Steve Sem-Sandberg hat einen Roman über das Ghetto von Lódz geschrieben
Mit Stefan Gmünder sprach er über Fakten, Fiktionen und die Trivialisierung des Holocaust.
Wien - Die Geschichte der von den Nationalsozialisten in den besetzten Gebieten installierten Judenräte, die als Mitglieder der jüdischen Gemeinde antijüdische Maßnahmen der Nazis durchzusetzen hatten, gehört zu den historisch umstrittendsten Bereichen des zweiten Weltkrieges. "Instanzen der Ohnmancht" nannte Doron Rabinovici diese teilweise auch Deportationen organisierenden Gremien in einer Untersuchung. "Dunkelstein" heißt ein Lesedrama Robert Schindels über einen Wiener "Judenältesten".
Chaim Rumkowski, der Judenälteste des Ghettos von Łódź, in dem 1940 bis 1944 eine Viertel Million Menschen eingesperrt waren, ist die Achse, um die sich auch im umfangreichen Roman Die Elenden von Łódź des Schweden Steve Sem-Sandberg vieles dreht. Ob Rumkowski ein gnadenloser Opportunist oder ein kluger Taktiker war, der wenigstens einigen Menschen im polnischen Ghetto das Leben retten konnte, ist nur eine der Fragen, die Sem-Sandbergs Buch aufwirft.
STANDARD: Die Geschichte des Ghettos von Łódź ist außerordentlich gut dokumentiert. Ihr Romanpersonal besteht aus historischen Personen wie dem Judenältesten Rumkowski und erfundenen Charakteren. Was bewog Sie, Fakten und Fiktion zu mischen?
Sem-Sandberg: Es gibt in der Tat viel historisches Material zum Ghetto von Łódź. Hätte ich einen rein fiktiven Roman geschrieben, würde jeder, der sich mit der Geschichte des Ghettos auskennt, zu dechiffrieren versuchen, wer im Buch wer ist. Die Funktionäre und Beamten des Ghettos, deren Handeln historisch verbürgt ist, behalten im Buch ihre Namen, die anderen neun oder zehn Hauptfiguren des Buches sind vollkommen fiktiv. Es handelt sich bei diesen Figuren um Menschen, die offiziell keinen Namen haben, deren Geschichte nicht geschrieben wurde:
STANDARD: Es geht also um jene, die in den Mauern des Ghettos gefangen waren?
Sem-Sandberg: Ja, es geht um die, deren Leben total in Rumkowskis Händen lag. Von seinen Entscheidungen hing es zum Teil ab, ob sie leben oder sterben würden. Auf dieser gleichsam moralischen Ebene gibt es eine Interaktion zwischen Fakten und Fiktion. Obwohl die Ghetto-Chronik 3.500 Seiten umfasst und auch die Reden Rumkowskis in ihrer Gesamtheit transkribiert wurden, ist seltsamerweise bis heute kaum etwas über das private Umfeld Rumkowskis bekannt. Es gibt eine Enzyklopädie, die 1944, im letzten Jahr des Ghettos, in Form von Karteikarten geführt wurde. Diese Karten dokumentierten schlagwortartig alles, was mit dem Leben und der Organisation des Ghettos zu tun hat. Und es gibt - besonders wichtig - auch Kurzbiographien der Funktionäre. Eine Karte allerdings fehlt...
STANDARD: Rumkowskis?
Sem-Sandberg: Ja, das ist natürlich etwas, das einen Schriftsteller interessieren muss. Man kann aus der Lektüre der Chronik und der Enzyklopädie lernen, dass diese Konvolute, obwohl sie versuchen, peinlich genau aufzuschreiben, was passierte, trotzdem auch fiktionale Texte sind. Und zwar dergestalt, dass die Chronik mit den Wünschen und Sichtweisen Rumkowskis im Einklang zu stehen hatte. Es gab Zensur in dem Sinn, dass er nur akzeptieren konnte, was der offiziellen, also seiner Sichtweise entsprach. Es ging nicht darum, einem künftigen Leser zu zeigen, wie das Leben im Ghetto wirklich war. Das macht die Lektüre der Ghetto-Chronik auch so beklemmend, weil manchmal sichtbar wird, wie die Chronisten versuchten, so über Dinge zu schreiben, dass sie spürbar und in ihrer Gesamtheit sichtbar werden.
STANDARD: In welchem Sinn?
Sem-Sandberg: Es gibt beispielsweise Sätze, die sinngemäß sagen, für einen künftigen Leser möge das, was nun geschildert wird, unglaublich klingen. In der Ghetto Chronik heißt es zum Beispiel im Tagesberich vom Sonntag, dem 2. Juli 1944, der ein sehr gutes Beispiel für die Verwendung rhetorischer Ironie ist: "Ein wenig kompliziert sind die Sachen für den erstaunten Leser unserer Nachwelt. Aber wir Juden verstehen ja zu handeln, warum sollten wir nicht auch den Handel mit Menschen verstehen." Daran kann man sehen, dass das Geschriebene angepasst wurde. So entspricht auch das Bild Rumkowskis, das in der Chronik wiedergegeben wird, nicht der Realität. Es ist ein manipuliertes Bild. Das ist nicht er, sondern er, wie er gesehen werden wollte. Es ist daher sehr wichtig, von vielen Seite auf diese Figur zuzugehen. Als ich das Buch schrieb, habe ich sehr schnell gemerkt, dass man je nach Perspektive und Blickwinkel zu völlig verschiedenen Rumkowskis kommen kann.
STANDARD: Wie meinen Sie das?
Sem-Sandberg: Bevor ich das Buch schrieb, machte ich Interviews mit Überlebenden des Ghettos. Alle sagten, Rumkowski hätte ihnen das Leben gerettet. Es entsteht das Bild eines starken Mannes, der es fertig brachte, das Ghetto während all der schrecklichen Leidens-Jahre halbwegs in Takt zu halten. Wenn Sie aber mit anderen Überlebenden wie der im Nachwort erwähnten Lucille Eichengreen reden, die in Rumkowskis Sekretariat arbeitete, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Eichengreen hat mehrere Bücher geschrieben, in einem erzählt sie, dass sie von Rumkowski vergewaltigt wurde. Wer war er also? Die Historie kann die Person nicht in ihrer Totalität erfassen, man muss die Fiktion wählen, um eine vielschichtige Person wie Rumkowski greifen zu können, und das habe ich versucht. Und zwar indem ich nicht nur ihn, sondern auch viele, die seine Opfer wurden, beschreibe. Das ist ein sehr wichtiger Punkt dieses Buches: Es erzählt nicht die Geschichte des Überlebens, es erzählt vom genauen Gegenteil. Es ist ein Roman über die, die nicht überlebt haben.
STANDARD: Im deutschen Sprachraum wird die Frage, ob es moralisch erlaubt sei, diese Themen zu fiktionalisieren, schon länger diskutiert.
Sem-Sandberg: Es gibt etwas in mir, das sehr stark auf das Wort "erlaubt" reagiert. Ich denke, dass es darauf ankommt, was mit dem historischen Material gemacht wird. Fakt ist, dass wir heute historisch ziemlich viel wissen. Ich glaube aber, es ist wichtig, Geschichte nicht in Museen hinter sterilen Glaswänden zu präsentierten. Es geht um gelebtes Leben, schreckliche Erfahrungen, Erwartungen, die diese Menschen an das Leben hatten, das ihnen genommen, gestohlen wurde. Es handelt sich nicht um etwas, das man in einen Schaukasten stellen und einmal im Jahr anlässlich eines Gedenktages anschauen kann. Jede Art, die die Erinnerung am Leben hält, die Würde der Opfer wahrt und sich, soweit dies überhaupt möglich ist, an die Fakten hält, ist wichtig.
STANDARD: Sie halten diese Diskussionen für unnötig?
Sem-Sandberg: Im Gegenteil, sie sind sehr nötig, ich denke aber, dass wir - gerade weil es in einigen Jahrzehnten keine Überlebenden mehr geben wird - verschiedene Möglichkeiten haben müssen, diese Gesichte zu erzählen. Wenn nicht, wird die Geschichte des Holocaust zu einem Museumsstück, und ich glaube, dass das ungerecht wäre - auch gegenüber den Opfern.
STANDARD: Was waren die Probleme beim Schreiben des Romans?
Sem-Sandberg: Es war insgesamt nicht leicht. Ich dachte lange darüber nach, ob jemand wie ich, der seine Wurzeln weder religiös noch kulturell im Judentum hat, dieses mentale Universum überhaupt fassen kann. Es war also das erste Problem, der Imagination des Schriftstellers in diesen Belangen zu vertrauen. Das zweite stellte sich in der Art und Weise, wie das umfangreiche Material, die Chronik, die Enzyklopädie, die Fotos etc, zu behandeln sei. Und der dritte und wichtigste Punkt war, wie man so einen Roman überhaupt schreiben kann. Ich war von Anfang an sicher, dass es ein kollektiver Roman mit vielen Perspektiven und Personen sein muss. Es gibt viele Zeugnisse von Überlebenden, das heißt von Einzelpersonen. Diese Zeugnisse sind von größter Wichtigkeit, ohne sie gäbe es keine Erinnerung, keine Geschichte, unglücklicherweise hat dies hat dies aber, speziell wenn diese Zeugnisse von der Populärkultur aufgenommen werden, zu einer Sentimentalisierung und Trivialisierung geführt. Vor allem in Filmen, die oft die Perspektive eines Überlebenden übernehmen, um die Geschichte zu einem Happy End zu bringen. Im Film "Der Pianist" geht die Hauptfigur am Ende als lichtbestrahlter Überlebender durch die Ruinen des Warschauer Ghettos. Das ist eine Lüge, weil in Wahrheit fast niemand überlebte.
STANDARD: Wie erzählt man eine Geschichte aus der Perspektive derer, die nicht überlebten?
Sem-Sandberg: Ich studierte die Chronik und fand, dass es möglich sein sollte, viele Stimmen aus ihr zu destillieren. Ich überlegte, wie ich einen Roman schreiben könnte, in dem es um einige dieser Schicksale geht, die weder innner- noch außerhalb der Chronik eine Stimme hatten. Dazu interessierte mich, wie das Leben unter Rumkowski ausgesehen haben mag. Ich hatte die Vorstellung eines ziemlich umfangreichen Buches, das zahlreiche Bereiche der Gesellschaft reflektiert. Daher ist die Geschichte meiner Figuren für mich so wichtig wie Rumkowski für die Historiker. Die vielen Blickwinkel machen es dem Leser schwer zu sentimentalisieren. Ich identifiziere mich als Autor nicht mit den Charakteren, das heißt, ich halte Distanz, ich weine nicht, wenn die Figuren weinen, bin nicht wütend, wenn sie toben. Ich verhalte mich neutral, das hat mit Respekt zu tun. Das Problem der Holocaustliteratur besteht oft darin, dass sie so fürchterlich sentimental ist und der Autor dem Leser vorschreibt, wann er zu weinen hat.
STANDARD: Die Rolle der Judenräte in den Ghettos war, wie Sie vorhin sagten, nicht eindeutig.
Sem-Sandberg: Das ist das Problem, Rumkowski ist keine eindeutige Figur. Deshalb habe ich ja die Romanform gewählt. Als Leser des Romans stellt sich die fundamentale Frage, was von dem, was Rumkowski tat, in seiner Persönlichkeit, in seinem Charkter, seinem Machthunger und fast messianischen Sendungsbewusstsein angelegt war, und was durch die Geschichte bedingt ist. Er kollaborierte mit den Nazis, eine Viertelmillion Juden des Ghettos wurden getötet - er war Teil dieses Verbrechens. Wir wissen aber auch, dass durch sein Organisationstalent und seine guten Beziehungen zu den Nazis am 22. Juni 1944, ein halbes Jahr vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee, im Ghetto von Łódź 76.500 Juden lebten - in Warschau, Wien, Lublin keine mehr. Nur dieses Ghetto gab es noch. Der Roman will nicht eine Geschichte erzählen, in der dem Leser am Schluss die Moral in einem Briefumschlag übergeben wird, denn er dann öffnen kann, um Antworten zu erhalten. Der Leser ist es, der zu urteilen und sich zu entscheiden hat. (Stefan Gmünder, DER STANDARD - Printausgabe, 1./2. Oktober 2011)
Steve Sem-Sandberg (53) gehört zu den renommiertesten Autoren Schwedens, sein Werk (rund ein Dutzend Romane und Essays) wurde vielfach ausgezeichnet. Er lebt in Stockholm und Wien.