Assoziationen zu Griechenland und die Gebrüder Grimm - Von Monika Mokre
Maria Fekter sieht also die Reichen in ähnlicher Form verfolgt wie seinerzeit die Juden. Einen ähnlichen Vergleich hat der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn schon im Jahr 2008 in Bezug auf die Manager gezogen. Das Magazin Format hingegen sieht auf seinem Titelblatt die Verantwortung für das Ende des kurzen europäischen Wirtschaftsaufschwungs bei den europäischen Politikern und bei den griechischen Verwandten. Und erinnert bei dieser zweiten Schuldzuweisung an Angela Merkel, die vor einigen Monaten im Handelsblatt mitteilte: "Wir können nicht eine Währung haben und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig. Das geht auf Dauer auch nicht zusammen."
Schuldzuweisungen tragen wenig zur Analyse von Wirtschaftskrisen bei, haben aber deutliche Auswirkungen auf die politische Akzeptanz von Lösungsvorschlägen. Hilfe soll es für die geben, die unschuldig sind - so heißt es schließlich schon bei den Gebrüdern Grimm, bei denen nur jene Anspruch auf Mitleid und ein glückliches Ende haben, die "unverschuldet ins Elend geraten" sind.
Nun lässt sich mit großer Plausibilität behaupten, dass Vermögende und Manager durch die Wirtschaftskrise großteils nicht ins Elend geraten sind - wohl aber viele kleine Sparer, Arbeitnehmer und Unternehmen. Doch im Unterschied zu vielen anderen gilt für diese offensichtlich nicht die Unschuldsvermutung. Offensichtlich gilt es heutzutage als unmöglich, dass jemand unverschuldet ins Elend gerät. Jeder hat die Chance auf Erfolg und beweist genau durch diesen Erfolg, also etwa seinen Reichtum, seine Unschuld. Wem das nicht gelingt, der hat offenbar etwas falsch gemacht oder insgesamt eine fehlerhafte Lebenseinstellung.
Immerhin haben prominenten Soziologen, wie Paul Nolte, schon vor Jahren festgestellt, dass die "neue Unterschicht" keinesfalls unschuldig aufgrund von Wirtschaftsentwicklungen ins Elend geraten ist, sondern sich vielmehr durch einen spezifischen Lebensstil auszeichnet, der sich durch die freiwillige Entscheidung für mangelnden Ehrgeiz, billigen und ungesunden Fastfood und beständige TV-Berieselung auszeichnet. Dieses Konzept lässt sich anscheinend ohne größere Schwierigkeiten politisch auf ganze Länder umdeuten.
Schuld und Unschuld sind heutzutage neu zu definieren. Schuld sind nicht diejenigen, die Schuldenkrisen erzeugen, Gewinne durch Spekulationen einfahren oder Bildungsmöglichkeiten reduzieren. Schuld sind diejenigen, die an diesen strukturellen Entwicklungen scheitern. Schuld sind diejenigen, die keine Lebensperspektiven mehr haben, weil Bankenkredite auf Kosten der Bevölkerung gesichert werden.
Doch immerhin wird diese Schuld nicht mehr, wie bei den Gebrüdern Grimm, damit bestraft, dass die Verantwortlichen bis zum Tod auf glühenden Kohlen tanzen müssen. Menschen entscheiden frei und selbstbestimmt über ihr Leben.
Und zünden sich aufgrund dieser Freiheit an, wie dieser Tage über einen Griechen berichtet wurde, dem ein dringend nötiger Bankkredit verweigert wurde. Der Mann wurde gerettet - anders als viele seiner Landsleute: Die Selbstmordrate in Griechenland hat sich im Jahr 2011 verdoppelt. (Monika Mokre, DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.10.2011)
Autor
Monika Mokre (Jg. 1963) ist Politologin und Kulturwissenschafterin an
der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.