Dollfuß-Opfer

"Das ist ein Herumeiern um die Wahrheit"

Interview | 1. Oktober 2011, 13:00
  • Artikelbild
    foto: standard/newald

    "Wenn ich als Zeitzeuge in Schulen von dieser Zeit erzähle, sind die jungen Leute baff."

"Das ist keine Rehabilitierung", sagt Fritz Propst, der im Dollfuß-Ständestaat wiederholt inhaftiert war, über das geplante Gesetz für die Austrofaschismus-Opfer

STANDARD: Sie sind 1916 geboren und einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die den Ständestaat erlebt und darunter gelitten haben. SPÖ und ÖVP haben nun einen Gesetzesentwurf zur Rehabilitierung der Opfer des Austrofaschismus vorgelegt. Was halten Sie davon?

Propst: Ich habe über einen Freund erfahren, dass direkt im Gesetzesentwurf das Wort Austrofaschismus explizit vermieden wird. Auch dass da Unrecht geschehen ist, kommt so nicht vor. Das empört mich.

STANDARD: Wie wichtig ist Ihnen mehr als 70 Jahre danach eine Rehabilitierung?

Propst: Ich dachte lange, dass alle Opfer des Faschismus nach 1945 rehabilitiert worden sind. Ich habe seit 1946 für meine Emigrationszeiten und für meine Verwundung eine Entschädigung bekommen. Ich dachte, das sei die Wiedergutmachung.

STANDARD:  Sie wurden mehrmals verhaftet. Was hat die Dollfuß-Zeit für Sie und Ihre Familie bedeutet?

Propst: Meine Mutter war natürlich furchtbar aufgeregt. Sie hat ja nichts von Politik verstanden. Sie war der Meinung, es habe in der Familie noch nie einen Verbrecher gegeben, der eingesperrt gehört. Einmal ist sie zur Polizei gegangen und hat gesagt, dass ihr Sohn kein Verbrecher ist. Er kümmere sich doch nur um die Kinder bei den Roten Falken. Das war im Mai 1934. Ich war damals 18 Jahre alt. Die Polizisten haben gesagt: "Ach so, der arbeitet bei den Roten Falken?" Dann bin ich wegen Wiederbetätigung für die Sozialistische Partei verurteilt worden. Ohne jeden Beweis.

STANDARD:  Und die Familie?

Propst: Die Familie hat wirtschaftlich leiden müssen. Ich war ja eingesperrt, ich konnte nicht arbeiten und die Familie unterstützen. Unter den Nazis wurde die Situation noch schlimmer. Die haben meinem Bruder gesagt: Wenn ich mich nicht melde, dann holen sie ihn. Daraufhin ist auch er geflüchtet. Ich bin schon vorher, am Tag, als Hitler in Wien am Heldenplatz aufmarschiert ist, nach Tschechien geflohen. Das war ein günstiger Zeitpunkt, die Leute auf den Straßen waren alle besoffen, die Züge waren voll, die Leute waren auch am Saufen, es gab keine Kontrollen.

STANDARD: Besoffen vor Freude?

Propst: Ja natürlich. Die Leute im Zug haben randaliert, durcheinandergesungen und zum Raufen begonnen. So ist es damals zugegangen.

STANDARD:  Nationalratspräsidentin Barbara Prammer meint, dass sie Kritik am Entwurf verstehen würde, aber es solle nicht noch mehr Zeit vergehen. Sehen Sie das auch so?

Propst: Nein. Wenn in diesem Gesetz der Austrofaschismus nicht beim Namen genannt wird, weiß ich nicht, wofür die Wiedergutmachung steht. Dann ist es eine Wiedergutmachung zur Befriedigung der sozialdemokratischen Partei. Aber ich kann da nicht befriedigt sein. Es ist auf keinen Fall in Ordnung, weil das in Wirklichkeit keine Rehabilitierung ist, das ist ein Herumeiern um die Wahrheit.

STANDARD:  Glauben Sie, dass noch etwas abgeändert wird?

Propst: Ich weiß nicht, warum sich die SPÖ in dieser Frage von der ÖVP dreinreden lässt. Die ÖVP kann doch nicht allein bestimmen. Wozu haben wir dann die Sozialdemokraten in der Regierung sitzen?

STANDARD:  Sie haben mehr erhofft?

Propst: Von der ÖVP habe ich nichts erwartet, weil es dort immer noch Leute gibt, die das Dollfuß-Regime verteidigen. Im ÖVP-Klub hängt ja auch noch immer ein Bild von Dollfuß. Von der SPÖ bin ich enttäuscht, weil ich von ihr eher erwartet habe, dass sie zumindest die Grundprinzipien einhält, nämlich dass sie Faschismus echt bekämpft und auch benennt. Faschismus ist Faschismus. Da gibt es keine Kompromisse.

STANDARD:  Von SPÖ und ÖVP ist nie jemand auf Sie zugekommen?

Propst: Noch nie. Jedes fünfte Jahr kommt der Bezirksvorsteher auf Besuch. Als Geschenk der Stadt Wien hatte er zum 90. Geburtstag 200 Euro, zum 95er 300 Euro mitgebracht. Bei diesen Besuchen haben wir diskutiert, und ich habe ihm vorgeworfen, dass es auf dem Hietzinger Friedhof ein ehrenhalber gewidmetes Grab der Gemeinde für Dollfuß gibt. Als ich davon erfahren habe, bin von den Socken gefallen. Die Februar-Kämpfer, die hingerichtet wurden, wie der Karl Münichreiter, sind bis heute nicht einmal rehabilitiert. Dessen Tochter lebt ja noch! Es wäre höchste Zeit, dass sie erfährt, dass ihr Vater zu Unrecht hingerichtet wurde.

STANDARD: Leben noch Freunde von Ihnen, die auch Dollfuß-Opfer waren?

Propst: Nein, die sind alle tot. Auch der Hugo Pepper ist leider gerade gestorben.

STANDARD:  Was heißt "Austrofaschismus" für Sie?

Propst: Das war der erste Faschismus in unserem Land. Eine undemokratische Herrschaft ohne Parlament und gegen das Volk. Mich hat man sechs Monate lang im Anhaltelager Wöllersdorf festgehalten. Es waren so viele Menschen eingesperrt, dass sie Notgefängnisse errichten mussten. Da wurden die Fenster von Amtsgebäuden vernagelt und vergittert.

STANDARD: Wissen die Österreicher überhaupt noch, wer Dollfuß war?

Propst: Sicher nicht. Wenn ich als Zeitzeuge in Schulen von dieser Zeit erzähle, sind die jungen Leute baff, dass wir schon vor Hitler Faschismus gehabt haben.

STANDARD:  Gehen Sie mit 95 Jahren noch in Schulen?

Propst: Ja. Die Schüler wollen genau wissen, was damals geschehen ist und wieso.

STANDARD: Die wissen vorher gar nichts ?

Propst: Nein. Auch ich höre immer wieder: "Lassen wir die Vergangenheit ruhen." Aber das geht nicht. Aus der Vergangenheit müssen wir lernen, um die Zukunft zu gestalten. (Peter Mayr, DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.9.11)

FRITZ PROBST wurde am 6. Februar 1916 in Wien geboren. Er engagiert sich bei den Roten Falken, ist dann Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes. In der Zeit des Ständestaates wird er mehrfach inhaftiert. 1938 flieht Propst zuerst in die damalige Tschechoslowakei, dann nach England. 1945 kehrt er als britischer Soldat nach Österreich zurück. Danach arbeitet er beim Globus-Verlag.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 395
1 2 3 4 5 6 7 8 9
Siegstasdohostas
00
26.12.2011, 18:08
Dollfuß-Bild im ÖVP-Parlamentsklub

Sollte im Parlamentsklub der ÖVP noch immer ein Bild von Dollfuß hängen (was ich mir eigentlich nicht vorstellen kann), dann spricht das Bände für deren Umgang mit dem Austrofaschismus!

Kann die Enttäuschung von Herrn Probst gut verstehen.

hurchzua
123
3.10.2011, 10:53
damals (1934) "Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes"

Wer damals Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes war, war ein Anhänger Sta + lins und sicher kein Demokrat im heutigen Sinn. Es liegt mir fern einen Menschen deshalb zu verurteilen - er war jung und träumte wohl von einer besseren Welt.

Aber zum Helden und Freiheitskämpfer würde ich ihn deshalb nicht machen: Wenn im Kampf um die Macht sich damals seine Leute - die Kommunisten - durchgesetzt hätten, wäre ein "Sowjet Österreich" das Ergebnis gewesen - sicher nicht demokratischer und freier als der Ständestaat.

Verbietet bewaffnete Burschenschafter!
30
5.10.2011, 09:49
Dummer Mensch!

Geh lieber arbeiten statt Blödsinne schreiben, sollche Leute wollen wir nicht erhalten!

hurchzua
22
5.10.2011, 10:46
"Blödsinne"

haha

phorus
12
3.10.2011, 23:36

fritz propst hat in der britischen armee für die befreiung österreichs gekämpft. das haben auch Sie ihm zu verdanken.

hurchzua
20
4.10.2011, 11:13
das lasse ich gelten

Hat er übrigens mit einem Großonkel gemein, der aufgrund seiner katholischen Einstellung 1938 nach einer kurzen Haft immigrierte.

Aber das macht eine Ideologie nicht heldenhaft.

Der Nicknamelose
04
3.10.2011, 19:26

Haben sie denn auch irgendwelche Beweise dafür, dass die KPÖ in Österreich eine Diktatur errichten wollte? Und das Herr Probst von der pragmatischen Haltung der Sozialdemokratie enttäuscht war und deshalb zur KPÖ gegangen ist, heißt noch lange nicht, dass er ein Anhänger Stalins war.

die Großmutter
00
9.12.2011, 20:51

überall wo die Kommunisten an der Macht sind gibts eine Diktatur..

roll initiative
02
3.10.2011, 13:37

begangene, reale verbrechen, etablierte, reale diktaturen mit einem "was wäre wenn" zu relativieren, das wär mir einfach viel zu blöd ...

Ihnen nicht, gell?

hurchzua
23
3.10.2011, 17:28
die Verbrechen Stalins und seiner Genossen waren sehr real

zumindest für die Millionen Opfer.

Wer damals Kommunist war, war auch Stalinist.

roll initiative
11
4.10.2011, 00:49

aha? der stalinismus in österreich? wann war denn der? Ihre phantasie gilt nicht!

hurchzua
22
4.10.2011, 11:11
auch ein versuchter Mord

ist strafbar.

Die Ziele der Errichtung eines Sowjet Österreich nach Vorbild der UDSSR waren jedenfalls eindeutig. Die Ergebnisse eines solchen Regimes sollte - selbst bei geringem historischem Verständnis - klar sein.

roll initiative
00
6.10.2011, 10:13

aha ... also nach wie vor: nix konkretes, nur phantasie ...

nicht bös sein, aber Ihre phantasie kann ich mit meiner phantasie locker kontern: österreich unter den kummerln, das wäre ein paradies voller gerechtigkeit und solidarität geworden.

ich würd mal sagen: 1 zu 0 für mich im phantasie-battle (weil meins ist noch phantastischer als Ihres)

phorus
00
3.10.2011, 23:34

er war vor allem antifaschist. das waren damals die wenigsten. wo wären Sie damals gewesen?

die Großmutter
00
9.12.2011, 20:52

Wo waren die Kummerl je Antifaschisten ?

hurchzua
11
4.10.2011, 11:15
man wird kein guter,

wenn man an der Seite der einen Verbrecherbande (kommunisten) gegen eine andere Verbrecherbande kämpft.

per verser
15
3.10.2011, 09:53

die haltung der övp beweist ja nur eines: dass man sich in einer kontinuität mit dem arbeitermörder dollfuß und seiner faschistischen diktatur versteht. warum sonst sollte man ein problem mit den termini haben, wenn man eh nichts damit zu tun hat?

die övp hat aber damit sehr viel zu tun, beginnend beim antisemitismus luegers. adels- und kirchenhörigkeit tragen ihr übriges dazu bei.

es hat gründe, warum die övp in gerade diesem punkt nach wie vor geschichtsveruntreuung versucht. glücklicherweise erreicht selbige niemals die international anerkannte lehrmeinung etablierter und kompetenter histtorikerInnen.

was die övp aber viel mehr quält: die österreicherInnen selber sind in dem punkt nicht so leicht zu täuschen, wie man das gerne hätte.

Peda
04
2.10.2011, 17:52

Wen wundert's eigentlich, dass sich die Regierungsparteien schwertun, Verbrechen auch als solche zu benennen? Man drückt sich auch um die (juristisch) korrekten Bezeichnungen für kriminelle Praktiken eigener Funktionäre.

Außerdem ist der 'antifaschistische Grundkonsens' - wie SPÖVP zu betonen nicht müde werden - Grundlage der zweiten Republik (und damit der Macht dieser beiden Parteien). Der Faschismus war und ist für sie das Schreckgespenst vor dem angeblich nur sie uns bewahren können und mit dem man politische Mitbewerber nur allzu gern in Verbindung bringt (ob zu Recht oder nicht sei dahingestellt).
Natürlich wehrt sich da vor allem die ÖVP mit Händen und Füßen dagegen, die Tatsachen beim Namen zu nennen.

W.v.Grün, Erfinder düsengetriebener Wunderwaffeln
105
2.10.2011, 17:28
Okay neuer Versuch:

Erstens: wie wäre es mit Vergeben und Vergessen nach fast 80 Jahren?

Zweitens: Dass die Dollfuss-Partie keine Lamperln waren, ist klar. Dass ausgerechnet ein Kommunist jemandem anderen Demokratiedefizite vorwirft, ist allerdings eher ein Scherz.

Drittens: Wer interessiert sich heute noch für Dollfuss, ausser ein paar Hardliner auf der Verehrungs- und ein paar Hasser auf der Kritikerseite. Das ist trockener, toter Stoff für Historiker, hat aber mit unserem Leben heute nichts mehr zu tun. Und zwar seit fast 80 Jahren, also lasst's und bitte im Kraut mit dem Zinnober.

per verser
11
3.10.2011, 09:55

vergessen ist der erste schritt zur wiederholung. sie wollen der övp die aufarbeitung ersparen. wir kennen uns aus.

W.v.Grün, Erfinder düsengetriebener Wunderwaffeln
01
3.10.2011, 12:31
"wir kennen uns aus"

Träumen Sie weiter. Was ist das für ein stumpfsinniger Reflex, alles sofort auf ÖVP-Anhängertum zu reduzieren, wenn man nicht der linken Meinung nachrennt. Sie kennen sich leider überhaupt nicht aus.

tignosa
23
2.10.2011, 20:42
Vergeben kann ich nur, was MIR jemand angetan hat

ich kann der Dollfuss- Schuschnugg- Bagage zB nicht verzeihen, dass sie den Bulgari fuer einen Brand hingerichtet haben, der gar nicht stattgefunden hat. Auch wenn die SPOE am Denkmal am Linzer Bulgariplatz noch so sehr "vergeben, aber nicht vergessen" stehen hat. Vergessen ist, zweitens, ueberhaupt die Wurzel allen Uebels. Wenn mal vergessen wird, ist der Schritt zur Wiederbetaetigung nicht weit. Unter Schuessel waren wir schon mal fast soweit. Zum Glueck ist die EMRK im Verfassungsrang.

heinzjohann
 
13
2.10.2011, 19:46
Nix mit Zinnober und mit vergessen

Wer so wie Sie mit Geschichtsverständnis umgehen,hat nichts kapiert.
Egal ob Herr Probst Kommunist war oder ist,er hat für die Freiheit dieses Landes gekämpft,mit dem Einsatz seines Lebens!Dafür sollten wir ihm dankbar sein.
Ich persönlich habe in meinem bisherigen Leben einige Menschen kennengelernt,die gegen den Ständestaat,im spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Fschisten,gegen den Hitlerfaschismus und für die Wiedererrichtung der österreichischen Republik gekämpft haben.
Können Sie das auch von sich behaupten oder gefallen Sie sich als nachgeborener Nixwisser besser?

W.v.Grün, Erfinder düsengetriebener Wunderwaffeln
70
2.10.2011, 23:48
Nachgeborener Nixwisser?

Gerade als historisch überdurchschnittlich gebildeter Zeitgenosse maße ich mir an, unterscheiden zu können, was heute bedeutung hat und was nicht. Und das gehört nur für Leute dazu, egal welches Coleur, die nicht loslassen können von Lager- und Feindbilddenken.

estragon001
23
2.10.2011, 17:05
Hat noch irgendwer Zweifel, dass Österreich ein zutiefst gebräuntes Land ist ?

Faschismus, wo man hinschaut und nicht mal sonderlich gut versteckt. Aufarbeitung hat nie stattgefunden, das Ergebnis ist blatant.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 395
1 2 3 4 5 6 7 8 9

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.