Auf dem Weg zur virtuellen "Weltklasseuniversität"?

Kommentar der anderen2. Oktober 2011, 18:29
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Wie ein SPÖ-Mandatar die Unis durch "flächendeckendes E-Learning" retten will - und wie das mit der Unkrautbekämpfung beim "B-Gardening" zusammenhängt - von Johannes M. Lehner

Herr Matznetter erfreut die Unis in seinem Standard-Kommentar ("Reform statt Beschränkung") u. a. mit der nicht sehr neuen Forderung, die Lehre doch über den vermehrten Einsatz von E-Learning-Programmen zu rationalisieren - offenbar über das bereits längst praktizierte Ausmaß hinaus: "flächendeckend", weil nur so "kostensparend". Ich habe einen vergleichbaren, weil sehr kostengünstigen Vorschlag an alle Gärtner, wie sie des Unkrauts auf den Grünflächen Herr werden: Betoniert sie zu! B(eton)-Gardening! Flächendeckend!

Beides sind legitime Vorschläge - nur sollte man genau sagen, was eigentlich gemeint ist: Mit Beton wird nicht nur das Unkraut, sondern auch die Grünfläche selbst eliminiert. Buchstäblich flächendeckend. Ebensolches E-Learning an den Unis mag nicht nur Kosten reduzieren, sondern spart die Uni als Lehrinstitution selbst ein.

Über die Aufforderung zur Selbstabschaffung kann man natürlich diskutieren. Wir sollten uns nicht auf die Position zurückziehen, die Welt würde untergehen, gäbe es keine universitäre Lehre mehr. Das Internet ist mittlerweile voll von mehr oder weniger gut aufbereiteten Wissensquellen, beginnend mit Literaturdatenbanken bis zu hochprofessionellen Videos, in denen Nobelpreisträger ihre Sicht des Standes der Wissenschaft darlegen. Was könnte eine Linzer Professorin oder ein Wiener Dozent da noch beitragen?

Eines kann jedenfalls festgehalten werden: Müßig ist es, die Universitäten damit zu beschäftigen, neben dem hundertsten Youtube-Video noch eines hochzuladen, dem tausendsten E-Learning-Programm noch eines hinzuzufügen, nach dem millionsten Wikipedia-Beitrag noch eine Internetseite zu gestalten, nur um die "eigenen" Studierenden zu versorgen. Der virtuelle E-Learning-Raum kennt keine Grenzen und daher auch keine Universitäten mit einer abgrenzbaren Identität in der Lehre. Warum sollte man also Studierende österreichischer Unis künstlich auf provinzielle E-Learning-Programme einschränken?

Aus Kostengesichtspunkten gibt es eine einfache Lösung: Stellt Budgets zur Verfügung, die den Studierenden Zugang auch zu allenfalls kostenpflichtigen Ressourcen der renommiertesten internationalen Universitäten verschaffen. Dazu ein Internetzugang, eine bequeme Wohnzimmercouch, die Füße hochgelagert - fertig ist die virtuelle "E-Learning-Weltklasseuniversität".

Oder war da vielleicht noch etwas anderes? Über dieses "andere", etwa über die Idee der Universität als Treffpunkt junger Menschen, die sich in der direkten Auseinandersetzung mit Wissenschaftern entwickeln können, wurde bereits viel geschrieben. Das muss nicht wiederholt werden. Wir sollten aber diskutieren, ob diese Idee der Universität heute noch Gültigkeit hat. Darauf verzichtend, lehnt die Forderung nach flächendeckenden E-Learning-Programmen zur Kosteneinsparung diese Idee implizit bereits ab. Sie geht von einem mechanistischen Trichtermodell der Wissensvermittlung aus.

Zur Zurechtrückung, was mit "flächendeckend" und "kosteneinsparend" gemeint ist: E-Learning kann eine sinnvolle Ergänzung sein. Viele haben in der Lehre neue Medien, Videos, Internetplattformen längst integriert, dort wo sie etwa reine Frontalvorlesungen überflüssig machen und wo es die Interaktion zwischen Studierenden und Lehrenden fördert, statt zu ersetzen. Wer das macht, weiß auch, wie aufwändig der Einsatz dieser Technologien ist, soll er die Qualität der Lehre steigern. Müsste dieser Mehraufwand bezahlt werden, die Kosten würden höher statt niedriger. Wie überall: Qualität bedeutet Aufwand. Qualität der Lehre bedeutet Aufwand der Lehrenden und der Studierenden. Dies gilt übrigens auch für die von Matznetter zitierten "Werksstudenten", egal ob sie Kurse im Seminarraum oder am Büro-Computer belegen.

Sicherlich gibt es viele erfolgreiche Menschen, welche zu ihrem akademischen Grad neben einer vollen beruflichen Tätigkeit gelangten und welche die Präsenz an der Universität nur als lästige Störung empfunden hatten. Vielleicht können nicht nur solche Studenten auf die Universität verzichten, vielleicht sollte sich auch die Universität primär auf jene Studierenden konzentrieren, die sich mehr von ihr erwarten als einen bloßen "Wissensbrowser". Vielleicht sind auch in der zweiten Gruppe einfach die Unbequemeren, die Kritischeren, solche, die mehr Demokratie und Innovation einfordern, statt nur davon zu reden. Und vielleicht mag die Gesellschaft auf diese Gruppe verzichten. Ich hoffe nicht. (Johannes M. Lehner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2011)

Autor

Johannes M. Lehner lehrt und forscht am Institut für Organisation an der Johannes-Kepler-Universität Linz.

  • Abc-Schütze beim flächendeckenden E-Learning: Keimzelle einer zukunftsweisenden Hochschulorganisation?
    foto: privat

    Abc-Schütze beim flächendeckenden E-Learning: Keimzelle einer zukunftsweisenden Hochschulorganisation?

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