Weltschmerz unter Muttis Rock

2. Oktober 2011, 17:30
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Am Sonntag ging das Waves Festival in Wien zu Ende - Bei dem gut erdachten Club-Festival enttäuschten die Hauptacts, unbekanntere Band machten auf kleineren Bühnen einiges wett

Wien - Ausgesehen hat er wie der kleine Bruder von Kurt Cobain: Blondiertes Haar, zerrissene Jeans, ein verwaschenes T-Shirt, darüber das obligatorische karierte Hemd, das dann im Zuge der - äh - Performance abgestreift wurde. Als verruchter elektronischer Act angekündigt, stellte sich die tschechische Formation Tempelhof live als erbarmungswürdiges Laienkasperltheater heraus.

Während ein Tempelhofer mit ramponiertem Arm in der Schleife aus dem Laptop schwindsüchtige Synthie-Sounds aus der Kolonovits-Schule abrief, wischte der Cobain-Verschnitt mit sich selbst den Boden des Fluc-Cafés auf. Da lag er also vor betreten bis belustigt wirkendem Publikum und litt für uns wie Jesus. Ob wir das wollten oder nicht.

Angeblich spielen Tempelhof Witch-House. Das ist ein musikalisches Genre, aber mehr noch ein Euphemismus für furchtbar schlechte Musik von und für Menschen, die beim Frühstück schon der Nihilismus drückt, aber bei Grimms Märchen oder Howlin' Wolf unter Muttis Rock flüchten.

Tempelhof schreiben ihren Namen bedeutungsschwer mit einem auf den Kopf gestellten Kreuz als "T" und waren so etwas wie das Negativwunder des Waves Festivals, das am Sonntag nach fünf Tagen zu Ende ging. Wobei ihnen der Begriff Negativwunder noch zu viel Bedeutung verleiht. Das war einfach schlecht gemachtes Kindertheater, ohne jene Emphase, die sogar der Weltschmerz braucht.

Brücken in den Osten

Geschuldet war der Auftritt von Tempelhof der Tatsache, dass Waves Brücken nach Osteuropa bauen will und Bands von dort vorstellen möchte. Das ist löblich, ein etwas strengeres Ausleseverfahren hätte man sich angesichts so mancher Darbietung dennoch gewünscht.

Ein solches hätte die rund 80 Bands vielleicht auf 50 heruntergebrochen und erlaubt, einige zugkräftige Headliner zu buchen, die für bessere und besser besuchte Shows gesorgt hätten. Aber nachher ist man immer schlauer.

Prinzipiell ist die Idee des Waves Festivals zu begrüßen. Wien braucht ein anständiges internationales Festival, das nur heimischen Bands gewidmete Wiener Popfest in Ehren, aber das ist doch eher ein Bierpicknick mit Gratisbeschallung.

Das Waves Festival will aber gar kein großes Kommerz-Festivals sein, es ist als Entdecker-Festival gedacht. Entlang des Donaukanals mit Schwerpunkt im zweiten Bezirk waren alle Bühnen innerhalb weniger Minuten zu Fuß zu erreichen, der herrschende Altweibersommer schuf dafür optimale äußere Bedingungen. Doch nicht nur No-Names enttäuschten, auch vermeintliche Höhepunkte stellten sich mitunter nur als komprimierte heiße Luft heraus.

Etwas Zola Jesus, die ihren Künstlernamen bei Gottes Sohn und Émile Zola bezieht. Die in Russland geborene und in den USA aufgewachsene Sängerin trat am Freitag in einem gut gefüllten Flex am Donaukanal auf.

Von popkulturellen Wellness-Medien vorab heilig gesprochen, entpuppte sich die kleingewachsene Dame live als so etwas wie Bonnie Tyler für H-&-M-Grufties. Tyler gilt Fransenlederjackenträgern als Rockröhre und schuf im Zeitalter der Föhnwelle mit Liedern wie It's Heartache oder Holding Out For A Hero Klassiker der Privatradios.

Pathos und Idiom der Zola Jesus sind der Waliserin ebenso nahe wie der britischen Gruftie-Mutter Siouxsie. Auch Frau Jesus gelang live nur eine Art Geisterhaus-Musik für einfache Gemüter, die sich mit tribalistischen Rhythmen um archetypische Wucht bemühte, dabei aber an der eigenen Ernsthaftigkeit scheiterte. Musik-Kabarett ohne Witz.

Ebenfalls übertrieben ernsthaft gab sich das Duo Instrumenti aus Lettland. Mit reichlich Vorschusslorbeer bedacht, trat es mit bemalten Gesichtern im Flex auf, um mit Synthesizer, Schlagzeug und Unterstützung aus dem Laptop bedeutungsvolle Popmusik zu spielen: "This next song is our most important work so far."

Dann folgte ein annehmbares Stück Synthie-Pop, das leider vom Falsett-Gesang in die Sackgasse und gegen die Wand gefahren wurde - dorthin, wo die Wracks von Spandau Ballet oder der gesponsorte Tourbus von Bunny Lake vor sich hinrosten.

Aber es gab auch tolle Shows. Etwa jene der britischen Band Is Tropical. Diese versuchte sich mittels hinter Tüchern versteckten Gesichtern das Image von Straßenkämpfern zu geben, was ein bisserl drollig aussah. Schließlich sang man ja, wobei so ein Tuch über kurz oder lang gut eingespeichelt wurde.

Sieg über die Moderne

Das Konzert überzeugte mit seinem virilen Charakter, dessen Zappeligkeit von elektronischen Sounds und scharf gespielten Gitarren permanent unterfüttert wurde. Das ergab ein euphorisches Publikum und eine Wannenparty im Fluc.

Am Johann-Strauss-Dampfer am Donaukanal charmierte das Trio Haight-Ashbury mit einer verdrogten und verdröhnten Sichtung eines melodieseligen Spacerock. In Hippieklamotten, mit Stehschlagzeug und im Trockennebel wurde so lethargisch wie mitreißend die Zeitlosigkeit zelebriert. Der Sieg über die Moderne. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe 3.10.2011)

  • Am Holzweg zurück in die 1980er-Jahre: Instrumenti aus Lettland.
    foto: fischer

    Am Holzweg zurück in die 1980er-Jahre: Instrumenti aus Lettland.

  • 20 Jahre nachdem Nirvana "Here we are now, entertain us" sangen, 
versucht sich der Sänger von Tempelhof beim Waves Festival am 
Weltschmerz. Es werden nur Knieschmerzen.
    foto: fischer

    20 Jahre nachdem Nirvana "Here we are now, entertain us" sangen, versucht sich der Sänger von Tempelhof beim Waves Festival am Weltschmerz. Es werden nur Knieschmerzen.

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