"Passt man nicht auf, ist man sehr schnell gelandet"

2. Oktober 2011, 18:43
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Das Gleitschirmfliegen ist ein Genuss, wenn auch nicht gefahr­los - Zum Genießen hat Weltcup­sieger Gerald Ameseder nicht wirklich die Zeit

Lienz/Wien - Auch der strahlendste Herbst ist für Gerald Ameseder so golden nicht. Wenn die Tage kürzer werden, werden nämlich auch die Zeitspannen kürzer, in denen Thermik herrscht. Das ist jene vertikale Bewegung der durch Sonneneinstrahlung über dem Erdboden erwärmten Luft, die Gleitschirmflieger in Thermikschläuchen einige tausend Meter hoch aufsteigen lässt.

Ameseder, Sozial- und Erlebnispädagoge im SOS-Kinderdorf Nußdorf-Debant bei Lienz, führt seinen 31 Quadratmeter großen Schirm aus besonders reißfestem Ripstop-Gewebe im Herbst nur noch zum Vergnügen aus. Die Ernte hat der 36-jährige Osttiroler schon im April und Mai eingeflogen. Er ist Staatsmeister (Einzel und Mannschaft mit dem Parateam Virgen) sowie erster österreichischer Weltcupsieger im Streckenflug, der Königsdisziplin des Gleitschirmfliegens.

Die ist auf Überwindung möglichst großer Entfernungen in einem Stück angelegt und unterscheidet sich damit grundlegend von Disziplinen wie Acro (Kunstflug) und dem immer beliebter werdenden Biwakfliegen (von Ort zu Ort mit Zwischenlandungen).

"Ich bin bis zu zehn Stunden in der Luft", sagt Ameseder. Da kommt auf geplanten Dreieckskursen - die Schenkellängen dürfen ein Mindestmaß nicht unterschreiten - schon ordentlich etwas zusammen.

Ganz großer Sport

Ameseders Tagewerk am 25. Mai: Abflug in 2315 Metern Höhe ob Antholz in Südtirol, via Defreggental und Kals zum Großglockner, retour über Bruneck und Sterzing zum Stubaier Gletscher und ein letzter Schenkel hin zur Marmolada. Eine nach Regen tiefe Wolkendecke über den Dolomiten verhinderte den idealen Ausflug, Ameseder landete nach rund acht Stunden wieder ob Antholz - nach 264,15 mit durchschnittlich 31,86 km/h zurückgelegten Kilometern. Der Heimflug nach Lienz, zu Gattin Eva-Maria und den Kindern Laila-Maria (2) und Julian (1) zählte nicht mehr zu Wertung.

Die wird mittels GPS-Technologie erstellt. Die Gleitschirmflieger laden ihre während des Flugs gesammelten Daten auf einen Server, die Kilometerleistung wird in Punkte umgerechnet. Für die Staatsmeisterschaft werden die besten drei, für den unter Schirmherrschaft des Weltluftsportverbandes FAI veranstalteten Weltcup die besten sechs Flüge herangezogen.

Das System erlaubt es Piloten aus aller Welt teilzunehmen. Startort sowie Streckenwahl ist jedem freigestellt. In dieser Saison übertraf Ameseder mit sechs Flügen über mehr als 217 Kilometer 2223 Kollegen, vorwiegend aus Österreich, der Schweiz, Italien, Deutschland, aber auch aus Brasilien, den USA und Australien.

Dass die Streckenfliegerei kein reiner Genuss ist, versteht sich von selbst. "Ich muss während der gesamten Flugdauer konzentriert sein, über den Flug hinaus denke ich an absolut nichts", sagt Ameseder, der neben Fitness und mentaler Stärke genaue geografische und meteorologische Kenntnisse benötigt.

Relativ gefährlicher Sport

Vom Auffinden der zuweilen weit auseinanderliegenden Thermikschläuche hängt der Erfolg ab. Geht es mangels Thermik nicht aufwärts, geht es im Sinkflug mit zwei Metern pro Sekunde abwärts. Der ständige Höhenwechsel verursacht Kopfschmerzen, ein probates Rezept dagegen ist ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Ameseder nimmt während des Fluges rund vier Liter zu sich, ein Kondomurinal erleichtert die Erleichterung. Große Geschäfte verbieten sich in der Luft, weshalb maximal ein paar Power-Riegel mitfliegen. Anders ginge es nicht, denn "passt man nicht auf, ist man sehr schnell gelandet." Gottlob in den allermeisten Fällen sanft. Gleitschirmfliegen gilt als relativ gefährlicher Sport, der Austro Control lagen im Vorjahr 203 Unfallmeldungen vor, vier Personen verunglückten tödlich.

Beim Hängegleiten (17/0), Fallschirmspringen (16/2) und Segelfliegen (14/5) passiert deutlich weniger. Gefürchtet beim Gleitschirmflug ist der sogenannte "Einklapper", bei dem der Schirm nach missglücktem Zug an den Steuerleinen oder durch auftretende Turbulenzen plötzlich zusammenklappt.

"Wenn etwas passiert, dann geht es leider oft ans Eingemachte", sagt Ameseder, dem sein Sport dennoch recht sicher scheint, "wenn man sich an die Regeln hält". Vor allem die richtige Einschätzung der Wind- und Wetterverhältnisse beugt haarsträubenden Erlebnissen vor.

Die an und für sich geschätzte Thermik kann leicht zu stark sein, zumal in Gewitterfronten. Ameseder erinnert sich an unglückliche Kollegen, die ihn Thermikschläuchen bis in 10.000 Meter Höhe gerissen "und dann ausgespuckt wurden. Ich habe auch schon ein paar haarige Situationen erlebt, die meisten Unfälle passieren jedenfalls durch Pilotenfehler."

Recht luxuriöser Sport

Ausrüstungsmängel wie das Tragen einer Sonnen- statt eine Skibrille - bei tiefen Minusgraden in der Höhe gar nicht gesund für die Augen - lassen sich leichter, wenn auch nicht besonders günstig ausschließen. Ameseder fliegt inklusive dreier GPS-Geräte mit Equipment im Wert von gut 10.000 Euro. Als Testpilot von UP Airborne Sensations weitgehend kostenlos. "Ich könnte mir das sonst schwer leisten, Gleitschirmfliegen ist ein luxuriöser Sport." Dafür können ihn Menschen fast jeder Statur ausüben. Im Gegensatz zum Skispringen gilt hier nicht, dass leicht gut fliegt. "Es kommt auf die Gleitzahl des Schirms an. Ich wiege bei 1,88 Metern 90 Kilo." Für einen kurzentschlossenen Tandemflug mit einem erfahrenen Piloten - solange der goldene Herbst eben noch anhält - muss man sich also nicht monatelang kasteit haben.(Sigi Lützow, DER STANDARD Printausgabe, 3. Oktober 2011)

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    Das Finden von Thermikschläuchen ist das A und O des Gleitschirmfliegens. Gerald Amesberger ist darin recht erfolgreich.

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    Ameseder fliegt weit und dann nach Hause.

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