Margit Schratzenstaller

Steuerliche Ausnahmen

Kolumne | Margit Schratzenstaller, 30. September 2011, 19:26

Auch hierzulande, wo das gesamte Abgabensystem kaum progressiv wirkt, ist eine stärkere Besteuerung von Vermögenden durchaus diskutabel

Immer mehr Länder haben sie schon oder diskutieren ihre Einführung: die "Reichensteuer". Auch in der österreichischen Debatte taucht die "Reichensteuer" immer wieder auf - wobei unterschiedliche Ansatzpunkte denkbar und im internationalen Umfeld auch anzutreffen sind.

Am gängigsten ist eine höhere Besteuerung der oberen Einkommen. Irland, Griechenland und Portugal haben den Spitzensatz in der Einkommenssteuer um einige Prozentpunkte erhöht. Daneben gewinnen Zuschläge auf die Top-Einkommen an Bedeutung. Vorreiter ist Deutschland, das schon 2007 einen Zuschlag von drei Prozentpunkten auf Einkommen über 250.000 Euro einführte; die 40.000 obersten Einkommensbezieher zahlen nun einen Spitzensteuersatz von 47,5 Prozent. Großbritannien belegt Einkommen über 150.000 Euro seit 2010 mit fünfzig Prozent, das entspricht einem Zuschlag von zehn Prozentpunkten. Drei zusätzliche Prozentpunkte planen Italien, wo Einkommen ab 300.000 Euro künftig mit gut 47 Prozent besteuert werden, und Frankreich, das Einkommen ab 500.000 Euro mit knapp 50 Prozent besteuern will.

Auch US-Präsident Barack Obama hat eine höhere Besteuerung von Einkommensmillionären angekündigt. Die Alternative - eine stärkere Nutzung vermögensbezogener Steuern - ist weniger verbreitet: Spanien führt zeitlich befristet die 2007 abgeschaffte Vermögenssteuer wieder ein, und Griechenland besteuert ebenfalls vorübergehend Immobilien mit einer neuen Grundsteuer.

Sollte auch Österreich eine "Reichensteuer" einführen? Auch hierzulande, wo das gesamte Abgabensystem kaum progressiv wirkt, ist eine stärkere Besteuerung von Vermögenden durchaus diskutabel, wenn auch nicht zusätzlich. Vielmehr sollten "Reichensteuern" die Senkung der hohen arbeitsbezogenen Abgaben vor allem für die unteren und mittleren Einkommen gegenfinanzieren - was auch für Wachstum und Beschäftigung gut wäre.

Der Spitzensteuersatz ist in Österreich nominell mit fünfzig Prozent bereits jetzt genauso hoch oder sogar höher als die andernorts neu eingeführten "Reichensteuern". Wegen der begünstigten Besteuerung des 13./14. Monatsgehalts beträgt er tatsächlich aber nur 44 Prozent. Zielführender als die Anwendung eines noch höheren Spitzensteuersatzes auf eine weiterhin löchrige Steuerbasis wäre es daher, steuerliche Ausnahmen vor allem für die oberen Einkommen einzuschränken. Dann könnte der bestehende Spitzensteuersatz auch tatsächlich greifen. Außerdem besteht, wie auch der Economist in seiner aktuellen Titelgeschichte zum Thema "Besteuerung der Reichen" schreibt, in vielen Ländern und damit auch in Österreich Spielraum bei den Steuern auf Kapitalerträge.

Diese sind allenthalben wesentlich niedriger als jene auf Arbeitseinkommen. Vor allem aber haben im österreichischen Abgabensystem bestimmte vermögensbezogene Steuern Platz, die andere Länder viel stärker ausschöpfen: neben einer Grundsteuer auf der Basis von aktualisierten Einheitswerten auch eine reformierte Erbschafts- und Schenkungssteuer. Diese Steuern können mithilfe angemessener Freibeträge beziehungsweise steuerlicher Ermäßigungen als "Reichensteuern" ausgestaltet werden: Sie träfen dann nicht den Mittelstand, sondern die höheren Vermögen. Insgesamt wäre aber vor allem eine Steuerreformkommission notwendig, um die diversen Reformen in eine umfassende Gesamtstrukturreform zu integrieren. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 1.10.2011)

MARGIT SCHRATZENSTALLER ist Referentin für öffentliche Finanzen beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo).

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 48
1 2
alpentiger
01
30.10.2011, 16:17
Liebes Wifo, Du drehst Dich im Kreis, denn ....

alle die Zuhören sollten, horchen längst weg. Unserer Politiker eignen sich nur für die Märchenstunde und für Wahlversprechen, nur das "Backoffice", das Dinge verändern soll, ist seit Jahrzehnten verwaist. Der Boulevard, die Medien und der Egoismus der Menschen läßt nur "Geldverteilen möglichst an mich" zu, staatstragende Ideen fallen durch.

Was allerdings nicht wundert, bei der Selbstbedienungsmentalität der meisten Parteien und ihren Politsklaven. Österreich verzichtet in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend auf die Zivilgesellchaft, weil Leute mit Hirn und Verantwortung bei uns milde belächelt (Spinner) werden und in fast allen Parteien, besonders bei SPÖVP über die Gemeindeebene nicht hinauswachsen dürfen.

Dummköpfe als Capò?

WernaeI Spindelmann
10
3.10.2011, 08:38
Sch-staller entwickelt sich immer mehr zum weiblichen Stefan Schulmeister

Natürlich könnte man noch ein letztes Mal die Steuerschraube anziehen, bevor österreichs Wirtschaft gänzlich ruiniert wird. Und mit dieser Steuererhöhung noch eine Pensionserhöhung und eine Beamten- und VB-Lohnrunde finanzieren. Das geht.

Aber was ist dann? Wenn auch diese Einnahmen verplempert sind?

Wir leiden nicht an unterbesteuerten "Reichen" sondern an überversorgten "Armen" (vom Hängematten-Mig ranten bis zur dreifachbepensionsten Hofratswitwe), denen man dazu einredet, ihnen stünde fürs Nichtstun noch viel mehr zu.

17+4
00
3.10.2011, 09:59
nicht mit Klischees arbeiten,

mit Extremen sollte man nicht ein System diskutieren, ein Fehler, den fast alle machen, auch die Artikelschreiberin

17+4
00
2.10.2011, 16:24
Frau Schratzenstaller, sie werden es nicht erlernen, sie können nicht rechnen,

nein, sie schaffen es nicht:
sie schreiben "13./14. Monatsgehalts beträgt er tatsächlich aber nur 44 Prozent"
zieht man von 50% ein Sechstel ab, dann ergibt sich 50-8,33=41,67%, das ist dann der jahresdurchschnittliche Steuersatz.
In fast jedem Artikel von ihnen glänzt ein Rechenfehler, lassen sie es, mit Zahlen zu operieren.

Dieser Steuersatz ist 0,33%Punkte niedriger als in D, rechnet man noch in D das Familiensplitting, dann wird es noch weniger.

roar
01
2.10.2011, 20:39
wieso falsch gerechnet, wo doch

der begünstigte Steuersatz für 13./14. im Normalfall 6% und nicht 0% beträgt. - Rechnen Sie selbst:(12/14)x50%+(2/14)x6% =43,7, gerundet 44%.

17+4
10
3.10.2011, 09:58
stimmt, habe mich verrechnet,

als ich draufkam, war der Text schon weg.
Das ändert aber nichts daran, dass ich die Steuervorschläge der Frau Schratzenstaller weder gut noch als ein Abbild der (möglichen schon, aber) gerechten (?) Steuerleistung sehe.
Insbesondere, sieht man die Grundsteuer und solches

17+4
00
3.10.2011, 09:55
stimmt, habe mich verrechnet

Saint Simon
10
2.10.2011, 14:43
Absurd

Die Autorin führt ihre Argumentation selbst ad absurdum, wenn sie nach anfänglicher Auflistung der verschiedenen Beträge, die den Höchststeuersatz auslösen, für A eine Erhöhung für möglich hält. 250.000 in D, 500.000 in F. Hierzulande 60.000€. Da braucht man wohl nicht mehr weiterdiskutieren.

naihoit
00
2.10.2011, 13:42
Steuergruppen und Spitzensteuersatz sind anachronistische Andenken an die Zeit, wo in den Finanzämtern noch mit Abakus gerechnet wurde.

Weit gerechter wäre eine stetig steigende Steuerbelastung im Sinne einer Hyperbel.
Dabei könnte man einen Steuefreibetrag festlegen, den Anstieg durch eine entsprechende Funktion definieren und bräuchte keine Obergrenze.
Wer mehr leisten kann darf und soll auch mehr leisten.

17+4
10
2.10.2011, 16:25
und welche Steigung soll die Asymtote dabei haben?

Lassen sie das mit den Kegelschnitten, ist besser so.

naihoit
00
3.10.2011, 11:26
Mathematisch sind Sie ja wohl firm, inhaltlich haben Sie auch verstanden?

17+4
00
5.10.2011, 09:22
alles mehr als sie

ist ihr Problem damit gelöst?

naihoit
00
2.10.2011, 18:44
und welche Steigung soll die Asymtote dabei haben?

Das ist eine der Fragen, die die Politik zu beantworten haben wird.

René Herndl
03
2.10.2011, 13:05
Steuergerechtigkeit bedeutet die ...

... Abschaffung von Steuerprivilegien, die leider bei uns nachzu unzählbar geworden sind. Warum werden bestimmte Industriebetriebe, Banken, Organisationen, Berufsgruppen, Verbraucher usw. steuerlich begünstigt? Warum können nicht diese Ausnahmen abgeschafft werden und dafür die Arbeit steuerlich entlastet? Wozu gibt es eine so genannte Gruppenbesteuerung, durch die sich Großkonzerne der Besteuerung der Gewinne entziehen können? Die Ausrede mit dem Standortwettbewerb gilt nicht, weil dieses Phänomen auf europäischer Ebene zu lösen wäre. Diese Liste ist schier endlos fortzusetzen. Jedenfalls ist die gängige Praxis ungerecht und daher auch eine Reichensteuer lediglich ein Ablenkungsmanöver.

franz der freie
 
14
2.10.2011, 09:54
die allergrösste steuerungerechtigkeit ist die pauschalbesteuerung der bauern bis 100 000 € jahreseinkommen.

39% vom einheitswert, der max. ein zehntel vom verkehrswert beträgt und seit den siebzigerjahren nicht mehr angepasst wurde. dass nenne ich ungerecht. die einzig sinnvolle tat der ak seit ihrem bestehen sehe ich darin, dass sie gegen diese ungleichbehandlung geklagt hat. ausserdem wird damit die sozialversicherung massiv betrogen. kein wunder, dass die bauernkrankenkasse mit der gewerblichen zusammengelegt wurde, der einzigen krankenkasse, die DAMALS noch überschüsse hatte.

Gemma Preciosa Balanzoni di Palermo
00
2.10.2011, 15:47

sva ungleich svb.

was soll da zusammengelegt worden sein?

TT1
20
2.10.2011, 09:36
Spitzensteuersatz in USA: 36 %

Das sollte der geneigte Leser wissen. Eine SPÖ plant ja nicht Umverteilung und Verwaltungseinsparung (Faymann hält eine Verwaltungsreform für sinnlos!!), nein, wir sollen einfach nur mehr ausgebeutet werden.
Wenn die Mehreinnahmen WIRKLICH dem Mittelstand zu Gute kommt: ausgezeichnet. Nur das ist nicht geplant, es wird weitergewurschtelt - dank schwarzroter Angst vor Gewerkschaft, Pensionisten, Beamter und div. Landeshauptverhinderer.

eltor09
02
2.10.2011, 11:20

Den Spitzensteuersatz und die Verwaltungsreform (die natürlich dringend notwendig ist) in einen Topf zu werfen ist wohl sehr gewagt. Ja man kann in der Verwaltung einsparen und trotzdem für alle gerechte Steuern einfordern. Das ist kein Widerspruch. Im Übrigen liegt es nicht allein an Faymann, dass die Verwaltungsreform bis heute gescheitert ist. Darüber wird schon dikutiert, da war Faymann als Politiker noch in den Kinderschuhen auf Wiener Gemeindeebene.

eltor09
02
2.10.2011, 11:12

Wollen Sie die Steuergerechtigkeit á la USA auch bei uns? Da kann ich nur sagen, nein danke.

eltor09
03
2.10.2011, 09:29
Was hilft es, wenn...

...der Spitzensteuersatz zwar bei 52% liegt, aber niemand diesen Steuersatz bezahlt. Er dient den Reichen nur als Todschlagargument, um gegen gerechte Steuern zu argumentieren. Dieser Steuersatz gilt theoretisch sowieso nur für Einkommen aus Arbeit (selbständig und/oder unselbständig) und nicht für Einkommen aus Grund und Boden, sowie aus Kapitalvermögen. Aber gerade die Reichen beziehen überwiegend ihr Einkommen aus diesen beiden letzteren Quellen, bequem und ohne Arbeit, ganz abgesehen von den vielen Gestaltungsmöglichkeiten um der Steuerpflicht überhaupt zu umgehen. Siehe internationale Steuerparadiese, die übrigends auch unsere Steuergesetzgebung bietet.

Dimple
00
3.10.2011, 09:00
Einkommen aus Grund und Boden

werden hauptsächlich (Mieteinkünfte) nach dem normalen Steuersatz besteuert.

lg
Dimple

mikromalist
 
02
2.10.2011, 07:57
Eine ewige Diskussion der Verwirrung

und des komplizierten Knoepferldrehens am schrillen Steuersynthesizer...
Alle Erträge summiert und progressiv. Ohne jegliche Ausnahme.
(dem Forum hier gehe ich damit wahrscheinlich schon seit Jahren auf die Nerven, aber "Experten" kommen scheinbar nur zitzelweise drauf, hier ein Ertraegchen dazu und da ein Ausnaemchen weg ...)

myschkin
00
2.10.2011, 10:36

Mir gehen sie damit nicht auf die Nerven.
Interessant wäre eine Berechnung auf Basis ihrer zweiten knappen klaren Zeile für heute, was der sogenannte Staat damit für Mittel zur Verfügung hätte sofort.
Im Anschluß daran dann eine Steuerreform, mit dem Ziel, dieselben Einnahmen wie heute.
Die Mehrheit würde es danken.

mikromalist
 
00
2.10.2011, 12:43
Dazu kenne ich die Zahlern nicht.

Aber als Unternehmer (nicht als Unternehmen) zahle ich für das Einkommern Lohnsteuersätze für Gewinnauschüttung, private Zinserträge und Kapitalerträge aber die bevorzugten Sätze.
Würden die oben auf das Einkommen drauf gepackt, würden sie zum Spitzensteuersatz versteuert. Dazu geniesse ich noch Ausnahmen.
Das gäbe schon in Summe ein paar Milliärdchen (zur Verteilung nach unten).
Die einzige Sorge: die Politigoofies verteilen NICHT um und der Staat frisst alles selbst?

Plakativ: der Staat nimmt mir eine Kuh, aber beim Verteilen von Milch an die Gemeinschaft verschüttet er 2/3.

myschkin
00
2.10.2011, 14:40

Sie sprechen es an. Es geht zu viel verloren. Der Apparat würde eine Überholung vertragen.
Aber wenn wir auf diesem Gedankengang bleiben: die staatlichen Einnahmen sollten doch so gering wie möglich sein. Die Ausgaben für die öffentlichen Angelegenheiten, was alle angeht, und es sollten auch die Menschen viel mehr mitbestimmen wofür das Geld ausgegeben wird.
Verteilen sehe ich nicht als die große Hauptaufgabe. Hier sollte jedem die Möglickeit geboten werden, seinen Anteil an der gemeinschaftlichen Arbeit zu leisten und davon auch leben zu können. Die Fälle wo man verteilen muss fallen nicht wirklich ins Gewicht, das sind geringe Beträge.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 48
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.