Medientage

Facebook als Datenkrake: Gratis hat seinen Preis

3. Oktober 2011, 12:57
  • Artikelbild
    foto: screenshot

    Die Wiener Linien versammeln über 14.000 Fans auf ihrer Facebook-Seite.

Über "Pfosten", Schwarzfahrer und Stofftiere auf der Seite der Wiener Linien und ein Plädoyer für "organisches Wachstum" statt gekaufte Fans

"Auch Fans, die unsere Fahrer als Pfosten beschimpfen, sind uns viel wert", behauptet Answer Lang, Pressesprecher der Wiener Linien, "Kritik ist für uns immer Anlass, besser zu werden." Die Wiener Linien sind seit ein paar Monaten auf Facebook vertreten und das "gefällt" 14.000 Fans. Dass es auf der Seite nicht immer politisch korrekt zugeht, ist klar. "Wir bieten hier ein kontrolliertes Ventil, damit die Leute ihren Ärger ablassen können." Die Facebook-Präsenz dient aber nicht nur dazu, den Unmut der Passagiere zu kanalisieren, sondern auch als Vehikel, um Infos - etwa über Linienausfälle oder das Ticketsystem - zu transportieren. "Wenn man einmal einsteigt, ist man drinnen", so Lang bei den Medientagen zur Social Media-Strategie seines Unternehmens: "Dann gibt es kein Zurück mehr."

"Organisches Wachstum" statt gekaufte Fans

Konzipiert wurde die die Social Media-Strategie der Wiener Linien von Digital Affairs. Judith Denkmayr, Geschäftsführerin der Agentur: "Wir bekommen immer wieder Anfragen von Unternehmen, die Fans kaufen wollen." Das sei keine seriöse Strategie, "wir plädieren für organisches Wachstum". Vor allem im angloamerikanischen Raum ist es nicht unüblich, dass Agenturen ihren Kunden Fans verkaufen. Firmen müssten sich aber ihre Community aufbauen und Identifikationsmöglichkeiten schaffen.

Ende der Privatsphäre

Thema der Diskussion waren auch die weitreichenden Änderungen, mit denen Facebook seine Millionen User neuerdings konfrontiert. Eine neue Timeline soll chronologisches Navigieren durchs eigene Leben ermöglichen. Jahr für Jahr. Quasi von der Geburt bis in den Sarg. Als "die Geschichte des Lebens" bezeichnet das Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Eine weitere, heftig umstrittene Neuerung ist der Ticker, wo alle Aktivitäten angezeigt werden. "Das endgültige Ende jeglicher Privatheit" kritisieren die einen, die anderen jubeln über neue Marketingmöglichkeiten, die eröffnet werden. Kommentiert ein User eine Meldung oder klickt auf "Gefällt mir", ist das für alle Freunde ersichtlich. "Dadurch werden die Freunde der Fans wertvoller als die Fans selbst", erklärt Judith Denkmayer, "sie kommen in Kontakt mit der Marke".

"Diese völlige Transaprenz geht mir persönlich zu weit", meint Klaus Matzka. Der Investor und frühere Magnet-Geschäftsführer hat sein Profil deaktiviert. Aus Sicht des Unternehmens sei das natürlich verständlich, da diese Struktur den Weg für eine neue Monetarisierungsschiene ebne. Matzka ortet aber einen Missbrauch der Privatsphäre. Aufgrund der Dominanz am Markt, das Netzwerk zählt über 800 Millionen User, könne sich Facebook das erlauben. Nutzer werden nicht in Scharen davonlaufen.

Dominanz

Wohin auch? Als Konkurrenz könnte sich eventuell Google Plus etablieren. Nur wenige Wochen nach dem Start kommt das Netzwerk bereits auf 50 Millionen Mitglieder. Denkmayr glaubt allerdings nicht, dass Google Plus Facebook den Rang ablaufen kann. Dafür sei Facebook einfach zu dominant, der Vorsprung sei zu groß. Weitere Kanäle wie Xing oder Twitter sind - trotz der beachtlichen Größe - mehr Spielwiesen für eine spezifische Klientel als ernsthafte Rivalen um die Gunst der Nutzer.

Davon ist auch der Consultant George Nimeh überzeugt. Trotz der massiven Datenschutzbedenken: "Wenn du etwas kostenlos willst, musst du den Preis dafür zahlen." Etwa, dass sogar dem Surfverhalten von ausgeloggten Usern nachspioniert wird. Die einfache Rechnung: "Wir geben unsere Daten her, die diktieren die Regeln." Als negatives Beispiel, wie man auf Facebook nicht agieren sollte, nennt Nimeh den Konzern Nestle. "Die haben gedacht, die Seite gehört einzig und alleine ihnen und können dort machen, was sie wollen." User-Kommentare wurden gelöscht, Fans verhöhnt. Die Folge war ein Sturm der Entrüstung, der in einem enormen Imageverlust resultierte, so Nimeh.

Verstaubtes Image ablegen

Um Image geht es auch Answer Lang. Die Attribute "jung, modern, dialogorientiert" verbinde man nicht unbedingt mit den Wiener Linien. Die Interaktion via Facebook sei ein erster Schritt in Richtung Imagekorrektur. Um mit der Strategie erfolgreich zu sein, müsse es die volle Rückendeckung der Unternehmensführung geben. Ausreichend personelle und finanzielle Ressourcen müssen zur Verfügung gestellt werden, um Fragen auf der Pinnwand wie: "Wenn man ein Stofftier in einer U6 Station findet. Wo bringt man das am besten hin?" beantworten zu können. Von weiteren erstaunlichen Dingen berichtet Lang. "Viele erzählen uns auf unserer Seite, dass sie schwarzfahren." Nachgegangen wird den Outings nicht. Fürs Strafen seien einzig und alleine die Schwarzkappler zuständig. (om, derStandard.at/3.10.2011)

Kommentar posten
16 Postings
Entfesselter Prometheus
02
4.10.2011, 09:41
Absolut typisch für den Zeitgeist

Durch Dauerberichterstattung wird ein Klima des "Das muss ich einfach haben" erzeugt. Die anderen haben es schließlich auch schon. Keiner weiss warum oder wozu, aber dabei sein heisst es.

Und nichts ist für die Masse schlimmer als nicht mit der Masse zu schwimmen. Oder gar gegen den Strom. Absolut undenkbar. So werden die Schafe optimal genutzt und in die gewünschte Richtung getrieben.

FAIL
00
4.10.2011, 12:21
ich frag mich ja nur, wieviel davon bezahlte werbung ist?

Kate Austen
01
4.10.2011, 09:37
Android als Google's Datenkrake: Gratis hat seinen Preis

Mathias Steinlaus
 
00
4.10.2011, 15:59
wobei...

... jede Android Version mehr Einstell- und Konfigurationsmöglichkeiten bietet als iOS!

Selbst erfahrene und langjährige Mac User meiden iOS ...

hiesiger Greis
00
4.10.2011, 08:53

mit Freunden bei Facebook ist es ja so, dass es nicht zum guten Ton gehört, eine Freundschaft aufzukündigen. Und wenn ich 250 völlig uninteressante Freunde hab, werd ich die niemals los und ich kann sie dann nicht mehr unterscheiden. Eine Verwandte von mir hat für das Internet eigens eine Persönlichkeit erfunden, die sie gar nicht ist, weil sie will ihr Privatleben nicht preisgeben. Und wegen dem Datenmißbrauch sind dann eigene Verhaltensweisen im Internet. Und das ist dann alles sinnlos. Also kann sich Facebook rühmen, mit etwas Sinnlosen viel Geld zu machen, nur weil die Technik gut ist.

Verpestungs-Profi ("Werbefachmann")
02
3.10.2011, 22:42
Wer sich freiwillig ins Fetzenbook einträgt, dem sowieso nicht zu helfen.

Er soll doch gleich nackert über die Mariahilferstraße rennen, wenn er schon so auf vollkommene Bloßstellung aus ist.

hiesiger Greis
01
4.10.2011, 08:36

ich hab mich Freunden zuliebe dazu hergegeben, ich habe ja auch eine sehr ausführliche Homepage. Jetzt habe ich 5 Facebook-Freunde, aber 250 Freunde möchte ich nicht haben, so viele kann man ja nicht mit Infos beschicken, obwohl ich gerne täglich ein paar Std vor dem Computer sitze. Und die Inhalte der sog. Pinwände sind völlig belanglos und uninteressant für jeden, weil die Leut völlig verschiedene Interessen haben, wieso Facebook so gierig drauf ist, verstehe ich nicht. Und bitte wozu soll ich mit 250 Wildfremden kommunizieren, von denen niemand mit mir gemeinsame Interessen hat ? Das konnte Facebook bisher nicht beantworten.

Mathias Steinlaus
 
00
4.10.2011, 16:00
Was immer Sie so machen ...

... meine "Freunde" auf FB kenne ich ausschließlich auch privat. Das liegt vermutlich am Umgang mit dem Medium ...

hiesiger Greis
00
7.10.2011, 09:02

ich war von der Berufsausbildung Fernmeldetechniker und das war aber der Sinn des Internets, dass man mit weit entfernten Personen kommunizieren kann, mit persönlichen Begegnungen geht's freilich viel besser. Nur leider ist es so bei allen fremden Menschen, man muss sich erst etwas zu sagen haben. Und um die gewaltige Technik überhaupt zu benutzen, damit sie nicht unnötig ist, musste man ihretwegen eigens eine Kommunikation aufbauen, während einen die ganze persönliche Thematik der Beteiligten eigentlich gar nicht interessiert. Der tatsächliche Bedarf für die Technik ist viel geringer als die Kapazität und man muss einen künstlichen Bedarf erzeugen. Und nachher regt man sich auf über die Umwelt auf und wie unnötig die Kirche ist.

Verpestungs-Profi ("Werbefachmann")
00
4.10.2011, 10:15

das find ich eine gesunde EInstellung. Es kommen zum Glcük immer mehr Nenschen drauf, dass sie das echte Leben versäumen, wenn sie in der virtuellen Welt herumhängen.

hiesiger Greis
00
7.10.2011, 09:16
ich versäume das "echte" Leben nicht, wenn ich in der virtuellen Welt herumhänge,

weil ich bin schon fast 70 und es interessiert sich eh kein Mensch mehr für mich. Ich kenne aber schon das Leben und brauche mich nicht um Erfahrungen bemühen. Aber das Wort "virtuell" bedeutet die "funktionale Äquivalenz" von etwas Realem und wird häufig falsch verwendet, wodurch die wahre Bedeutung des Wortes verloren geht. Weil eine Schrift auf einem Bildschirm ist nicht die funktionale Äquivalenz von einem Menschen, sondern alle Wahrnehmungen gehen nur über den Kopf und das schafft eine eigene Mentalität, die unangepasst ist zu dem Hier und Jetzt.

Kate Austen
01
4.10.2011, 09:38
sie haben recht: dieses neumodische "FB" wird sich eh nicht durchsetzen

Jujilla
00
4.10.2011, 10:44

hihi, danke kate austen:)

Seadelaere
011
3.10.2011, 15:24
die benutzer sind nicht die kunden sondern das produkt

das ist was viele nicht verstehen wenn sie gratis Seiten wie fb und co benutzen.
Die Seiten sind nicht für die Benutzer sondern für die Werbekunden optimiert.

jo eh
01
4.10.2011, 08:10

anscheinend glauben einige, wenn sie "social media" lesen, dass es sich um karitative institutionen handelt.

Mathias Steinlaus
 
00
4.10.2011, 16:02
.. naja...

...viele verwechseln dabei "social media" mit "Sozialen Netzwerken" ...

Eine Frechheit dieses Neudeutsch ... Neusprech ...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.