"Es herrscht eine hektische Ängstlichkeit"

Interview2. Oktober 2011, 17:49
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Josef Taus, Unternehmer und Ex-ÖVP-Chef, über hilflos herumtappende Regierungen, drohende Revolutionen, "Migrantenmassen" und sein bedingtes Ja zu Vermögenssteuern

Standard: Sie sind ein reicher Mann. Fühlen Sie sich bedroht?

Taus: Was ist ein reicher Mann?

Standard: Jemand, der sich's leisten könnte, von seinem Vermögen zu leben, zum Beispiel.

Taus: Das ist schwierig, weil mein Vermögen in den Firmen besteht, die wir uns aufgebaut haben. Aber egal, wenn Sie mich für einen reichen Mann halten wollen: Nein, ich fühle mich nicht bedroht. Warum sollte ich?

Standard: Weil Finanzministerin Maria Fekter den Ruf nach Reichensteuern mit der Judenverfolgung verglichen hat.

Taus: In Österreich wird halt immer gleich so ungeheuer übertrieben. Fekters Vergleich war sicher überpointiert, aber so ein Theater muss man darum auch nicht machen. Soweit ich sie kenne, war kein böser und schon gar kein antisemitischer Gedanke dabei.

Standard: Fänden Sie es denn angemessen, wenn reiche Menschen zur Bewältigung der Krisenkosten höhere Steuern zahlen?

Taus: Ich bin dann nicht dagegen, wenn die Regierung eine Bedingung erfüllt. Ich erwarte mir ein konkretes Gesamtkonzept. Welche Gruppen sollen zur Kasse gebeten werden? Geht es um einen befristeten Zeitraum? Wofür wird das Geld verwendet? Gibt es im Gegenzug Einsparungen, etwa in der Verwaltung? Wenn alle Fragen beantwortet werden, habe ich überhaupt nichts dagegen, höhere Steuern zu zahlen, um dem Land zu helfen. Da kann man über die ganze Palette reden, auch über Steuern auf Vermögen. Aufpassen muss man nur darauf, dass den Unternehmen die Investitionsmittel nicht weggesteuert werden.

Standard: Da müssten Sie die eigene Partei überzeugen, die Vermögenssteuern für Diebstahl hält.

Taus: Nach dieser Logik wäre jede Steuer Diebstahl. Das ist genau das, was mir an der Diskussion nicht gefällt - auf beiden Seiten. Umgekehrt ist es der gleiche Unsinn, so zu tun, als könnten die Reichen allein die Krisenkosten tragen. Rote und Schwarze werfen einander Schlagworte an den Kopf, sie führen eine Debatte auf Wahlkampfniveau: "Du, mein Wähler, brauchst nichts zahlen - das tun nur die anderen." Es herrscht eine hektische Ängstlichkeit, alles wird dem Stimmenfang untergeordnet. Ich halte das für gefährlich. Prallen die Politiker im Dauerstreit aufeinander, werden sie Ansehen verlieren - und dann ist das politische System in Gefahr. Das sage ich als Anhänger der großen Koalition.

Standard: Warum sind Sie einer?

Taus: Aus einem einfachen Grund: Kein Mensch hat nach dem Krieg geglaubt, dass dieses Land Österreich so weit kommt, wie es gekommen ist - dazu hat die große Koalition Entscheidendes beigetragen. Dass SPÖ und ÖVP in der Wählergunst nun so sinken, bewegt mich. Was man für den Fortschritt braucht, sind stabile politische Verhältnisse.

Standard: Ist die rot-schwarze Politik denn so katastrophal?

Taus: Da muss man gerecht sein. Die jetzige Situation ist politisch national wie international eine der schwierigsten in Europa. Von der Nachkriegszeit abgesehen, befand sich das Land nicht oft in einer ökonomisch derart gefährlichen Lage wie jetzt, aber nicht aufgrund der österreichischen Politik, sondern aufgrund der internationalen Entwicklung. Überall wird hilflos herumgetappt. Erinnern Sie sich, mit welchem Anspruch Präsident Obama angetreten ist - und was ist davon geblieben? Die EU weiß meinem Eindruck nach bis heute nicht, was sie tun soll.

Standard: Wissen Sie es denn?

Taus: Ich bin der Letzte, der glaubt, immer recht zu haben. Aber sich im Augenblick einzig und allein auf den Schuldenabbau zu konzentrieren geht nicht. Wir sehen ja, was das in Griechenland bewirkt: Das Sozialprodukt bricht ein, die Arbeitslosigkeit steigt, die demokratische Ordnung gerät in Gefahr. Da braucht es auch Programme, um die Wirtschaft auf neue Beine zu stellen. Die aktuelle Politik fördert extrem rechte und linke Gruppen. In manchen Ländern sind bis zu 40 Prozent der Jugendlichen arbeitslos, das ist eine Bankrotterklärung.

Standard: Wo wird das hinführen?

Taus: Im Extremfall zum Umsturz, das Wort "Revolution" kommt mir nur schwer über die Lippen. Man darf nie vergessen: Auch Hitler ist völlig legal an die Macht gekommen.

Standard: Was gilt es in Österreich zu tun?

Taus: Eine zentrale Frage ist die Bildung, sie ist eine Überlebenschance. Entscheidend ist, dass die Leut so viel wie möglich lernen. Doch die Richtung, die derzeit eingeschlagen wird, ist falsch.

Standard: Inwiefern?

Taus: Es wird suggeriert, dass Bildung leicht gehen muss, ohne Anstrengung. Aber als Arbeiterkind weiß ich: Wer von unten kommt, muss umso härter lernen, um nach oben zu kommen.

Standard: Spricht das nicht gerade für eine gemeinsame Schule, die Kinder aus bildungsfernen Schichten fördert statt früh aussortiert?

Taus: Nein. Mildere Selektion führt zu nichts. Wir leben vom technischen Fortschritt, von der permanenten Umsetzung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, und von sonst gar nichts. Dafür müssen wir ein immer höheres Bildungsniveau erreichen. Leider stehen die Schulen aber bereits vor fast unlösbaren Problemen. Ein Hauptschuldirektor hat mir gesagt: "Was soll ich machen? In meinen Klassen habe ich 17 Muttersprachen." Ich komme aus einem katholischen Eck, würde ich nicht glauben, dass alle Menschen gleich seien, müsste ich aus der Kirche austreten. Aber eines muss ich sagen: Wir werden mit den Migrantenmassen nicht fertig.

Standard: Geniert man sich als Ex-Politiker wegen der vielen Skandale für die einstige Profession?

Taus: Skandale hat es immer gegeben, nicht nur in Österreich. Wir sind mit Einschränkungen nicht schlechter und nicht besser als die anderen. Wir Menschen zahlen einen großen Teil der erwirtschafteten Leistung für einen riesigen Apparat, der uns in Zaum hält. Aber, auch Moral ist eben eine Erziehungsfrage, die stark vernachlässigt wurde. Die einzige Lösung, die uns einfällt, sind immer nur mehr Polizisten und Richter.

Standard: Nicht nur der aktuelle Bundeskanzler Werner Faymann, sondern auch die Regierungszeit des von Ihnen geschätzten Wolfgang Schüssel ist in schiefes Licht geraten. Müssen Sie ihr Urteil über ihn revidieren?

Taus: Eine ganze Reihe von blauen Ex-Ministern wird beschuldigt - und daran soll der Schüssel schuld sein? Ich habe x Koalitionsregierungen miterlebt, noch nie hat ein Kanzler Verantwortung getragen für die Minister der anderen Farbe. Mich ärgert, dass sich die ÖVP das anhängen ließ.

Standard: Man kann wie Erhard Busek einwenden, Schüssel hätte spätestens beim zweiten Anlauf wissen müssen, dass mit den Blauen kein Staat zu machen ist.

Taus: Da hat Erhard Busek, der ja seinerzeit Generalsekretär war, vielleicht recht. Nur: Schüssel war nicht der Erste, der mit Hilfe der Blauen Kanzler geworden ist, auch Bruno Kreisky ist mit Hilfe der Freiheitlichen Kanzler geworden, um ein Beispiel zu nennen.

Standard: Sie sind 78. Was treibt Sie an, immer noch das unternehmerische Risiko zu suchen?

Taus: Es macht mir einfach Freude. Ich habe mein ganzes Leben nichts anderes getan, als zu arbeiten. Ich kann nichts anderes - und habe auch nichts anderes gelernt. (Gerald John, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2011)

JOSEF TAUS, geboren 1933 in Wien-Erdberg als Sohn eines Fleischhauers, war von 1975 bis 1979 ÖVP-Obmann, scheiterte aber in zwei Wahlkämpfen am amtierenden Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ). Seit seinem Abschied aus dem Nationalrat (1991) arbeitet er ausschließlich als Unternehmer. Taus gründete die Management-Trust-Holding (MTH), die Unternehmen aufkauft und saniert.

  • "Skandale hat es immer gegeben, nicht nur in Österreich", sagt Ex-VP-Chef Josef Taus. "Aber, auch Moral ist eine Erziehungsfrage."
    foto: standard/cremer

    "Skandale hat es immer gegeben, nicht nur in Österreich", sagt Ex-VP-Chef Josef Taus. "Aber, auch Moral ist eine Erziehungsfrage."

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