Gefährliche Vormundschaft

2. Oktober 2011, 13:31
48 Postings

Ein nur von der EU aufgezwungener Sanierungskurs für Griechenland hat wenig Chancen auf Erfolg

Wenn streikende griechische Beamte die Entsandten von EU, EZB und IWF, die sogenannte Troika, in Athen daran hindern, jene Daten zu sammeln, die für die Auszahlung der nächsten Hilfstranche notwendig ist, dann muss man sich fragen: Wie stellen sich diese Menschen, die ja auch einen gewissen Bildungsgrad, die Zukunft ihres Landes vor?

Die Antwort ist wohl: Sie wissen es selbst nicht, und sie müssen es auch nicht wissen. Denn Griechenland muss die harten Entscheidungen, zu denen sie durch ihre eigenen früheren Fehler gezwungen werden, nicht selbst treffen. Sie werden in Brüssel und Frankfurt für sie getroffen.

Das ist eines der Erklärungen, warum die teure Griechenland-Hilfe auf so wenig Dankbarkeit bei den Empfängern stößt, und warum im Land außerhalb der politischen Führung rund um Premier Georgios Papandreou so wenig Vernunft existiert.

Es ist eines der zentralen Erkenntnisse der Sozialwissenschaften, dass Reformen nur dann funktionieren, wenn die Menschen das Gefühl haben, dass dies ihr Projekt ist, das sie sich selbst ausgesucht haben und für das sie nun Verantwortung tragen.

Eine Gesellschaft muss Reformen „besitzen“, damit sie sie akzeptieren und auch umsetzen. „Ownership“ und "Empowerment" sind die entsprechenden Begriffe in der englischsprachigen Literatur. Ohne das sind auch die sinnvollsten Maßnahmen nicht erfolgreich.

Deshalb ist es oft klüger, Länder ihren eigenen Weg gehen zu lassen, selbst wenn dieser nicht unbedingt den Lehrbüchern über richtige Wirtschaftspolitik entspricht.

China hat in seinen Wirtschaftsreformen seit 1979 auch vieles falsch gemacht, und dafür oft einen Preis gezahlt: Inflation, Umweltzerstörung, Ungleichheit. Aber die Tatsache, dass es immer ein „chinesischer Weg“ war, der eingeschlagen wurde, hat selbst nicht ganz durchdachte Maßnahmen zum Erfolg geführt.

Das Gleiche gilt auch in der Kindererziehung: Ab einem gewissen Alter muss man Kindern erlauben, ihre eigene Fehler zu machen. Sie lernen mehr davon als von ständiger elterlicher Bevormundung. Für meine 14- und 17-jährigen Kinder gilt das auf jeden Fall.

Griechenland steht derzeit unter Kuratel, und wenn es nach wichtigen Stimmen in Nordeuropa geht, soll diese Vormundschaft noch verschärft werden.

Doch das kann nicht gutgehen. Wenn den Griechen jede Verantwortung für ihre eigenen Handlungen genommen wird, dann werden sie umso heftiger Widerstand gegen alles leisten, das schmerzhaft und sinnvoll ist.

Dies ist ein weiteres Argument für einen radikalen Kurswechsel: für eine geordnete Insolvenz mit kräftigem Schuldenschnitt und einem Einstellen der europäischen Finanzhilfe – bzw. ein Umleiten der EFSF-Gelder von den Griechen zu den durch die Insolvenz gefährdeten Banken.

Dann könnte Griechenland aus eigener Kraft aus dem tiefen Loch der Überschuldung und mangelnden Wettbewerbsfähigkeit wieder herausklettern – und dabei selbst die Verantwortung für den richtigen Weg tragen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Proteste in Griechenland.

Share if you care.