Aufklärungsprojekt

Schaden und Nutzen von Krebsscreenings

Interview | 2. Oktober 2011, 16:56
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    foto: standard/matthias cremer

    Gerald Gartlehner organisiert eine Konferenz in Krems, die den gesamten Spannungsbereich von Krebsfrüherkennung abbildet.

    Gerald Gartlehner ist Mediziner und arbeitet als Klinischer Epidemiologe an der Donau-Universität Krems. Seine Forschungsschwerpunkte: evidenzbasierte Medizin, Effektivitätsbewertung von Arzenimitteln, systemische Übersichten und Meta-Analysen.

Bei Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen sollten rationale Überlegungen dominieren, sagt der Wissenschaftler Gerald Gartlehner

Krebs macht Angst. Bei Krebsfrüherkennungsuntersuchungen sollten aber rationale Überlegungen dominieren, sagt der Wissenschafter Gerald Gartlehner. Mit Karin Pollack sprach er über sein aktuelles Aufklärungsprojekt.

Standard: Krebs früh erkennen und besser heilen zu können: Das ist die Message vieler Ärzte. Was halten Sie von Aufrufen, regelmäßig an solchen als Vorsorgemaßnahmen titulierten Untersuchungen teilzunehmen?

Gartlehner: Krebsfrüherkennung kann Sinn machen, es kann aber auch Sinn machen, daran bewusst nicht teilzunehmen. Das grundlegende Problem in Fragen von Krebsfrüherkennung ist die massive Unsicherheit, die Krebs bei den Menschen auslöst. Sie haben Angst vor Krebs, und Ärzte gehören da auch dazu. Entscheidungen werden also nicht nach rationalen Grundsätzen getroffen, sondern sind durch Emotionen gesteuert. Das ist der Grund, warum Krebsfrüherkennung für viele eine ganz klare Sache zu sein scheint. Ab 40 soll man zur Prostatauntersuchung, Frauen zur Mammografie. Sogar die Krebshilfe schreibt in ihren Broschüren Informationen, die alle nicht evidenzbasiert sind.

Standard: Inwiefern?

Gartlehner: Jedes Krebsscreening hat immer einen Nutzen, aber auch einen Schaden. Das steht ganz außer Frage und lässt sich mit einer Vielzahl von aus Studien gewonnenen Daten - evidenzbasiert eben - beweisen. Der Preis beim Prostatakrebsscreening sind viele unnotwendige Operationen. Wenn ein Tumor gefunden wird, wird meist operiert. Doch möglicherweise gehen Inkontinenz und Impotenz als Nebenwirkung der Operation einher, obwohl der Tumor vielleicht nie Probleme bereitet hätte. Solche Zusammenhänge werden selten kommuniziert, dabei sind sie für individuelle Entscheidungen enorm wichtig.

Standard: Wäre es nicht die Aufgabe von Ärzten?

Gartlehner: Nicht nur die Ärzte, auch die Politik nimmt evidenz-basierte Daten nicht besonders ernst. Es gibt zum Beispiel keine öffentlich finanzierte Stelle in Österreich, die objektive Patienteninformation vornimmt. So bleibt das gesamte Feld verschiedenen Interessengruppen oder eben der Industrie überlassen. Und das ist auch der Grund, warum in Österreich mit Ganzkörperscreenings, für die jede Evidenz fehlt, Millionen Euro im Jahr verdient werden. Gesunde Menschen, die Angst vor Krebs haben, finanzieren so Privatspitäler.

Standard: Informieren Ärzte Patienten falsch?

Gartlehner: Es gab eine Umfrage unter deutschen Gynäkologen zur Mammografie. Bei der Frage: Wenn eine Frau mit positivem Mammografie-Befund fragt: "Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich wirklich Brustkrebs habe?", antworteten 90 Prozent der Gynäkologen falsch. Die meisten überschätzten die Wahrscheinlichkeit, dass ein positives Mammogramm wirklich Krebs bedeutet, um ein Vielfaches. Sie liegt nämlich nur bei zehn Prozent. Über die vielen falsch-positiven Befunde, die bei Screenings normal sind, wissen auch die wenigsten Ärzte Bescheid.

Standard: Wie lässt sich das ändern?

Garlehner: Wir wollen auf dem Gebiet dieser Screening-Programme Aufklärungsarbeit leisten. EUFEP ist eine Plattform, an der Wissenschafter, Mediziner und Entscheidungsträger mit Bürgern und Bürgerinnen gemeinsam Erfahrungen austauschen. Krebsscreening ist eine komplexe Materie, das Ziel ist es aber gerade, hier Orientierung zu bieten. In einer Studie des Max-Planck-Instituts, die den Nutzen von Screenings abgefragt hat, überschätzen 95 Prozent aller Frauen den Nutzen einer Mammografie um ein Vielfaches. Es gibt enorme Wissensdefizite beim Krebsscreening.

Standard: Es gibt aber keine Eindeutigkeiten im Screening, oder?

Gartlehner: In der Krebsprävention gibt es zuwiderlaufende Meinungen. Nur wer sie kennt, wird für sich selbst Stellung beziehen können. Wir haben Vortragende mit kontroversiellen Standpunkten eingeladen, bilden also den gesamten Spannungsbereich ab.

Standard: Apropos Krebsprävention: Können auch Fragen des Lifestyle evidenzbasiert untersucht werden?

Gartlehner: Bewegung, gesunde Ernährung weniger Übergewicht, weniger Rauchen: Das sind zweifellos Maßnahmen zur Krebsprävention. Doch wissenschaftlich harte Daten über die Auswirkung gesunder Lebensführung sind relativ dünn. Hier greift man darauf zurück, aus populationsbezogenen Studien Daten hochzurechnen. Für relevante Ergebnisse müssen die Beobachtungszeiträume aber sehr lang sein.

Standard: Gibt es tatsächlich auch bestimmte Lebensmittel, die das Krebsrisiko senken?

Gartlehner: Meldungen darüber, dass bestimmte Lebensmittel präventiv gegen Krebs wirken, sind meist Zufallsprodukte aus großen Datensätzen, der Wahrheitsgehalt ist aber minimal. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 03.10.2011)

Veranstaltungstipp: Das Europäische Forum für evidenzbasierte Gesundheitsförderung und Prävention (EUFEP) findet am 12. und 13. 10 in Krems statt.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 36
1 2
gnu1
00
5.10.2011, 21:57
wer es sich lieber...

...erzählen lässt: Video von der heutigen Pressekonferenz, gleiches Thema, einige gute Sager:
http://diewahrheit.at/video/kre... tersuchung

leo lander alias mont tatont
00
4.10.2011, 13:41
ja, ja die bedingte Wahrscheinlichkeit, und

die Unfähigkeit der Ärzte damit umzugehen. Tendenziell denken ja viele Ärzte, dass Medizin keine Naturwissenschaft ist, und damit baucht man mit Mathematik nichts zu tun haben. Das ist übrigens für mich die einzige Erklärung, warum soviele Ärzte den TCM und sonstigen Schmafu nachrennen, Geldgier will ich ihenen keinesfalls unterstellen.

fertigprodukt
10
3.10.2011, 13:18
worauf im artikel nicht eingegangen wurde:

viele krebsarten bilden sich selbständig und unbemerkt wieder zurück. wird man in genau so einer phase vom arzt "erwischt", bekommt man chemo, op etc. vollkommen unnötig!

so ergeben sich übrigens auch die statistiken: man behauptet, durch das screening würden mehr menschen gesund. tatsache ist allerdings, dass man nun mehr menschen behandelt, die krebsformen haben, die zeitlebens nie ein problem dargestellt hätten.
dass an den krebstherapien (und nicht am krebs!) jährlich unzählige menschen sterben, sollte man auch erwähnen.

Bonair
14
3.10.2011, 14:34
wird man in genau so einer phase vom arzt "erwischt", bekommt man chemo, op etc. vollkommen unnötig!

Wann "sich" ein maligner Zellklon wieder zurückbildet (sprich: vom Immunsystem zerstört wird - nix mit Rückbildung, Superbrain), ist in mehreren Studien untersucht worden mit dem Ergebnis, dass In situ-Karzinome nach der Entfernung (die in Magen und Dickdarm meist endoskopisch möglich ist) nur noch nachkontrolliert werden müssen.

Ist schon mutig von Ihnen, mit derart massiven Wissenslücken hier Angst verbreiten zu wollen...

fertigprodukt
30
3.10.2011, 16:12

nein, nein. angst verursacht die vorsorgeindustrie. ich verbreite ruhe.

viele tumore werden leider erst richtig bösartig, wenn man reinschneidet. daher ist die "entfernung der karzinome", wie du sie beschreibst, alles andere als ungefährlich.

Bonair
12
3.10.2011, 18:02
So einfältig kann doch kein normaler Mensch sein...

Für fruchtlose Debatten mit Ihnen ist mir meine Zeit heute zu schade, insbesondere nachdem Sie die Grenze zum Lächerlichen schon mit dem zweiten Post deutlich überschritten haben.

fertigprodukt
00
5.10.2011, 12:44

tja, keine antwort ist auch eine antwort.

marty fink
00
5.10.2011, 12:58
Schöne Selbsterkenntnis!

marty fink
11
3.10.2011, 14:26
Man sollte aber auch erwähnen,

dass sie ihren BS in regelmäßigen Abständen hier auf der Gesundheitsseite absondern und dass sie ihren Sermon weder belegen wollen noch können. Ein Konglomerat aus Verwolgungswahn und Unbildung!

fertigprodukt
20
3.10.2011, 16:12

schön. hast du auch was sinnvolles zu sagen oder gibts wie immer nur stänkern?

Vermutlich unschuldig
02
3.10.2011, 11:38
Das ist schon seit den Siebzigern bekannt

Siehe Julius Hackethal.

Leider ist seither nicht genug geschehen.

Warum?

Weil Krebs (-Vorsorge, -Behandlung) eben ein gutes Geschäft ist.

MIP1
00
3.10.2011, 15:14

Daß es Falschdiagnosen gibt, ist wirklich schon lange bekannt. Aber was hat das mit Hackethal zu tun? Der ist an Lungenkrebs gestorben, und das war sicher nicht das Ergebnis eines Fehlers bei irgendeinem Screening.

Rein Nervation
01
3.10.2011, 11:27
Seit wann...

...ist Billy Bob Thornton Arzt?

just me_g
00
3.10.2011, 00:40
hm

ich frage mich gerade: wenn es so viel falsch positive befunde gibt, wie viele falsch negative befunde gibt es dann?

fertigprodukt
20
3.10.2011, 13:15

leider auch nicht weniger. die massenscreenings sind für den einzelnen menschen nicht geeignet. da zeigen zumindest evidenzbasierte und unabhängige studien.

C R3
01
3.10.2011, 15:16

Was sollen bitte "massenscreenings für einzelne menschen" sein?

Aber das erklären sicher die Studien die sie da aus dem ff zitieren. Nennen Sie doch mal ein eine. Eine klitzekleine nur...

oregani
00
3.10.2011, 18:46

ich denke "fertigprodukt" meint tumormarker, die oft falschen Alarm geben? Für die Masse ist es schon so, dass ein Tumormarker zu xy Prozent ein Nachweis für eine Krebserkrankung ist. Im Einzelfall ist es leider so, dass Tumormarker keinen genügenden Aufschluss über eine Erkrankung geben.

Trotzdem die anderen Postings sind total daneben. VIELE Krebsarten bilden sich zurück? Soll man abwarten bis sich genügend Metastasen gebildet haben? Wenn da was ist dann muss das behandelt werden, so schnell wie möglich. Finde das verhöhnend gegenüber Menschen die sich wünschten sie wären früher zum Arzt gegangen.

fertigprodukt
00
5.10.2011, 12:45

auch du produzierst im schnitt am tag 4 x krebs. sollen wir dich also jetzt dauerchemotherapieren?

oregani
00
5.10.2011, 19:06

und sind die krebszellen die ich produziere nachweisbar durch irgendeine der vorsorgeuntersuchungen? Glaube ich nicht. Weder durch die gängigen Blutuntersuchungen, US, Röntgen oder Darm- und Bauchspiegelungen.

Haben sie irgendwann schon mal von einem Arzt gehört, der nach einem Lungenröntgen gesagt hat sie haben da schon ein paar Krebszellen, aber das schafft ihr Immunsystem schon?

MIP1
32
2.10.2011, 22:59
"Wahrscheinlichkeit, dass ein positives Mammogramm wirklich Krebs bedeutet, (...) liegt nämlich nur bei zehn Prozent"

Die meisten Frauen würden sich nach positivem Mammogramm und solcher Information nicht zurücklehnen ("Ah so, eh nur 10 Prozent"), sondern würden aktiv werden. Die meisten wollen nämlich nicht die eine von zehn sein, die's erwischt.

Daß Ärzte über falsch positive Befunde nicht Bescheid wissen, ist schwer vorstellbar. Es ist aber auch nicht sonderlich relevant. Ich gehe als Patient zur Vorsorgeuntersuchung, im Wissen, daß ich einen falsch positiven Befund bekommen kann. Ich finde es nämlich weitaus weniger schlimm, einen falsch positiven Befund zu bekommen, als einen korrekt positiven Befund zu verpassen.

fertigprodukt
00
3.10.2011, 13:15

du hast allerdings auch das risiko, falsch negativ zu sein. insofern ist es vollkommen egal, ob du hingehst oder nicht.

MIP1
00
3.10.2011, 15:09

Nein, das hängt davon ab, wie hoch das Risiko einer Falschdiagnose ist. Vollkommen egal wäre es nur, wenn es sich um ein bloßes Zufallsergebnis handeln würde. Aber der Anteil der Falschdiagnosen liegt natürlich weit unter 50 Prozent.

C R3
02
2.10.2011, 22:13
Sehr schöner Artikel

Man sollte vielleicht jedem Arzt noch in einen Kurs "Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung" schicken, damit er bessere Chancen hat, die Chancen richtig einzuschätzen. ;-)

Empfehlenswert sind in dem Bereich die Bücher von Beck-Bornholdt und Dubben, wie z.B. "Der Hund der Eier legt". Etwas schwer für Nicht-Mathematiker, aber sie illustrieren sehr schön den Fehler, den die meisten Menschen beim abschätzen von Wahrscheinlichkeiten machen. Auch am Beispiel Krebs. Solche Literatur sollte ein MUSS für jeden Arzt sein.

Bonair
00
2.10.2011, 22:39

Solche Literatur ist seit Einführung des neuen Medizincurriculums sowieso schon ein Muss für jeden angehenden Arzt, nur sind die eben noch in der Minderzahl. Das Problem des Statistik-Verstehens wird sich mittel- und langfristig auswaschen, von daher dokumentiert die 90%-Rate bei den Fehlschätzungen nur die Mängel des alten Systems. Was man aber nie wegbekommen wird, ist die Tatsache, dass nicht jeder Arzt die Sensitivität und Spezifität jeder Untersuchung für jede Erkrankung kennen kann. Aber Sie haben schon Recht, gerade bei Krebsscreening sollte man mehr Wissen zeigen. Es würde evtl. helfen wenn man Gynäkologen und Patienten aufklärt, dass meistens der Pathologe das letzte Wort behält ;)

C R3
01
2.10.2011, 23:01
Die Frage ist, wie schnell geht das "Auswaschen"?

Natürlich kann kein Arzt die Sensitivität/Spezifität jeder Untersuchung kennen, aber er sollte zumindest über die Terme Bescheid wissen. Meine Mutter wurde durch ein solches Ergebnis in Panik versetzt. Man sollte dem Patienten keine Angst einjagen, wenn im Endeffekt nur eine <5% Chance für Krebs besteht.

Ich befürchte, ein großes Problem des aktuellen Systems ist die Menge an Ärzten, die mit der Geschwindigkeit nicht mithalten. Und wieviele der aktuellen Generation sind geistig flexibel genug, um ihr Leben lang dazuzulernen?

Ich bin wie "e-Patient Dave", eher selbstständig, aber wieviele Patienten können die Spreu vom Weizen trennen. Siehe z.B. astemp der den GNM Blödsinn einfach mal verzapft und 3x Zustimmung erhalten hat...

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