Verkehrte Welt

Leser-Kommentar | 5. Oktober 2011, 09:32

Wie der Staat die Hochfinanz das Fürchten lehren könnte

"Das ist mal wieder typisch!" empört sich der zeitungsgebildete Bürger angesichts der aktuell wütenden Schuldenhydra. "Die Banken verursachen zusammen mit den Griechen eine Finanzkrise und die Zeche bezahlen wir mit österreichischen Steuergeldern!" Dabei ginge es - den politischen Willen vorausgesetzt - auch ganz anders!

Schmaler Grat zwischen systemrelevant und tolldreist

Mit ein Grund für die hellenische Überschuldung war, dass Banken in den letzten Jahren bereitwillig griechische Anleihen mit herkulischen Renditen kauften und so den an Krösus erinnernden Wohlstand weiter nährten. Ihr Kalkül: "Wenn's schief geht, wird der Staat schon aushelfen. Schließlich sind wir systemrelevante Banken! Wir können gar nicht Pleite gehen!" Die Gier, bei der selbst König Midas errötet wäre, ging so weit, dass branchenübliche Standards der Risikodiversifizierung tolldreist außer Acht gelassen wurden. Dies hat zur Folge, dass nun im Falle eines griechischen Schuldenschnittes Banken in ganz Europa vor existentiellen Problemen stünden und andere Institute unverschuldet mit in den Hades rissen. Diese Angst vor einer Kettenreaktion dient nun der Politik als Argument, den griechischen Staat mit immer neuen Steuergeldern anderer EU‐Länder zu stützen.

Verstaatlichung als bittere Pille für das Großkapital

Eine andere Lösung wäre, wenn Griechenland einen großen Teil seiner Anleihen für null und nichtig erklärte. Die Regierungen ganz Europas verstaatlichten im gleichen Zug insolvent werdende Banken kraft noch zu schaffender Gesetze. Natürlich würden die vormaligen Bankaktionäre gemäß dieser Gesetze entsprechend des objektiven Wertes des überschuldeten Unternehmens entschädigt werden. Nach erfolgter Verstaatlichung emittierten diese Banken Anleihen, die sogleich von den Regierungen gekauft werden würden. Dadurch wäre es den Banken wieder möglich, Verpflichtungen gegenüber anderen Geldhäusern zu bedienen, was die Gefahr einer Kettenreaktion ausschaltete. Im Laufe von vier bis fünf Jahren hätten sich die Banken wieder erholt und würden anschließend an die Börse zurückgebracht werden.

Der Staat wird zur Teilzeit‐Heuschrecke

Der Staat profitierte dabei doppelt. Erstens bekäme er die anfänglich emittierten Anleihenschulden inklusive Zinsen zurückbezahlt. Zweitens könnte er die Aktien der zuvor verstaatlichten Institute mit hohem Gewinn an der Börse verkaufen. Zu guter Letzt hätte diese Aktion auch einen erzieherischen Effekt. Aktionäre der großen Geldhäuser Europas könnten sich in Zukunft nicht mehr darauf verlassen, im Falle risikoreicher Geschäftsgebarung gerettet zu werden. Zudem würden Finanzanalysten zukünftig bei der Bewertung von Bankaktien einen kritischeren Blick auf die Risiko-verteilung werfen müssen, was in Folge auch die Banken selbst zu mehr athenischer Umsicht statt dionysischer Unvernunft anhalten würde. (Leser-Kommentar, Thomas Wehling, derStandard.at, 4.10.2011)

Autor

Mag. Thomas Wehling studierte bis 2006 an der WU‐Wien Internationale BWL und ist momentan bei Xerox im Sales beschäftigt.

Ggg14
20
5.10.2011, 20:19

Das passiert, wenn man mit Betriebswirtschaft volkswirtschaftliche Zusammenhänge erklären will.

Sicher kann der Staat über alles drüberfahren. Nur warum tut er es schon lange nicht mehr? Weil er draufgekommen ist, dass die nachfolgende Unsicherheit mit verschreckten Bürgern und Anlegern ihn viel mehr kostest als alles andere.

Gottie
Gottie
00
5.10.2011, 16:37
Das ist schon geschehen

bei der Hypo Alpe Adria. Die wurde verstaatlicht. Der Staat verlor und verliert Geld dabei, was die Staatsschulden vermehrt. Und so fort. Und so fort.

Werner Lischka
02
5.10.2011, 21:44
der vergleich ist keiner, ...

... da die faulen forderungen und verbindlichkeiten der hypo nach der verstaatlichung weiter bestehen.
der author schlägt vor, institute zu verstaatlichen, deren forderungen (staatsanleihen) plötzlich wertlos werden und die daher umkippen.
die weitere vorgehensweise wäre ein schuldenschnitt der verstaatlichten institute und der neuaufbau des bankensystems unter direkter überwachung des staates sowie dessen spätere reprivatisierung.

Karl Krammer
00
5.10.2011, 15:46
und wenn man jetzt die Bankaktionäre kalt enteignen würde,

indem man Griechenland mutwillig über die Klippe springen lässt: wer wird dann in 5 Jahren wieder teuer Aktien ebendieser Banken kaufen? Das Gedächtnis der Anleger ist zwar kurz, aber so kurz auch wieder nicht. Daß die Amerikaner etwa ihre Anteile an der Citigroup wieder verkaufen konnten, liegt daran, daß die Altaktionäre eben nicht enteignet wurden, sondern der Staat einen Großteil der Risiken übernommen hat.

Aber daß die Sparer in 5 Jahren wieder Bankaktien kaufen um dann die Pleite von Portugal zu finanzieren ... unwahrscheinlich. Dann lieber gleich alle Banken verstaatlichen, die wirtschaften dann sicher auch besser als die Privaten ..
btw.: "an der Börse" verkauft man keine Neuemmission, sondern am Primärmarkt == über die Banken.

Werner Lischka
04
5.10.2011, 21:51
ob investoren bei einer reprivatisierung ...

... aufspringen, ist eine frage des angebots, d.h. des zustandes der entsprechenden institute.
investieren bedeutet immer risiko - warum der steuerzahler mit geldspritzen (wie aktuell gemacht) dieses risiko der investoren abfedern soll, ist mir unerklärlich.
der vorschlag sieht ja eine verstaatlichung nur bei zusammenbruch vor (d.h. der wert der aktie ist ohnhin null).
btw. die neuemission erfolgt durchaus an der börse, die investmentbank fungiert hier als dienstleister mit handelsrecht.

Karl Krammer
00
5.10.2011, 15:41
lernen's Geschichte

bis Ende 2009 waren die Zinsen für Griechenland-Anleihen nur minimal höher als die für Deutschland: hier die absoluten Beträge: http://www.bloomberg.com/apps/quot... GB10YR:IND
und das sind die Spreads zu den Deutschen: http://www.bloomberg.com/apps/quot... r=.GRK:IND

dort wo die Zinsen so absurd hoch wurden haben die Griechen dann gar keine Anleihen mehr verkauft sondern sich über den Rettungsschirm refinanziert. Die Banken (und vor allem: die Lebens- und Rentenversicherungen) sitzen daher auf "herkulischen" Verlusten. Mit hoher Rendite war da gar nichts. Die meisten GR-Anleihen zahlen zwischen 3 und 5%. Lebensversicherer dürften ja gar nicht in Hochrisikopapiere investieren, aber das Land hatte 2009 ja noch ein A-Rating

naihoit
02
5.10.2011, 14:04
Absolut richtig.

Einem Risiko-Aufschlag wird wohl auch ein höheres Risiko gegenüber stehen.
Die EigentümerInnen von Firmen bestellen das Management, verdienen gut, wenn dieses gut arbeitet und verlieren -im schlimmsten Fall alles- wenn sie sich geirrt haben.
Warum sollte das für Banken nicht gelten?
Und gangbare Wege, um "too big to fail", "systemrelevant" und ähnliche Umschreibungen für Narrenfreiheit zu verhindern gibt es - siehe oben.

www.banken-volksbegehren.at
11
5.10.2011, 12:11
Der Artikel ist bestimmt gut gemeint.

Aber wie so oft bei dem Thema wird leider das Systemische ausgeblendet bzw. nicht wahrgenommen.

http://www.banken-volksbegehren.at

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.