas rauszuverhandeln ist nicht möglich?
Wenn einen Jb habe wo ich Reise würde ich bei dem Jobgespräch auch fragen, ob es ein Dienstauto oder eine Reisekostenvergütung gibt und nicht hoffen das sowas eh bedacht wurde.

K. K. Lacke
08
4.10.2011, 10:58
sie haben da etwas nicht verstanden...

für den Traffic zahlt der AG nicht. und so lange der AN die ihm gesetzten Ziele erreicht kanns dem AG auch wurscht sein.

ob sie in ihrer Pause ihren Kleidungs-Einkauf bei Amazon erledigen oder ihrer Mutter eine kurze mail schreiben beeinflusst keinesfalls die Kosten die der AG schon grundsätzlich für den Zugang trägt.

Gleichzeitig heben sie auch ohne Anrechnung von Arbeitszeiten vom Handy ab wenn ihr Vorgesetzer sie anruft, oder schreiben gar zu Hause noch Dokumente oder Mails die eigentlich Teil ihrer Arbeit sind

wenn sie diese Vermengung des privaten und beruflichen Bereichs nur zu Gunsten des AG erkennen wollen nenne ich das sehr kurzsichtig.

ich selbst und viele Kollegen arbeiten nicht nur in der Zeit in der wir bezahlt werden.

Isegrim1
01
4.10.2011, 21:29

Ob sie aber auf Seiten klicken die dann den PC verseuchen ist schon im Interesse des AG.
Wenn ich von der Arbeit nach Hause gehe mache ich nichts mehr dafür, oder ich verrechne Überstunden wenns der Chef will so einfach.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.