"Habibi": Ein schonungsloses Orient-Märchen

3. Oktober 2011, 13:12
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Der US-Comiczeichner Craig Thompson hat sein lang erwartetes neues Comic "Habibi" vorgelegt und wird dafür auch kritisiert - Ein Werk voll Arabienklischees, sagt der Tenor der Kritik

Eine "kleine Sensation" wurde von Craig Thompsons neue "graphic novel" "Habibi" (arabisch "Liebling") erwartet. Vor wenigen Tagen ist das 672 Seiten starke Werk – unüblicherweise – zeitgleich auf Deutsch, Englisch und Französisch erschienen. Mit viel Pomp und Pressewirbel. Sieben Jahre lang hat der Autor daran gearbeitet. Hohe Erwartungen wurden in das Comic gesetzt. Schließlich gehört Thompons davor veröffentlichte Liebesgeschichte "Blankets" zu den Comicsensationen des Jahres 2004, das "Time magazine" setzte es auf die Liste der 100 wichtigsten amerikanischen Romane der letzten 100 Jahre. Die Arbeit des Autors wurde über Jahre hinweg von seiner Fangemeinde in seinem Blog nachverfolgt. Auch die Rückschläge, viele Seiten mussten neu erstellt werden, wurden dort dokumentiert.

Untrennbare Schicksale

Und tatsächlich wird "Habibi" in vielen Rezensionen für seinen aufwändigen und vielschichtigen Erzählstil mit Elementen aus der Bild- und Schriftkultur des Islams hymnisch gelobt. Thompson lässt die arabische Kalligraphie zu einem großen Teil Regie führen in seinem Mammutwerk mit der Atmosphäre von "Tausend und einer Nacht". Inhaltlich erzählt "Habibi" die Geschichte zweier geflohener Sklavenkinder vor einer fantastischen orientalischen Wüstenlandschaft. Dodola und Zam bringt der Zufall zueinander, sie leben von dem, was ihnen der Tag bietet. Überleben können sie allerdings nur, weil Dodola heimlich Liebesdienste an Männer der vorbeiziehenden Karawanen verkauft. Ein Schicksalsschlag reiht sich in der Biografie der beiden an den nächsten. Eines Tages wird Dodola verschleppt und landet in einem Harem. Zam, der sich zuerst allein durchzuschlagen versucht, findet seine Freundin wieder, als er als Eunuch im selben Harem Zutritt bekommt. Nach jahrelanger Trennung planen die beiden einen Ausbruch aus dem Palast. Ein wirkliches Happy End bleibt aus.

Arabienklischees

Thompson, der aus Michigan stammt, hat sich auf einer langen Arabienreise auf das Buch vorbereitet, vorher hatte er kaum Berührungspunkte mit dem Islam oder der arabischen Region. Genau hier knüpft auch die Kritik am Buch an. Während zum Beispiel im Tagesspiegel der versöhnliche Umgang mit den Religionen gelobt wird und das Buch als künstlerische Antwort auf die anti-islamische Stimmung in den USA bezeichnet wird, werfen ihm andere Kritiker vor, kaum Arabienklischees ausgelassen zu haben. Kindsehe, Veschleppung, Vergewaltigung, Kastration, die Protagonisten des Comics müssen all diese Schicksalsschläge erleiden, die der Geschichte einen mittelalterlichen Anstrich verleihen. Ob Märchen oder Klischee. "Habibi" gibt´s ab jetzt im Handel. (red)

Craig Thompson: "Habibi". Aus dem Amerikanischen von Stefan Prehn, Verlag Reprodukt, Berlin 2011; 672 S., 39 Euro

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