Bizarres Objekt im Kuipergürtel rotiert wie ein Propeller

4. Oktober 2011, 00:04
26 Postings

2001QG298 hat die Form einer Sanduhr und besteht vermutlich in Wirklichkeit aus zwei Gebilden, die einander berühren

Weit draußen jenseits der Neptun-Bahn im sogenannten Kuipergürtel drehen hunderttausende Asteroiden ihre Runden um die Sonne, rund 70.000 davon sind größer als 100 Kilometer. Die flache Scheibe erstreckt sich zwischen 30 und 50 Astronomische Einheiten (4,5 bis 7,5 Milliarden Kilometer) von unserem Zentralgestirn und besteht aus den vermutlich am besten erhaltenen Überresten der Planetenentstehung vor rund 4,5 Milliarden Jahren. Astronomen haben in diesen sonnenfernen Regionen unseres Planetensystems ein reichlich bizarres Gebilde ausgemacht: das Objekt 2001QG298 hat auf den ersten Blick die Form einer Sanduhr. Aktuelle Beobachtungen enthüllten nun: das Ding rotiert wie der Propeller eines Flugzeugs - und zwar beinahe in einem 90-Grad-Winkel zur Ekliptikebene.

Aus den bisher gesammelten Daten schließen die Wissenschafter, dass es sich in Wirklichkeit offenbar nicht um ein, sondern um zwei Objekte handelt, die einander schnell und in sehr geringem Abstand umkreisen, vielleicht sogar berühren. "Stellen Sie sich vor, Sie kleben zwei Eier an der Spitze zusammen - das entspricht ziemlich genau der Form von 2001QG298. Das Objekt sieht einer Sanduhr ziemlich ähnlich", meint Pedro Lacerda von der Queens University in Belfast.

Helligkeitsschwankungen enthüllen die Form

Die seltsame Form des Objektes war bereits im Jahr 2004 von den beiden Astronomen Scott Sheppard und David Jewitt beobachtet worden. Sie stellten fest, dass die Helligkeit von 2001QG298 im Abstand von sieben Stunden um das Dreifache zunahm. Wegen seiner großen Entfernung war die Form des Objektes selbst mit Teleskopen nicht erkennbar, erst die Oszillation seiner Helligkeit enthüllte den Forschern, wie 2001QG298 aussehen mochte.

Die aktuelle Untersuchung von Pedro Lacerda fügte den bereits bekannten Informationen über 2001QG298 einige weitere faszinierende Details hinzu. Der Forscher analysierte die Lichtkurve des Objektes Ende 2010 erneut und stellte eine Differenz gegenüber vorangegangenen Messungen fest: Die Helligkeitsunterschiede zwischen Minimum und Maximum hatten abgenommen.

Frontaler Blick in den Propeller

Für Lacerda konnte dies nur ein Hinweis auf die Lage des Objektes im Raum bedeuten. "Anhand der ursprünglichen Messungen 2004 war es unmöglich festzustellen, ob sich 2001QG298 horizontal drehte wie die Rotorblätter eines Helikopters oder vertikal wie der Propeller eines Flugzeuges. Erst die neuen Ergebnisse mit der nun flacheren Lichtkurve zeigten, dass das Objekt tatsächlich senkrecht rotiert", meint Lacerda.

Als Sheppard und Jewitt 2001QG298 beobachteten, dürften sie das Gebilde mehr von der Seite gesehen haben, was sich in größeren Helligkeitsunterschieden niederschlug, meint der Astronom. Bei der aktuellen Messung erfolgte der Blick direkter, als würde man frontal auf einen Propeller blicken.

Das Video zeigt eine grafische Darstellung des Kuipergürtel-Objekts 2001QG298, gesehen von der Erde aus zwischen den Jahren 2003 und 2020. (Quelle: Pedro Lacerda/YouTube)

Typisch für den Kuipergürtel?

Pedro Lacerda ist davon überzeugt, dass es im Kuipergürtel zahlreiche dieser sogenannten "contact binaries" gibt - dass diese Form möglicherweise sogar typisch ist für Objekte in dieser Region des Sonnensystems. Allein schon die Tatsache, dass Sheppard und Jewitt 2001QG298 bei der Analyse von nur 34 Objekten entdeckten, sei ein starker Hinweis. Ein weiterer ist die Lage von 2001QG298 im Raum. Wo bisher eine zufällige Rotationsebene für "contact binaries" angenommen wurde, zeigen Lacerdas Ergebnisse, dass ihre senkrechte Orientierung zur Ekliptikebene der Normalfall sein könnte. Das wiederum würde bedeuten, dass diese Objekte kaum als rotierende "Sanduhren" zu erkennen sind: die Chance, die entsprechende charakteristische Lichtkurve zu beobachten, sei einfach zu gering. (red)

  • Die Helligkeitskurve von 2001QG298 hängt direkt von dessen Rotation im Raum ab.
    foto: pedro lacerda

    Die Helligkeitskurve von 2001QG298 hängt direkt von dessen Rotation im Raum ab.

  • Helikopter oder Propeller: Erst die zweite Messung Ende 2010 machte klar, wie 2001QG298 relativ zur Ekliptikebene tatsächlich rotiert.
    foto: pedro lacerda

    Helikopter oder Propeller: Erst die zweite Messung Ende 2010 machte klar, wie 2001QG298 relativ zur Ekliptikebene tatsächlich rotiert.

Share if you care.