Ein Titel, viele Tränen und kaum Alkohol

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    foto: epa/ zangrando

    Martin Tomczyk

Just der bereits als "ewiger Pechvogel" abgestempelte Bayer Martin Tomczyk hat sich den Titel in der DTM 2011 gesichert

Valencia/Köln - Beim Telefonat mit den Eltern flossen reichlich Tränen, anschließend musste jeder Mechaniker bis drei Uhr morgens für ein Tänzchen herhalten, doch Alkohol rührte Martin Tomczyk auf seiner eigenen Meisterfeier kaum an: Der vielleicht sensationellste DTM-Champion der Geschichte wollte ganz bewusst genießen und den Moment für immer in der Erinnerung festhalten.

"Das war absolut die richtige Entscheidung", sagte Tomczyk 24 Stunden nach seinem Triumph: "Ich habe alles mitbekommen. Und in einem solch einen Moment wünscht man sich eigentlich, dass die Zeit für immer stehen bleibt."

Anderthalb Minuten pure Emotionen

Als Vater Hermann, als Motorsport-Präsident der höchste Sport-Funktionär des ADAC, beim Saisonfinale des ADAC-GT Masters auf dem Hockenheimring vom Titel seines Sohnes erfuhr, schossen ihm die Tränen in die Augen. Das Telefonat mit seinen Eltern bezeichnete Tomczyk junior nachher auch als den "vielleicht schönsten Moment" jenes unvergesslichen 2. Oktober: "Das war nicht wirklich eine Konversation, sondern eher ein Geheule. Anderthalb Minuten pure Emotionen."

Und der Startschuss eines wahren Party-Marathons. Nachdem der neue Champion um 21.30 Uhr mit einer Ansprache die Feier für eröffnet erklärt hatte, gab es in der Audi-Hospitality von Valencia kein Halten mehr, der Champagner floss in Strömen.

Oktoberfest

Nur Tomczyk hielt sich mit dem Trinken zurück. Er griff sich stattdessen nach und nach sämtliche Helfer, tanzte ausgelassen mit ihnen und ging um halb drei vergnügt nach Hause. Nach dem Rückflug am Montagabend ging es sofort weiter auf die Wiesn, wo Tomczyk den Abschlusstag des Oktoberfests in einer Krachledernen feierte.

In Interviews gibt sich der gelernte Bürokaufmann eloquent und freundlich, nur eine Frage darf man ihm nicht stellen: Die nach dem Hochzeitstermin mit seiner Verlobten Christina Surer, die an der Seite von Martins Bruder und Manager Tobias in der Box die Daumen drückte und die Spannung kaum aushielt. "Die Frage lassen wir weg. Das entscheiden wir unter uns", sagte Tomczyk streng und kurz angebunden.

Mit Auslaufmodell zum Titel

Das Besondere am Titel des 29 Jahre alten Deutschen: Zehn Jahre lang fuhr er, von Pech und Pannen begleitet, für das Abt-Team in Neuwagen. Nach zunehmender Kritik war der schon als "ewiger Pechvogel" abgestempelte Bayer vor der Saison in das 2008er-Modell des Phoenix-Teams abgestuft worden. Nun startete er durch und holte als erster Pilot den Titel in einem Jahreswagen.

Ein Stück Genugtuung sei sicher dabei, erklärte er, "aber im Endeffekt und in erster Linie zählt natürlich nur der Titel an sich". Den hat er noch nicht wirklich realisiert, "und das wird sicher noch ein bisschen dauern". Das Geheimnis des Erfolges? "Ich habe es nicht als Degradierung, sondern vielmehr als neue Herausforderung verstanden." Vor Saisonbeginn organisierte er eine Grillparty für das neue Team, die Namen aller Mechaniker hatte er auswendig gelernt. So imponierte er seinen Mitstreitern und schuf einen Teamgeist, der Phoenix durch die Saison bis zum Titel trug.

Und er beeindruckte so auch die Audi-Bosse, die dem herausragenden Talent in zehn Jahren mit nur vier Siegen lange den Rücken gestärkt hatten - und dann doch etwas von ihm abgerückt waren. "Dass Martin ein starker Rennfahrer und ein toller Kerl ist, wussten wir schon immer", sagte Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich: "Jetzt ist er auch ein echter Champion."

Rennfahrer statt Kindergärtner

Doch wer ist dieser Martin Tomczyk? Mit 1,88 m ist der Rosenheimer der längste Fahrer im Feld, mit 112 Starts der dritterfahrenste. In seinen Teams war er stets beliebt, bekannt und gefürchtet für seine Streiche und Witze. Er hat eine weiche Seite, wollte ursprünglich Kindergärtner werden und kauft gerne Frauenzeitschriften, um Rezepte nachzukochen.

Gleichzeitig ist er ein Harley-Fan, ein Technik-Freak und ein echter "Gambler" am Pokertisch. Er liebt die "Rocky"-Filme und kann weite Teile auswendig mitsprechen, mit Vater Hermann und Bruder Tobias wird er in den nächsten Wochen einen Zero-G-Flug in die Schwerelosigkeit antreten. Zu Tomczyks besten Freunden zählt Fußball-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger, mit dem der Bayern-Fan sich häufig heiße Duelle an der Playstation liefert.

In der Nacht vor dem Rennen in Valencia war der Zocker in Tomczyk gewichen, Aufregung und Unsicherheit waren angesagt. Kaum ein Auge habe er vor lauter Grübelei zugemacht, verriet er. Zum Schlafen wird er wohl auch in den nächsten Wochen kaum kommen. (SID)

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