Pro: "Wir sind das!" von Tanja Paar - Kontra: "Stress auf Rädern" von Ljubisa Tosic
Pro+++
Von Tanja Paar
Die Touristen, das sind immer die anderen. Die verschwitzt an ihren Reiseführern oder neuerdinhgs Smartphones herumfingern, mitten im Verkehrsfluss stoppen, um ihre Kameras hochzureißen und bei der Bestellung in der Landessprache radebrechen. Peinlich!
Ganz genau - und zu dieser Peinlichkeit müssen wir endlich stehen. Die Touristen, das sind wir! Und klettern in einer fremden Stadt folgerichtig in einen Touristensightseeingbus. Das hat nämlich viele Vorteile. Wir müssen uns nicht die Hacken wundrennen und zu Fuß viel mehr Kilometer auf heißem Asphalt zurücklegen, als uns das zu Hause jemals in den Sinn kommen würde. Wir müssen uns nicht hoffnungslos verirren und dabei immer noch cool tun. Wir können uns in kurzer Zeit einen guten Überblick verschaffen, um dann erst gezielt in unsere neuen Lieblingsviertel vorzustoßen. Und - ganz wichtig - wir müssen nicht quengelnde Kinder davon überzeugen, dass sie Touristen sind und sich gefälligst für die fremde Stadt zu interessieren haben. Im Touristenbus kann man nämlich ausgezeichnet Nintendo spielen.
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---Kontra
Von Ljubisa Tosic
Es ist natürlich angenehmer, in einem vollgestopften Doppelstockbomber zu sitzen, als von einem solchen überfahren zu werden. Abgesehen von diesem die langfristige Lebensplanung betreffenden Vorteil sind Bildungsreisen auf feisten Rädern jedoch entschieden abzulehnen. Die Atmosphäre einer Stadt durch dickliche Scheiben hindurch zu erleben ist nur für Leute sinnvoll, die Panik vor großen Plätzen ihr Eigen nennen und sich als Kontrast eine Dosis Klaustrophobie gönnen wollen.
Dann der straffe Zeitplan - er empfiehlt sich nur für jene, die das chronische Erschöpfungssyndrom erforschen wollen ("Bitte einsteigen! Nach den sechs Museen besuchen wir zur Abwechslung die Kathedrale! Es sind nur 1859 Stufen bis zu deren Spitze!"). Sicher kann eine Rundfahrt unerwartet an Spannung zulegen. Dafür jedoch muss der Fahrer durchknallen, von der (sein Leben prägenden) Route abweichen und zwecks Seelenmassage kurz durch das nächste Kaufhaus düsen. Für solch Grenzerfahrung garantiert natürlich kein Reiseveranstalter. (Der Standard/rondo/30/09/2011)