Farben, Rausch und Tabus

1. Oktober 2011, 07:31
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Die neue Saison des Tanzquartiers Wien hat manch Provokantes zu bieten: Zum Auftakt gibt es einen langen Abend junger Talente

Wien - Ein Veilchen bringt die belgisch-deutsche Choreografin Meg Stuart nach Wien ins Tanzquartier. Das klingt nett, aber Stuarts Arbeiten sind seit 20 Jahren alles andere als harmlos. Stets bewegen sich Körper am Rand des Reißens, sind Psychen am Zerbrechen, und das soziale Miteinander verläuft an der Grenze zum Pathologischen.

In Stuarts Violet (14. & 15. 10.) dräuen Halluzination, Schamanisches und die Abgründe der Droge. Violett, die Farbe des Geheimnisses, der Kreativität und der Unzufriedenheit, bedeutet in der christlichen Kirche Buße und Besinnung.

Mit Rausch und Transzendenz gibt es Berührungspunkte zwischen Stuart und ihrem jüngeren Kollegen, dem Österreicher Alexander Gottfarb, der sich am 7. und 8. Oktober als Moved by Faith erweist. Seine Tänzergruppe befasst sich damit, wie Glaubensrituale aus verschiedenen Religionen deren Gläubige in Bewegung versetzen, wie also Religion und Esoterik ihre Anhänger choreografieren.

Und noch ein weiteres Tanzquartier-Stück im Oktober (21. & 22.) knüpft an Glauben und Religion an: Can We Talk About This? von Lloyd Newson und seinem Londoner DV8 Physical Theatre. Dabei ist jedoch nicht von Einbildung und Niederknien die Rede, sondern davon, ob es eine inquisitorische Tendenz in unserer Gesellschaft gibt, was die Meinungsäußerung über - religiös oder profan - ideologisch aufgeladene Themen betrifft. Ein Stück, das geeignet ist, die Gemüter im Publikum zu erregen.

Zum Einstand der neuen Spielsaison und zum Auftakt seines zehnjährigen Jubiläums bietet das Tanzquartier am Samstag, 1. 10., einen vielschichtigen Abend an: mit Arbeiten von vielversprechenden jungen Choreografen wie Kat Válastur, die von Zeitverständnissen erzählt, und Taoufiq Izeddiou, der über Körper und Identität im Zusammenhang mit deren kultureller Prägung reflektiert.

Praktische Utopien packen die rumänischen Tänzer Dragana Bulut, Eduard Gabia und Maria Baroncea in E.I.O. an, und in Forecasting handeln Giuseppe Chico & Barbara Matijevic den in unserer Gesellschaft grassierenden Geschichtsverlust ab. (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 1./2. Oktober 2011)

  • Gezückte Waffen: Giuseppe Chico & Barbara Matijevic verhandeln in "Forecasting" Geschichtsverlust.
    foto: barbara matijevic

    Gezückte Waffen: Giuseppe Chico & Barbara Matijevic verhandeln in "Forecasting" Geschichtsverlust.

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