Schuldenkrise

Schulden, Schuld und Sühne

Kommentar der anderen | 30. September 2011, 19:24

Assoziationen zu Griechenland und die Gebrüder Grimm - Von Monika Mokre

Maria Fekter sieht also die Reichen in ähnlicher Form verfolgt wie seinerzeit die Juden. Einen ähnlichen Vergleich hat der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn schon im Jahr 2008 in Bezug auf die Manager gezogen. Das Magazin Format hingegen sieht auf seinem Titelblatt die Verantwortung für das Ende des kurzen europäischen Wirtschaftsaufschwungs bei den europäischen Politikern und bei den griechischen Verwandten. Und erinnert bei dieser zweiten Schuldzuweisung an Angela Merkel, die vor einigen Monaten im Handelsblatt mitteilte: "Wir können nicht eine Währung haben und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig. Das geht auf Dauer auch nicht zusammen."

Schuldzuweisungen tragen wenig zur Analyse von Wirtschaftskrisen bei, haben aber deutliche Auswirkungen auf die politische Akzeptanz von Lösungsvorschlägen. Hilfe soll es für die geben, die unschuldig sind - so heißt es schließlich schon bei den Gebrüdern Grimm, bei denen nur jene Anspruch auf Mitleid und ein glückliches Ende haben, die "unverschuldet ins Elend geraten" sind.

Nun lässt sich mit großer Plausibilität behaupten, dass Vermögende und Manager durch die Wirtschaftskrise großteils nicht ins Elend geraten sind - wohl aber viele kleine Sparer, Arbeitnehmer und Unternehmen. Doch im Unterschied zu vielen anderen gilt für diese offensichtlich nicht die Unschuldsvermutung. Offensichtlich gilt es heutzutage als unmöglich, dass jemand unverschuldet ins Elend gerät. Jeder hat die Chance auf Erfolg und beweist genau durch diesen Erfolg, also etwa seinen Reichtum, seine Unschuld. Wem das nicht gelingt, der hat offenbar etwas falsch gemacht oder insgesamt eine fehlerhafte Lebenseinstellung.

Immerhin haben prominenten Soziologen, wie Paul Nolte, schon vor Jahren festgestellt, dass die "neue Unterschicht" keinesfalls unschuldig aufgrund von Wirtschaftsentwicklungen ins Elend geraten ist, sondern sich vielmehr durch einen spezifischen Lebensstil auszeichnet, der sich durch die freiwillige Entscheidung für mangelnden Ehrgeiz, billigen und ungesunden Fastfood und beständige TV-Berieselung auszeichnet. Dieses Konzept lässt sich anscheinend ohne größere Schwierigkeiten politisch auf ganze Länder umdeuten.

Schuld und Unschuld sind heutzutage neu zu definieren. Schuld sind nicht diejenigen, die Schuldenkrisen erzeugen, Gewinne durch Spekulationen einfahren oder Bildungsmöglichkeiten reduzieren. Schuld sind diejenigen, die an diesen strukturellen Entwicklungen scheitern. Schuld sind diejenigen, die keine Lebensperspektiven mehr haben, weil Bankenkredite auf Kosten der Bevölkerung gesichert werden.

Doch immerhin wird diese Schuld nicht mehr, wie bei den Gebrüdern Grimm, damit bestraft, dass die Verantwortlichen bis zum Tod auf glühenden Kohlen tanzen müssen. Menschen entscheiden frei und selbstbestimmt über ihr Leben.

Und zünden sich aufgrund dieser Freiheit an, wie dieser Tage über einen Griechen berichtet wurde, dem ein dringend nötiger Bankkredit verweigert wurde. Der Mann wurde gerettet - anders als viele seiner Landsleute: Die Selbstmordrate in Griechenland hat sich im Jahr 2011 verdoppelt. (Monika Mokre, DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.10.2011)

Autor

Monika Mokre (Jg. 1963) ist Politologin und Kulturwissenschafterin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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Posting 1 bis 25 von 33
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Titus Petronius
20
2.10.2011, 17:26
Sinnlose katholische Schulddiskussion

Wen interessiert wer Schuld daran ist ? Doch wohl nur Leute, die gerne Strafen verteilen würden.

Unser Wirtschafts- und Finanzsystem hat Probleme und Unzulänglichkeiten. Diese zu beheben, das muss der Fokus sein.

Wer Schuld daran ist, kann man dann klären, wenn man die Zeit dazu hat, ansonsten ist es nur eine Verschleppung von Problemlösungen.

Konkrete Massnahmen und Umsetzungen sind gefragt. Und der Diskurs welche Massnahmen inwieweit sinnvoll und zielführend sind.

Mit einem retrospektivischen Ansatz wie diesem, werden wir in 10 Jahren noch darüber diskutieren, wer woran Schuld ist.

Hermine Berg
 
02
2.10.2011, 13:58
bravo fuer diesen kommentar!

solche grundlegenden ueberlegungen werden viel zu selten publik und spielen in der diskussion ueber die frage, wer die last der witschaflichen katastrophe der letzten jahre getragen hat eine viel zu geringe rolle.

es ist wirklich unertraeglich, wie "experten" immer wieder erklaeren, warum wir alle noch schneller immer neue hamsterraeder treten muessen waerend eine abgehobene kaste von besitzmenschen nichts anderes tut als permanent groessere und perversere hamsterraeder fuer uns zu erfinden.

die ausbeutung hat system. und gegen noch so viel medienmacht wird das irgendwann den leuten auch klar werden.

Sarah L.
 
03
2.10.2011, 12:45
danke für diesen kommentar, monika mokre, -

und ja, es ist so: die wirtschaftswissenschaften haben ihre rolle als "politische ökonomie" längst verloren. sie sind nur mehr rechenspiel - mit falschen prämissen.

Max Merlin
02
1.10.2011, 17:58
Die pervertierte Grundidee

Die Grundidee des Kapitalismus wurde allseits verraten und pervertiert - https://sites.google.com/site/maus... pitalismus - die strukturell bedingte Lähmung heutzutage ist sicher nicht die Schuld der Opfer. Eher schon liegt diese bei Politikern und Managern, die Macht ohne Verantwortung genießen und zwangsläufig in Korruption abdriften.

Hermine Berg
 
02
2.10.2011, 14:01
wir leben nicht im kapitalismus

sehen Sie sich an, wer die grossen geldstroeme lenkt: politiker (offiziell) und banker (inoffiziell). diese geldstroeme sind nicht "im markt" - nein, es ist steuergeld. wir alle zahlen einen grossen teil unseres einkommens und des zukuenftigen einkommens unserer kinder in einen topf, der am markt vorbei zu den reichen kanalisiert wird.

das ist nicht kapitalismus, das ist ausbeutung.

Max Merlin
00
2.10.2011, 14:36
100 % Zustimmung

Genau so habe ich das auch gemeint ...

Sarah L.
 
00
2.10.2011, 12:57

naja, diese "grundidee" ist vielleicht auch nur propaganda?
denn diese welt, die welt der vielen kleinen autonomen, warenproduzierenden freien subjekte, mag eine romantische vorstellung sein, hat aber mit "kapitalismus" nichts zu tun.

Max Merlin
00
2.10.2011, 14:12
Ja sowieso

Ja sicher - die Uridee ist der Traum von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Ziemlich romantisch. Was heute "Kapitalismus" genannt wird - dieses Geflecht aus Staat und Großunternehmen - hat damit rein gar nichts mehr zu tun.

myschkin
00
1.10.2011, 20:36

wenn es zu lang ist, der vorletzte Absatz, danach vielleicht doch alles.

http://www.avenz.de/definitio... lismus.htm

Max Merlin
00
2.10.2011, 10:44
Ja schon, aber

Die Argumente sind vielschichtig - nur Eines: vor dem Kapitalismus war die Menschheit eine unausgeschlafene, halb verhungerte, unaufgeklärte, eigentums- und rechtlose, von andauernden Kriegen geplagte Masse. Die Kindersterblichkeit lag bei 70 Prozent, die Lebenserwartung bei 35 Jahren - irgendetwas hat sich also gewaltig gebessert!

myschkin
11
2.10.2011, 15:28

Die großen Menschen die für die Fortschritte im Gesundheitswesen verantwortlich sind, wären aber nicht erfreut, wenn sie vom Kapitalismus vereinnahmt werden, als ob sie das nur in diesem geschafft hätten.
Der Beginn wissenschaftlicher Forschung liegt vorm Kapitalismus, Aufklärung hat auch einige Jahre mehr Erfahrung. Ja, man kann sagen, dass der Kapitalismus die Forschung behindert, die Aufklärung bekämpft, weil die herrschende Klasse an einem Fortschritt nicht interessiert ist.
Die Geschichte kann man nicht ändern, rückwirkend. Die Menschen gehen den Weg über den Kapitalismus, man sollte ihn aber nicht als das Ende der Geschichte erleben.
Von der Not für die große Mehrheit dieses System, fangen wir lieber gleich gar nicht an.

GUCCI
00
1.10.2011, 19:14

die treffendste analyse seit langem, die ich bisher las. dafür würde ich ihnen gerne mehr grüne geben.

1116er
22
1.10.2011, 17:20
"..der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig. Das geht auf Dauer auch nicht zusammen."

ach wo sind die zeiten, als die südländer bewundert wurden für ihre fähigkeit des "dolce far niente"?
wo sind die zeiten, als millionen sie besuchten und den versuch unternahmen, sie nachzuahmen?
wo sind die zeiten, als ein nicht kleiner teil dieser millionen mit einem 'urlaubsandenken' an pietro, stavros und jose zurückkam?

hinweg sind sie diese zeiten der unbeschwertheit. zerstört durch die unbarmherzige tourismusindustrie und den perversen leistungswahn der nordländer...

die südländer haben mein vollstes verständnis für ihre 'rache' durch das annehmen der ihnen praktisch aufgedrängten kredite: möge jeder kredithai so erbärmlich enden (wie wir im norden von uns selbst behaupten --> lächerlich und egomanisch!).

Pia
24
1.10.2011, 12:26
Wenn hier jemand zu sühnen hat,

dann ist es schlicht und einfach die schlechte Merkel!
Schlecht in ihrer fachl. Kompetenz und schwierig nachzuvollziehen, woher sie ihre Arroganz speist!
Aber so wirklich ernst nehmen tut sie sowieso niemand mehr, da ihr Verhalten darauf hinweist, dass sie möglicherweise unter ihren Wechseljahrbeschwerden leidet (gepaart mit einem Hauch von ordinärer 2. Pubertätsphasen-Taktik)!

PS: zum fachlichen Teil: jeder Fachmann/jede Fachfrau weiß schon SEIT LANGEM, dass an einem Schuldenschnitt für Griechenland kein Weg vorbeiführt - nur die Meckel offenbar noch nicht!

noirc80
11
1.10.2011, 15:19
genau! denn wie sie richtig bemerken, besteht deutschland ausschließlich aus angela merkel.

falls ihnen wer erzählen sollte, da wären noch etwas mehr als 80 millionen menschen unterwegs - alles gelogen, gibt es gar nicht. ebenso gibt es gar kein frankenreich, dieser sarkozy, von dem man ihnen eventuell auch schon mal bilder gezeigt hat, alles erfunden, hat die merkel in den bavaria filmstudios gedreht, den kerl gibts nicht, ist ein automat.

warp.faktor
02
1.10.2011, 14:15
Die einzige Schwäche von Angela Merkel ...

... ist, dass sie tut, was Josef Ackermann von ihr verlangt.

Vielleicht wäre aus ihr eine gute Wissenschaftlerin geworden?

ichbinsofrei.net
12
1.10.2011, 11:15

Die herrschende Ideologie gut auf den Punkt gebracht. Man nennt sie Klassenrassismus und sie besteht in der Naturalisierung des Unten und Oben.

TVOS
15
1.10.2011, 11:20

dass Sie unten sind ist nicht nur natürlich, sondern auch gerecht

ichbinsofrei.net
20
1.10.2011, 11:34

lol

WernaeI Spindelmann
54
1.10.2011, 07:52
Wenn Politologinnen die Schuldenkrise erklären...

Etwas Nachhilfe gefällig:

"Über die Ausgabe von Staatsanleihen beschaffen sich die Staaten Geld von den Finanzmärkten, damit sie den Steuerzahlern Geschenke machen können. Sobald die maximal tragbare Schuldenlast überschritten ist, beginnen die Finanzmärkte höhere Zinsen zu verlangen, wegen des steigenden Risikos. Im Gegenzug beginnen die Politiker gegen die bösen Finanzmärkte zu wettern, sitzen aber am kürzeren Hebel. Das eigentliche Problem dabei ist, dass wir uns in der Vergangenheit der Schuldenproblematik nicht ausreichend bewusst waren, und nun finden sich die Euro-Staaten "plötzlich" in einer Schuldenfalle wieder. Dabei sind sie von nervösen Finanzmärkten abhängig, welche ihrerseits von der Staatsschuldenkrise gestresst werden."

Sarah L.
 
00
2.10.2011, 13:02

wenn man schon so einen flachen schmarrn zitiert, sollte man wenigstens die quelle angeben. (hayek institut?)

KarlNörgeler
00
2.10.2011, 11:50
... damit sie den Steuerzahlern Geschenke machen können....

Ca. 40% der deutschen Staatsverschuldung gehen auf das Konto Aufrüstung im Kalten Krieg. Schließlich hatte die BRD vor der Aufrüstung ab 1956 noch ein Staatsvermögen - Julius-Turm genannt.

Die Aufrüstung war auch ein Geschenk an die ganz reichen (Nicht-)Steuerzahler, denen man die Enteignung durch die Kommunisten erspart hat.

noirc80
51
1.10.2011, 15:26
das problem ist, dass das propaganda ist.

seufz, wieder einer, der das märchen von der "schuldenkrise" geschluckt hat...
wo waren sie die letzten jahre? sie haben verschlafen, dass ein gutteil der staatsverschuldung auf bankenrettungen zurück zu führen ist, nicht auf schlechtes wirtschaften oder notorisches verschulden der staaten.

tich nak
01
2.10.2011, 03:35

Ja wenn im Fall von Österreich für sie 0.45% einen Gutteil der Staatsschuld bedeutet dann haben Sie recht, andere Gutteile sind: Pensionen, Krankenversicherung, ÖBB, Bildung usw...

WernaeI Spindelmann
02
2.10.2011, 00:06
Santo Simlicissimo

Seit 1970 hat die Republik Österreich 220 MILLIARDEN Euro an Schulden angehäuft.

220.000 Millionen Euro!

Davon waren Bankenrettung knapp 5 Milliarden Euro, wovon mehr als die Hälfte gut verzinst wieder zurückgezahlt wurde bzw. noch zurückkommt.

Somit bleiben 215 Milliarden Euro Staatsschulden, die für Pensionen, Beamtengehälter, ÖBB usw. verkonsumiert wurden.

Aber es geht eben nichts über naives Bankenbashing.

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