Nicht ohne meine Orangenpapiere

3. Oktober 2011, 09:01
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Vincent Abbrederis, Geschäftsleiter des Wuk, feiert das 30-jährige Bestehen des Wiener Kulturhauses

Ab kommendem Montag feiert Vincent Abbrederis, Geschäftsleiter des Wuk, das 30-jährige Bestehen des Kulturhauses. Zuvor warf Nadine Obermüller einen Blick in seine Wohnung.

"In meiner Wohnung ist der Charakter alter Industriearchitektur noch richtig spürbar. Früher war hier an dieser Stelle ein Nähsaal, in dem 15 Näherinnen beschäftigt waren. Ursprünglich war das ein traditionelles Fabrikantenhaus, das im siebten Bezirk in der Gründerzeit errichtet wurde – im sogenannten 'Textilviertel Seidengrund'. Soweit ich weiß, hatte das Haus nur zwei Besitzerfamilien. Zum Anwesen gehörte früher auch ein Pferdestall. Bis vor zwei Jahren existierten sogar noch Eisenbahnschienen, die zum Transport schwerer Textilien benutzt wurden. Zwei Etagen höher wurde dann genäht. Da wohnen wir heute.

Die Produktionsstätte hielt sich über Jahrzehnte hinweg bis Anfang der Achtzigerjahre. Nachdem es dann allerdings keine Interessenten mehr für die Vermietung des Gebäudes gab, zogen nach und nach Wohngemeinschaften ein. So war das auch bei mir. Begonnen hat alles mit der WG. Wenn ich mich richtig erinnere, wohnten zu Spitzenzeiten zehn Leute in dieser Wohnung!

Interessant finde ich auch, dass da eine zeitliche Parallelität zum Beginn meiner Tätigkeit im Wuk besteht. Dort habe ich 1986 als Zivildiener angefangen. Sagen wir's so: Ich bin schon fast so lang im Wuk wie in dieser Wohnung.

Es gibt hier viele Dinge, zu denen ich eine starke persönliche Verbindung habe. Das sind einerseits moderne Kunst- und Einrichtungsobjekte, andererseits diverse familiäre Erinnerungsstücke. Ich finde, dass sich die Altbaustruktur mit ihrer Geräumigkeit und Luftigkeit grundsätzlich für ein Nebeneinander verschiedener Stile anbietet. Wenn ich jetzt an das Wuk denke, ist es aber auch eine permanente Herausforderung, alte Bausubstanz modern zu gestalten.

Auch in dieser Wohnung merkt man, dass die Räume nicht durchkonzipiert sind und dass sie sich mit den Jahren stets verändert haben. Das letzte Erinnerungsstück an die Achtzigerjahre ist eigentlich nur noch diese schiefe Wand dort. Die haben wir damals eingezogen – quasi als eine Art erste Raumteilung. Doch ansonsten sind das flexible Räume, die sich den jeweiligen Bedürfnissen jederzeit anpassen können. Das hat sich nicht nur im Wohnungsbild niedergeschlagen, sondern auch in sich ständig verändernden Lebensformen der Bewohnerinnen und Bewohner – von der WG zur Singlewohnung, danach zum Asyl für Scheidungsopfer bis hin zur offenen Familienwohnung. Diese Wände haben schon die unterschiedlichsten Lebensstadien gesehen!

Es gab hier sogar schon Ausstellungen. Das war eine Art Home-Gallery für befreundete Künstler, etwa für den Architekturfotografen Ignacio Martinez sowie für Veronika Dirnhofer oder Franz Türtscher. Den eigenen, ganz privaten Raum öffentlich zu machen – das war für mich eine interessante Erfahrung. Mittlerweile ist die Wohnung zum Spielplatz für meine Kinder und deren Freunde avanciert.

Wovon ich mich niemals trennen könnte, fragen Sie? Schwierig zu sagen. Die Gefahr bei so viel verfügbarem Platz besteht darin, dass sich viele Dinge ansammeln können. Tatsächlich bin ich auch ein Sammler. Aber ich sammle nur platzsparende Objekte: Orangenpapiere. Mir gefällt die Vielfalt und die hundertjährige Geschichte dahinter. Mittlerweile kommen die Orangenpapiere immer mehr aus der Mode, und schöne Motive werden seltener. Ich besitze auch einige besondere Exemplare der Künstlerin Sissi Farassat, mit der ich diese Leidenschaft teile. Die mit Pailletten verzierten Orangenpapiere habe ich gerahmt und hier drüben aufgehängt. Die restlichen Seidenpapiere liegen in zwei großen Körben neben dem Schreibtisch. Davon werde ich mich nie trennen. Falls nötig, lassen sie sich auch überallhin einfach mitnehmen!" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2.10.2011)

Vincent Abbrederis, geb. 1959 in Bregenz, ist Geschäftsleiter des Wuk (Werkstätten- und Kulturhaus) in Wien-Alsergrund und zuständig für Kultur und Verwaltung. Er absolvierte dort seinen Zivildienst und war auch schon während seines Politikwissenschafts- und Geschichtsstudiums im Wuk tätig. Seit 2004 leitet er den Betrieb.

Kommende Woche feiert das Wuk sein 30-jähriges Bestehen. Die Geburtstagsfeier dauert vom 3. bis 9. Oktober – mit Veranstaltungen in den Bereichen Kunst, Tanz, Musik, Theater, Bildung sowie einem eigenen Programm für Kinder. Start: Montag, 3. Oktober, 9 Uhr. Eintritt frei.

Link

www.wuk.at

  • Von der Näherei zur Familien-WG: Vincent Abbrederis in seiner Wohnung in Wien-Neubau. In den beiden Körben werden exotische Orangenpapiere gehortet. 
(Foto: Lisi Specht)
    foto: lisi specht

    Von der Näherei zur Familien-WG: Vincent Abbrederis in seiner Wohnung in Wien-Neubau. In den beiden Körben werden exotische Orangenpapiere gehortet.

    (Foto: Lisi Specht)

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