Studieren hinter dem Rücken der Politik

Kommentar der anderen | 3. Oktober 2011, 20:21
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    foto: apa/gindl

    Neues Semester, altes Leiden: Universitätspolitik Marke chaotische Selbstorganisation - Hochschulbetrieb ohne ausreichend Geld, dafür mit Knockout-Prüfungen.

Es ist ein europäischer Hochschulraum im Entstehen - die Politik hat daran jedoch kaum Anteil - Die Universitäten könnten es selbst in die Hand nehmen, die verhängnisvollen Defizite aus der Welt zu schaffen - Von Georg Vobruba

Der europäische Hochschulraum, der Kern der Bolognaerklärung, ist eine gute Idee. Einfache Wechsel der Studienorte, Austauschprogramme für Lehrende, intensive transnationale Vernetzung der Forschung. Insgesamt: einheitliche Regeln, die es möglich machen, dass sich die Vielfalt von allen nutzen lässt.

Leider ist es kaum mehr als eine Idee. Denn hinter ihr steht wenig hochschulpolitischer Wille und kaum Kenntnis der Hochschulpraxis. Das ist schade. Denn im Politikfeld Hochschule lassen sich politische Intentionen umsetzen. Mehr als ein Jahrzehnt Erfahrungen mit dem Bolognaprozess zeigt nun leider, dass es mit der politischen Gestaltung eines "Europa des Wissens" nicht weit her ist. Die Mobilität der Studierenden wurde eher gebremst, die Finanzierung der Unis bleibt weit hinter den Anforderungen zurück. Hochschulpolitik versucht eher, sich aus der Verantwortung zurückzuziehen, als zu gestalten.

Allerdings: Auch ohne Hochschulpolitik tut sich etwas. Tatsächlich ist ein transnationaler Hochschulraum im Entstehen, jedoch als unbeabsichtigter Nebeneffekt hochschulpolitischer Versäumnisse und nicht europaweit, sondern in erster Linie zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Wintersemester 2011/12 beginnt für die österreichischen Universitäten mit einem einsamen Rekord an Studieninteressierten aus Deutschland. Für die Schweiz zeichnete sich dasselbe ab, aber Ende August wurde die Notbremse gezogen: Zum Studium berechtigt sind nur noch jene Ausländer, die in ihrem Heimatland einen Studienplatz nachweisen können. Die Schweiz schüttelt damit die Lückenbüßerrolle für die deutsche Hochschulpolitik ab.

Dem EU-Mitglied Österreich versperrt der EuGH diesen Ausweg. Er fordert Gleichbehandlung der Studienplatzbewerber aus allen Mitgliedsländern. Dies wiederum weiß man in Österreich seit langem. Die Welle an Studieninteressierten aus der Bundesrepublik trifft die österreichischen Universitäten darum unvorbereitet, aber nicht unerwartet.

Man sieht sofort dreierlei: Erstens, die Transnationalisierung des Hochschulraumes findet statt. Zweitens, die Muttersprache definiert die Grenzen des gemeinsamen Hochschulraumes. Drittens, die Transnationalisierung ist stark asymmetrisch. Die Hauptursache dafür sind die national unterschiedlichen Formen der Bewirtschaftung des Mangels an Studiermöglichkeiten: restriktive Regulierung des Hochschulzugangs (Numerus clausus), pretiale Lenkung (Studiengebühren), chaotische Selbstorganisation (freier Unizugang mit Knockout-Prüfungen).

Die Asymmetrie zu Gunsten der Bundesrepublik liegt nicht nur an den Größenunterschieden. Dass proportional viel mehr deutsche Studierende nach Österreich kommen (wollen) als umgekehrt, liegt an der unterschiedlichen Durchlässigkeit der Eintrittsregeln: Ein Numerus clausus ist eindeutig, Eingangsprüfungen sind es nicht. Also sehen sich die österreichischen Universitäten eingeklemmt zwischen einer verblasenen Politik des freien Hochschulzugangs, dem Urteil des EuGH und der österreichischen Wissenschaftspolitik, die gelassen zusieht, wie die Universitäten ums Überleben kämpfen, und zwar seit Jahren: "Deutsche Studenten überrennen Ösi-Unis", schrieb Der Spiegel. Das war am 17. 1. 2006.

Heuer kommt ein besonders starker Ansturm aus Bayern nach Österreich, im kommenden Jahr aus Baden-Württemberg, beides der Umstellung von 9 auf 8 Jahre Gymnasium wegen. Die Aussetzung der Wehrpflicht in Deutschland kommt noch dazu. Obszön lesen sich vor diesem Hintergrund Stellenstreichpläne für deutsche Universitäten. Sie werden das Problem der Studiernomaden noch weiter verschärfen. Wenn DER STANDARD (13. 8. 2011) meint, die österreichische Regierung könne sich bei der Hochschulfinanzierung "ein Beispiel an Deutschland nehmen", so zeigt dies, dass die Situation in Österreich extrem schlimm sein muss.

Hat das Ganze auch irgendetwas Gutes? Ja. Hinter dem Rücken der Hochschulpolitik zeitigt die Malaise bemerkenswerte Europäisierungseffekte: Trotz politisch erzwungener Drängelei um knappe Studienplätze gibt es kaum Ressentiments unter den Studierenden. Hier zeichnet sich ein europäisches Wir-Bewusstsein ab, dem nationale Herkunft unwichtig wird.

Langfristig werden die Länder, die Studierende anziehen, Vorteile haben. Und es entsteht eine Generation hoch Gebildeter mit einem soliden Bewusstsein der Hilflosigkeit nationalstaatlicher Politik.

Was aber kann man kurz- und mittelfristig tun? Die schwachen Ansätze transnationaler Organisation von Universitätsinteressen müssen zur nachholenden institutionellen Europäisierung der Hochschulen genützt werden. Ich denke dabei ebenso an die europäische Rektorenkonferenz wie an europäische wissenschaftliche Fachgesellschaften. Denn die gegenwärtigen Probleme haben im Kern ihre Ursache in der defizitären Institutionalisierung des europäischen Hochschulraumes. Das ist - wie in anderen Politikfeldern auch - nur auf transnationaler Ebene machbar.

Und wenn auf der Ebene der Gesamt-EU nichts weitergeht, dann muss sich eben eine Avantgardegruppe bilden. Auch das ist nicht anders als in anderen Politikfeldern. Vielleicht kann man die im Vertrag von Lissabon vorgesehenen Möglichkeiten einer "verstärkten Zusammenarbeit" hochschulpolitisch nutzen. Kaum sonst wo ist eine abgestufte Integration so leicht und mit so wenig politischen Kosten realisierbar wie in der Hochschulpolitik (siehe Sprachgrenzen). Jedenfalls gilt für die Hochschulen wie für alle anderen Politikfelder auch: Erst nationale Souveränitätsverzichte machen eine souveräne Politik möglich. (Georg Vobruba, DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2011)

Autor

Georg Vobruba ist Professor für Soziologie an der Universität Leipzig, Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) und des Executive Board der European Sociological Association (ESA).

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Posting 1 bis 25 von 44
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Ein Demokrat fordert!
00
4.10.2011, 19:19
fakt ist, dass die deutschen noch nie

in österreicher beliebt waren. genau genommen nicht mal als tourist. Ihr Geld war aber immer willkommen. Zum Nachdenken wäre noch zu sagen. Genausowenig wie wir die DE lieben, lieben sie uns und doch ist es eine hass liebe die uns verbindet. Deutsche sind OK. man darf sie nur nicht zu ernst nehmen. Ausser die Bayern unter der Weisswurstgrenze. Aber die wären so lieber Österreicher, als Deutsche.

Warentester
01
4.10.2011, 18:04

"Trotz politisch erzwungener Drängelei um knappe Studienplätze gibt es kaum Ressentiments unter den Studierenden."

Also jemanden der der Meinung ist, dass Bildungseinrichtungen eines Staates primär den Bürgern des Staates zu gute kommen sollen, die diese finanzieren und nicht ausländischen Bürgern die das nicht tun gleich "Ressentiments" zu unterstellen ist schon eine gewaltige Chuzpe und zeugt von ziemlicher Präpotenz. Auch wenn es in das engstirnige Weltbild Vobrubas nicht passt, man kann auch überhaupt nicht gg. andere Staatsbürger haben, und trotzdem dieser Ansicht sein.

120 Jahre Karl Schranz
00
4.10.2011, 18:15
moment, da haben sie glaube ich etwas nicht verstanden

die ansicht, die sie beschreiben, ist natürlich legitim. ein ressentiment beginnt dann, wenn sie das an den dt kollegen persönlich auslassen. die können für die situation nämlich auch nichts

fizcaraldo
00
4.10.2011, 15:32

SPÖ und ÖVP sollten endlich mal über ihren Schatten springen und einen Kompromis finden. Derzeit siehts nämlich so aus, dass jede Partei alle paar Monate versucht irgendeine ideologische Kleinigkeit durchzusetzen (heuer z.B. die verpflichtende Voranmeldung) was den Unis außer steigendem Verwaltungsaufwand rein gar nichts bringt.

Shaman141
 
85
4.10.2011, 10:52
...

die behauptung mit den "kaum ressentiments" gegenüber deutschen studierenden ist blödsinn: keiner kann sie leiden. sie sind laut, präpotent, überheblich und herablassend, von dankbarkeit, auf unsere kosten hier studieren zu können - keine spur! und manch einem studierenden, der in seinem WG-wohnhaus der einzige verbliebene österreicher ist, stellt's bei dem akzent allein schon die nackenhaare auf. zuviel ist zuviel.

120 Jahre Karl Schranz
14
4.10.2011, 15:51
mein gott, blasen sie sich bitte nicht so auf.

1. reden sie bitte nicht für andere ("keiner kann sie leiden.").

2. ich mag "deutsche studierende" auch nicht. sondern es gibt in dieser gruppe leute die ich mag, leute die ich furchtbar finde und leute die mir wurscht sind. das gleiche gilt natürlich für österreicher, südtiroler und andere nationalitäten.

3. jemand der so pauschal über andere menschen urteilt ("sie sind laut, präpotent, überheblich und herablassend"), sollte mit dem vorwurf der präpotenz vorsichtig umgehen.

4. deutsche studierende müssen nicht dankbar sein (sie nehmen nur ihr recht wahr), und schon gar nicht ihnen gegenüber.

Ein Demokrat fordert!
20
4.10.2011, 19:13
schon mal was von Meinungsfreiheit gehört?

Also warum dieser herablassenden Argumente gegenüber einem, der seine Meinung kund geben möchte. Und wenn er der Meinung ist das alle Deutschen nicht seinem Vorstellungen entsprechen, dann ist das so. Wo liegt da das Problem?

Jene Grüne Straßenkatze
01
6.10.2011, 10:36
...

Meinungsfreiheit bedeutet auch, dass man gegen eine andere Meinung sein darf.

Jene Grüne Straßenkatze
28
4.10.2011, 13:57
...

Zusammengefasst:

- Sie haben Vorurteile gegen Deutsche.
- Sie sind so kleinlich, dass Sie nicht einmal andere Dialekte ertragen.
- Sie glauben darüberhinaus, dass man Ihnen für eine Leistung des österreichischen Staates Dank schuldet.

Ich vermute einmal, dass die meisten Leute (ganz Unabhängig von der Herkunft) Ihnen gegenüber herablassend und arrogant auftreten. Zu recht.

Shaman141
 
62
4.10.2011, 15:17
...

selber piefke? oder nur ein kleiner troll?

großkotzige
01
4.10.2011, 18:26

Oh, ich dachte Sie sind der Troll.

Na dann sind Sie wohl wirklich so...

Christoph Karl Steininger
01
4.10.2011, 10:40
Bewirtschaftung des Mangels an Studiermöglichkeiten

Hier haben wir die nackten Tatsachen! Bildung wird zwar immer wieder als erstrebenswertes Gut bezeichnet, aber das sind nur Sonntagsreden. Niemand will breite Bildung. Der Großteil der Bevölkerung SOLL von universitärer Bildung ausgeschlossen sein!

linkslinker gutmensch
00
4.10.2011, 10:35

die profs müssten in den ersten zwei semestern nur auf wienerisch oder tirolerisch lehren, dann wärs chancen gleichheit für alle eu-ausländer.

und die sich integrieren und nicht ihre brötchen in der früh essen, werden auch im studium überzeugen.

Plus Lucis
01
4.10.2011, 11:40

Zu spät, es gibt schon viele deutsche Professoren.

linkslinker gutmensch
00
4.10.2011, 15:45

eh, aber es reichen ja zwei pro studieneingangsphase :)

Mihilist
 
00
4.10.2011, 09:42
bin dafür, dass alles besser wird

Freier Hochschulzugang ist cool, Studiengebühren sind mies. Was tun? Meine Meinung hat mit dem heute Notwendigen nichts zu tun, nur mit dem, was ich für notwendig halte. Es gibt nicht zu viele Studierende, sondern zu wenig Platz, zu wenig Lehrende, frustrierte Assistenten und Lektorinnen und die Studierenden sind falsch verteilt. Studium, weil es keinen Arbeitsplatz gibt, kann verhindert werden. Eingangsprüfungen statt Matura spart den Firlefanz um die standardisierte Reifeprüfung - die macht Sinn für Käse. Studieninteresse ist damit in allen Fächern zu fördern, Flucht ins Studium zu unterbinden. Das schafft Ressourcen und die passende Forschungsatmosphäre auf allen Ebenen.

Garfield2
01
4.10.2011, 09:08
Der Europaeische Hochschulraum funktioniert nur mit gleichen Aufnahmekriterien fuer alle

Es ist doch idiotisch, dass deutsche zuhause einen Numerus Clausus haben und in einigen Bundeslaendern auch noch Studiengebuehren bezahlen muessen, waehrend man in Oesterreich ein und aus spazieren kann wie man will ohne jegliches Kriterium - die Matura zaehlt schon lange nicht mehr - und auch nix blechen muss.

Dass Oesterreich da nicht nachzieht hat nix mit sozialer Gerechtigkeit zu tun sondern ist einfach weltfremd und dumm. Ausbaden muessen's die Studenten und die Unis.

wienerberger
00
4.10.2011, 09:44
oberflächlich sicher richtig

aber die deutschen studenten und studentinnen lassen ja auch jede menge geld da!

sie wohnen wo, zahlen miete, sie essen da, sie leben da. Viele verlieben sich da, viele bleiben auch nach dem studium da.

wo bitte sind denn die steigenden kosten der unis, wenn viele studieren?

an der tu wien gibt es trotzdem keine größeren hörsäle, die leute sitzen und stehen auf den fensterbrettern, den stufen, im türstock u davor am gang. Ob der prof 500 oder 50 leuten was vorpredigt ist schnurz egal. Skripten gibt es schon ewig nicht gratis, u die tu erspart sich etwas an heizöl, wenn die hörsäle voll sind. meist lichten sich die säle in den ersten wochen sowieso. grad mal ein paar externe lehrkräfte, u heuer nicht mal mehr diese (zb hauptuni)

Garfield2
00
4.10.2011, 10:26
Das Argument ist auch nicht neu und ist auch richtig

Es geht mir aber nicht darum, ob jemand Geld hier laesst, sondern, dass wir keinen Platz und Kapazitaeten fuer soviele Studenten haben. Ausserdem seh ich nicht ein, dass wir nur die Wapplerdeutschen kriegen, die zu schlecht waren um daheim einen Platz zu bekommen.

120 Jahre Karl Schranz
00
4.10.2011, 15:55
das argument mit den "wapplerdeutschen" ist nicht schlüssig.

entweder akzeptiert man, dass der NC dazu geeignet ist die geeigneten studierenden auszusuchen. dann sollten wir ihn aber auch bitte schnellstens hierzulande einführen.

oder man akzeptiert das nicht. dann kann man aber auch nicht sagen, dass wir nur ungeeignete deutsche bekommen.

und dass ist jetzt mal völlig unabhängig von der tatsache, dass man mit einem notendurchschnitt von 1,7 in münchen keinen studienplatz in medizin bekommt.

Kehwan
00
4.10.2011, 12:37

wenn jemand über mwst etc. soviel geld da lässt dass man davon die uni entsprechend ausbauen könnte, und es gibt trotzdem nicht genug kapazitäten, läuft irgendwas schief

kl41
00
4.10.2011, 09:54

Das Uni mal was mit Bildung zu tun hatte, haben Sie aber nicht vergessen, oder?

ilse schmidt
00
4.10.2011, 09:02
(Teil 3) Was ist so tall an Bologna?

Die Frage ist einfach beantwortet. Die Gesellschaft wird von einem materialistischen und utilitaristischen Geist bestimmt, der diese Entwicklung verhindert. Wir leben tatsächlich in zutiefst reaktionären Zeiten, und die Menschen tagtäglich einer Gehirnwäsche unterzogen, die ihren zutiefst verwurzelten Wunsch nach Selbstbestimmtheit lähmt. Die Organisation der Universitäten folgt einem ähnlichen Prinzip - zumindest hier in Österreich - es werden ständig bewusst Missstände hergestellt, die die Marschrichtung vorgeben. die Bologna-Kontroverse ist für Menschen die Universität leben wollen in Zeiten von Couchsurfing und Internet höchst entbehrlich. Wir können uns selbst organisieren und auf eure Rankings können wir auch verzichten!

Herman Toothrot
00
10.10.2011, 18:38

prinzipiell zustimmung. aber das ist doch alles ein wenig abstrakt. was ist jetzt genau ihre kritik am bologna-prozess?

matthias_87
00
4.10.2011, 13:30
ist halt der Backlash

nach den endtwicklungen der Siebziger es ging Gesellschaftlich ziemlich gut vorwärts aber in den letzten Jahren herrscht teilweise Hysterie, die zu dummen Entwicklungen führt.
Es kann ja nur positiv sein mehr Studenten, die Zeiten ändern sich mehr Menschen mit höhrere Bildung kann nur gut sein für die Gesellschaft. Auch brauchen wir heuzutage die Arbeitskräfte auch nicht mehr dringen, es herrst ein Überschuss und die Studienzeit geht am Arbeitsmarkt nicht ab.

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