Wie der Staat die Hochfinanz das Fürchten lehren könnte
"Das ist mal wieder typisch!" empört sich der zeitungsgebildete Bürger angesichts der aktuell wütenden Schuldenhydra. "Die Banken verursachen zusammen mit den Griechen eine Finanzkrise und die Zeche bezahlen wir mit österreichischen Steuergeldern!" Dabei ginge es - den politischen Willen vorausgesetzt - auch ganz anders!
Schmaler Grat zwischen systemrelevant und tolldreist
Mit ein Grund für die hellenische Überschuldung war, dass Banken in den letzten Jahren bereitwillig griechische Anleihen mit herkulischen Renditen kauften und so den an Krösus erinnernden Wohlstand weiter nährten. Ihr Kalkül: "Wenn's schief geht, wird der Staat schon aushelfen. Schließlich sind wir systemrelevante Banken! Wir können gar nicht Pleite gehen!" Die Gier, bei der selbst König Midas errötet wäre, ging so weit, dass branchenübliche Standards der Risikodiversifizierung tolldreist außer Acht gelassen wurden. Dies hat zur Folge, dass nun im Falle eines griechischen Schuldenschnittes Banken in ganz Europa vor existentiellen Problemen stünden und andere Institute unverschuldet mit in den Hades rissen. Diese Angst vor einer Kettenreaktion dient nun der Politik als Argument, den griechischen Staat mit immer neuen Steuergeldern anderer EU‐Länder zu stützen.
Verstaatlichung als bittere Pille für das Großkapital
Eine andere Lösung wäre, wenn Griechenland einen großen Teil seiner Anleihen für null und nichtig erklärte. Die Regierungen ganz Europas verstaatlichten im gleichen Zug insolvent werdende Banken kraft noch zu schaffender Gesetze. Natürlich würden die vormaligen Bankaktionäre gemäß dieser Gesetze entsprechend des objektiven Wertes des überschuldeten Unternehmens entschädigt werden. Nach erfolgter Verstaatlichung emittierten diese Banken Anleihen, die sogleich von den Regierungen gekauft werden würden. Dadurch wäre es den Banken wieder möglich, Verpflichtungen gegenüber anderen Geldhäusern zu bedienen, was die Gefahr einer Kettenreaktion ausschaltete. Im Laufe von vier bis fünf Jahren hätten sich die Banken wieder erholt und würden anschließend an die Börse zurückgebracht werden.
Der Staat wird zur Teilzeit‐Heuschrecke
Der Staat profitierte dabei doppelt. Erstens bekäme er die anfänglich emittierten Anleihenschulden inklusive Zinsen zurückbezahlt. Zweitens könnte er die Aktien der zuvor verstaatlichten Institute mit hohem Gewinn an der Börse verkaufen. Zu guter Letzt hätte diese Aktion auch einen erzieherischen Effekt. Aktionäre der großen Geldhäuser Europas könnten sich in Zukunft nicht mehr darauf verlassen, im Falle risikoreicher Geschäftsgebarung gerettet zu werden. Zudem würden Finanzanalysten zukünftig bei der Bewertung von Bankaktien einen kritischeren Blick auf die Risiko-verteilung werfen müssen, was in Folge auch die Banken selbst zu mehr athenischer Umsicht statt dionysischer Unvernunft anhalten würde. (Leser-Kommentar, Thomas Wehling, derStandard.at, 4.10.2011)
Autor
Mag. Thomas Wehling studierte bis 2006 an der WU‐Wien Internationale BWL und ist momentan bei Xerox im Sales beschäftigt.