Das Körperland ist abgebrannt

30. September 2011, 18:36
1 Posting

Eszter Salamons Masterpiece "Tales of the Bodiless" beim Steirischen Herbst

Graz - Abgebrannt sei das Theater, sagt die Choreografin Eszter Salamon einleitend zu ihrem neuen Stück Tales of the Bodiless, das der Steirische Herbst noch bis Samstag im Grazer Mumuth zeigt. Die Bühnenausstattung aus hoch entflammbarem, mit Härchen überzogenem Stoff habe Feuer gefangen, und der Brand habe sich auf den Zuschauerraum ausgebreitet.

Draußen vor dem brennenden Gebäude, so Salamon weiter, seien die Menschen gestanden, während die Feuerwehr im Inneren die Sitze mit Schaum fluteten. So schildert Salamon die Verbannung des Publikums aus dem Theater, das darauffolgende Stück behandelt die Ausweisung des menschlichen Körpers aus der Welt. In dieser "musical fiction without science" , für die die gebürtige Ungarin Salamon mit der serbischen Theoretikerin und Dramaturgin Bojana Cvejić zusammengearbeitet hat, wird der Körper erst einmal konserviert. Ironischerweise allerdings als Moorleiche. Sehr genau erfährt das Publikum die chemischen Prozesse der Konservierung.

Der Anfang vom Ende des Körpers ist also der Sumpf. Der Sumpf ist das Medium, das die Struktur des toten Körpers erhält. Und am Ufer dieses Mediums bellt ein Hund. Denn der Hund überlebt den Untergang des menschlichen Körpers. Er ist nun ganz allein und auf sich gestellt. Der Übergang von der Moorleiche zum Hund in dem fantastischen Erlebnisraum von Tales of the Bodiless ist ein Schock. Das von einer in weiten Sound eingebetteten sonoren Erzählerstimme beherrschte Dunkel wird von einem Videobild zerrissen, das einen Pflock und eine schwingende Leine zeigt. Daraus entwickeln sich ein monströses, dunkle Sätze bellendes Antlitz und ein orange-rot schimmerndes Pärchen, das einen ins Ordinäre abgleitenden Dialog führt.

Die Anwesenheit des Körpers ist nur noch als Projektion und Plastik möglich. Als Ersatz also, von Salamon im Stück als ein "Substitut" bezeichnet, das wie Bakterienschaum zu wuchern beginnt. Ebenso wuchert der Text. Erst von einer Stimme gesprochen, mischen sich gegen Ende hin, wenn alle Bilder sich in traumhaft schön beleuchteten Rauchwolken aufgelöst haben, zu einem Chor, zu einem Rauschen, an dessen Ende der schöne Satz steht: "Die Zeit des menschlichen Lebens war ein Kind, das spielte."

Tales of the Bodiless, mit seiner herrlichen Musik von Cédric Dambrain, Terre Thaemlitz und Peter Böhm, ist alles andere als ein posthumane Romantik feierndes Spektakel. Es bezeichnet vielmehr eine Tendenz von vernetzten Zivilisationen, den Körper in seine virtuellen Schaumbildungen aufzulösen. Und es stellt die zeitgenössische Choreografie als Organisatorin eines Erfahrungsraums vor, an dem die Vorstellungskraft des Publikums aktiven Anteil hat. (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 1./2. Oktober 2011)

Share if you care.