Kulturkritik mit Zuckerschock

2. Oktober 2011, 17:43
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André Rieu ist ein Held, der sich traut, das Spiegelbild der Wiener so lange zu verzerren, bis es international reißenden Absatz findet

"Wenn ich das Wort ,Kultur' höre, übermannt mich der Schlaf." Zumindest André Rieu hat sich Helmut Qualtingers berühmte Worte zu Herzen genommen und der Kultur das einzig Brauchbare, das Spektakel, entrissen und den Rest weggeschmissen. Die Wiener haben ohnehin verdient, dass ein Niederländer, einer, der Reblaus, k. u. k. und den Zentralfriedhof so sehr im Blut hat wie Johann Strauß Sohn niederländischen Hardcore-Techno, das Klischee an sich reißt und Länge mal Breite vermarktet.

Manchmal kommt man eben als Kulturkreis in seiner künstlerischen Evolution nicht mehr weiter, und dann braucht man einen, der ohne Grant und Sudern die Geige in die Hand nimmt, sich auf den Michaelerplatz stellt, Ursula Stenzel begrüßt, zig Frauen in grellbunte Polyesterkleider steckt und die leichte Gangart des Dreivierteltakts zur grotesken Revue macht. Einer, der sich vor das Schloss Schönbrunn stellt und das "schönste Liebeslied" ansagt - und dann die Schnulze aus dem Film Titanic spielt.

André Rieu ist ein Held und Kulturkritiker im großen Stil, der sich traut, das Spiegelbild der Wiener so lange zu verzerren, bis es international reißenden Absatz findet. Danke, ORF, dass du das am Samstagabend überträgst. Danke für die Erkenntnis, dass Anthony Hopkins einen Walzer komponiert hat, dessen Klängen er aus Rieus Geige geschüttelt vor Rührung folgt. Das Schweigen der Lämmer ist ein Sch ... erz dagegen.

Das kommt heraus, wenn man "Alles Walzer" zum weltbestimmenden Prinzip erklärt, die Geigen in Zucker tunkt und der entrückten Hörerschaft so lang um die Ohren schlägt, bis sie der Zuckerschock in den Kitschwahnsinn treibt. (Alois Pumhösel, DER STANDARD; Printausgabe, 3.10.2011)

  •  André Rieu, Barbara Wussow.
    foto: orf/zdf

    André Rieu, Barbara Wussow.

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