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Rupert Koller, geboren 1964, ist Facharzt für Plastische Chirurgie und Primar am Wiener Wilhelminenspital.

Eine entscheidende Frage ist immer: Können Sie sich vorstellen, ohne Brust zu leben?
Standard: Es gibt zwei Grundformen der Rekonstruktion. Die sofortige im Zuge der Tumorentfernung und die spätere. Wie funktioniert die sofortige, wie die spätere?
Koller: Sobald der resezierende Chirurg einen Plan hat, wird die Patientin dem Rekonstruktiv-Chirurgen vor der Tumor-Entfernung vorgestellt. Allerdings ist das eine Ermessensfrage. Ist der Tumor weit fortgeschritten und abzusehen, dass eine Rekonstruktion nicht möglich ist, kommt es zu so einer Konsultation gar nicht.
Standard: Welches Krankheitsbild ist eine günstige Voraussetzung für eine Brust-Rekonstruktion?
Koller: Am günstigsten ist das sogenannte In-Situ-Karzinom, das abgeschlossen in der Brust existiert und nicht über die Basalmembran hinausgeht und eigentlich ein Vorstadium darstellt. Also jene Phase, in der es noch keine Tochtergeschwülste gibt.
Standard: 20 Prozent aller Brustkrebsdiagnosen enden in Mastektomien, also in der Brustenfernung. Wie viele sind rekonstruierbar?
Koller: Wir haben in Österreich keine Zahlen, wissen aber aus den USA, dass ein Viertel bis zu einem Drittel der Mastektomien rekonstruiert werden. Für Österreich würde ich das ähnlich einschätzen. Die Zahl ist ausbaubar, denn vielen wird es nicht angeboten.
Standard: Wann ist überhaupt eine Entfernung der Brust und damit die Notwendigkeit zur Rekonstruktion gegeben?
Koller: Je kleiner der Tumor, desto leichter kann brusterhaltend operiert werden. Ist er multizentrisch oder sehr groß, oder fällt das Größenverhältnis von Tumor und Brust zugunsten des Tumors aus, ist eine radikale Tumorentfernung bis hin zur Entfernung der kompletten Brust notwendig und erfordert dann einen mehr oder weniger komplizierten rekonstruktiven Eingriff. Neo-adjuvante Therapien, bei denen die eingesetzten Medikamente den Tumor präoperativ schrumpfen, ändern die Entscheidungsgrundlage und machen eine brusterhaltende Operation wahrscheinlicher.
Standard: Es gibt zwei Haupttechniken, nach denen operiert wird. Mit einem Fremdkörper in Gestalt eines Silikonkissens oder mit Muskeltransplantat aus Rücken, Bauch oder der Innenseite des Oberschenkels ...
Koller: ... und es gibt viele Kombinationen. Grundsätzlich muss gesagt werden, dass eine Sofortrekonstruktion die Krebstherapie nicht beeinträchtigt. Das ist ein immer noch häufiger Irrglaube.
Standard: Ist Silikon als Ersatz in Verruf geraten?
Koller: Wenn, dann zu Unrecht. Grundsätzlich kommt es immer auf die konkrete Situation der Patientin an. Die Silikonkissen, die hier bei uns verwendet werden, sind Expander, die die Haut ausdehnen, weil nach der Brustentfernung meist zu wenig Gewebe vorhanden ist. Die bei uns verwendete Expander-Prothese ist ein Hightech-Produkt mit Silikonschicht, das nach und nach mit Kochsalzlösung befüllt wird, das Gewebe dehnt und drin bleibt.
Standard: In welchen Fällen kann man mit Muskel rekonstruieren?
Koller: Vor allem bei einer kleineren Brust. Da reicht der Rückenmuskel allein. Mit Haut. Das Fehlen des Muskels aus der Entnahmestelle macht zumeist keine Probleme. Es besteht die Möglichkeit, zusätzlich eine Prothese zu verwenden, sollte zu wenig Rückenmuskel zur Verfügung stehen. Das ist ein zuverlässiges Verfahren.
Standard: Eignet sich Fett als Transplantationsmaterial?
Koller: Ja. Das wird zweizeitig gemacht. Das heißt, sollte sich der Muskel als zu gering herausstellen, wird in einem zweiten Schritt mit Fett nachgepolstert. Das wird abgesaugt und eingespritzt. Vereinzelt wird von Rekonstruktionen nur mit Fett berichtet. Ich persönlich halte das für experimentelle Chirurgie. Man weiß nicht, wie viel von dem Fett überbleibt und wie oft die Patientin in der Folge operiert werden muss. Am häufigsten machen wir Rekonstruktion mit Gewebe aus dem Unterbauch. Am besten mit Muskel, weil die Durchblutung besser ist.
Standard: Von Ärzten, insbesondere von Chirurgen, wird in solchen Situationen Einfühlungsvermögen gefordert. Wie sehen Sie das?
Koller: Wenn die Patientin nicht sicher ist, ob sie eine Rekonstruktion will oder nicht, dann empfehle ich abzuwarten. Ich rede niemandem die Sofortrekonstruktion ein. Eine entscheidende Frage ist immer: Können Sie sich vorstellen, ohne Brust zu leben? Wenn man eine Patientin informiert, muss man auch nicht ganz so schöne Bilder zeigen. Ich bin keiner, der sagt, machen Sie sich keine Sorgen, das wird schon. Ich möchte realistisch vermitteln, woran man ist. (Bettina Stimeder, DER STANDARD Printausgabe, 04.10.2011)
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