Christoph Matznetter und der Zorn der Rektoren

Gastkommentar | 29. September 2011, 18:48

Antworten auf die Uni-Schelte des SPÖ-Wirtschaftssprechers - Von Hans Sünkel und Christoph Badelt

"Die Rektoren tun so, als wäre die Uni eine überfüllte Disco, und fordern den brutalen Türsteher", schrieb SP-Mandatar Matznetter am Mittwoch an dieser Stelle ("Reform statt Beschränkung"). Das Kernproblem der Uni-Misere liege nicht in der Knappheit der Mittel, sondern an der mangelnden Innovationsbereitschaft der Rektoren.

Man stelle sich vor, ein Steuerberater würde entweder die elementarsten Grundrechnungsarten nicht beherrschen oder mit Taschenspielertricks arbeiten - der Mann wäre über kurz oder lang seinen Job los. Als Wirtschaftssprecher der SPÖ hat Christoph Matznetter offenbar nicht zu befürchten, dass er - wie nach dem jüngsten Gastkommentar im Standard - seines Amtes verlustig gehen könnte. Zum wiederholten Mal verbreitet Matznetter nunmehr die irreführende Behauptung, den Universitäten sei seit dem Regierungseintritt der SPÖ Anfang 2007 eine beinahe 50-prozentige Budgetsteigerung zuteil geworden, und diesen Zuwachs stellt er den seither um 27 Prozent gestiegenen Studierendenzahlen gegenüber.

Matznetter vergleicht damit ein nominelles Budgetwachstum ohne Berücksichtigung der Inflationsrate mit realen Steigerungen bei den Studierendenzahlen. Die Perfidie an der Nummer des Zahlenjongleurs: Er rechnet offensichtlich den Ersatz der Studienbeiträge durch die öffentliche Hand mit in die Ausgaben hinein, also jene 157 Millionen Euro pro Jahr, die der Gesetzgeber nach dem Mehrheitsbeschluss vom September 2008 den Universitäten weggenommen hat (eine Summe die den Unis als sogenannte "private Beteiligung" seither entgeht).

Die absonderlichen Empfehlungen des vormaligen Finanzstaatssekretärs und Amateur-Hochschulpolitikers sind derart haarsträubend und fern von jeglicher Realität ("flächendeckendes Angebot an Fernstudien"), dass sie eine Kommentierung nicht wirklich verdienen. Matznetter bringt aber damit die zutiefst heuchlerische Haltung seiner Partei zum Ausdruck: Diese hat in den letzten Jahren jede Systemveränderung im Universitätssektor ebenso abgelehnt wie die Ausfinanzierung des von ihr selbst geforderten freien Zugangs.

Leidtragende dieser Entwicklung sind alle Universitätsangehörigen, aber besonders die Studierenden, von denen immer mehr das üble politische Spiel durchschauen.

(Rektor Hans Sünkel, Präsident der Österreichischen Universitätenkonferenz)

***

"Unsere Studierenden erleben die Propaganda vom freien Hochschulzugang als Zynismus"

Sehr geehrter Herr Matznetter! Als einer der Rektoren, die so "reformunfreundlich" sind, würde ich Ihnen gerne ein paar Fakten über die Wirtschaftsuniversität mitteilen, die Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit offensichtlich entgangen sind:

Wissen Sie, dass gleichzeitig mit dem von Ihnen kolportierten (leichten) Budgetanstieg die Zahl der Studienanfänger/innen seit 2007 dramatisch angestiegen ist? Wir haben derzeit pro Studierenden und Jahr 2.741 Euro- zur Verfügung. Im Jahr 2007 waren das noch2.979. Wobei das "noch" hier bestenfalls ironisch aufgefasst werden kann: Wirtschaftswissenschaftlichen Fachhochschulen steht ein Betrag von 6.510 Euro pro Studierenden zur Verfügung.

Wissen Sie, dass der Gesetzgeber die größte Quelle immer noch bestehender Ineffizienzen im Unisystem ist? Beispielsweise verbietet uns das Gesetz, irgendetwas dagegen zu tun, dass Studierende oft jahrelang zwar Ressourcen der Uni benützen, aber keine Prüfungen ablegen.

Wissen Sie, dass an der WU trotz jährlich erweiterter Kapazitäten die Zahl der Anfänger/innen rund fünfmal (!) so groß wie die Kapazitäten ist? Wollen Sie dann ernsthaft uns vorwerfen, wir seien die Ursache, dass es nicht mehr Akademiker/innen gibt? Auf einen Professor kommen an der WU 365 Studierende.

Wissen Sie, dass die WU mit über 25.000 registrierten NutzerInnen und bis zu zwei Millionen Views/Tag eine der meist genutzten eLearning Plattformen der Welt (!) hat? Studierende finden darauf sämtliche Lernunterlagen, von Kontrollfragen über Musterprüfungen bis zu aufgezeichneten Lehrveranstaltungen. Diese Plattform haben wir seit zehn Jahren aufgebaut, Ihr Vorschlag kommt daher ein wenig spät.

Wissen Sie, dass uns die Qualitätssteigerungen in der Lehre unserer Universität unter anderem internationale Akkreditierungen eingebracht haben, dass diese aber gefährdet sind, weil wir in den ersten Semestern ausschließlich Großprüfungen in Form von Multiple Choice durchführen und den Zugang nicht regeln können? Ist das wirklich Ihre Idealvorstellung eines Studiums?

Wissen Sie, dass an der WU schon seit fast 10 Jahren auch in den Ferien unterrichtet wird? Wir bieten Studienbeschleunigungsprogramme an, um unsere fleißigen Studierenden zu unterstützen, schneller durchs Studium zu kommen.

Wissen Sie, dass unsere Studierenden die Propaganda vom "freien Hochschulzugang" nur mehr als Zynismus erleben können? Alle dürfen in die Uni herein, und sobald sie drinnen sind, ist es unser Job, sie wieder hinauszuwerfen. Eine phantastische Arbeitsteilung zwischen Politik und Universitäten.

Um zu Ihrem Bild zu kommen: In einer Disco würde der Betreiber gerichtlich verfolgt, wenn er mehr Gäste ins Lokal lässt, als drinnen Platz ist. In der Bildungspolitik wird dieses Prinzip gefeiert - es gibt keinen Türsteher und weit mehr als die Hälfte der Gäste werden nach einiger Zeit ohnmächtig aus dem Lokal getragen. Und dann erklärt uns der Wirtschaftssprecher der größten Regierungspartei, wir brauchen eh kein Geld, um das Lokal zu vergrößern.

(Christoph Badelt, Rektor der Wirtschaftsuniversität Wien)

(DER STANDARD; Printausgabe, 30.9.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 34
1 2
Langp
00
19.10.2011, 22:30
"Das Kernproblem der Uni-Misere

liege nicht in der Knappheit der Mittel, sondern an der mangelnden Innovationsbereitschaft der Rektoren." Mit diesem Satz disqualifiziert sich Matznetter. Den Rektoren ist spätestens seit dem derzeit geltenden Gesetz nicht mehr die Möglichkeit gegeben, als verantwortliche Lenker aufzutreten, auch wenn das jetzt rote Stricherl regnen wird. Beschuldigt werden müßten also die Universitäten insgesamt, und ich wünsche viel Spaß bei der Suche nach jenen, die konkret etwas ändern können.
Im übrigen bedarf die Feststellung, daß Unis proportional mit weniger Geld immer mehr leisten müssen, nicht einmal einer Milchmädchenrechnung. Dieser Meinung war übrigens auch der Herr Minister, solange er Rektor war.

Toni Meister
00
30.9.2011, 19:09
jack johnson
 
00
30.9.2011, 16:41

Und so werden weiter scheindebatten geführt..
über ideologische Kacke...

anstatt erst sich darüber zu einigen,was die Unis leisten sollen...

F*** red, black, green, blue und am allermeisten white wi**** die nur dagegen reden,und nix beitragen

miasan afcag
00
1.10.2011, 08:43
fuck the "kacker"

athea
11
30.9.2011, 10:57
wow

genauso polemisch geantwortet, wie der matznetter geschrieben hat. im übrigen hat betriebswirtschaft null akademischen gehalt...ist die WU der versuch, kleingeistige finanzakteure zu akademisieren -der plan ist aufgegangen.
gut, hat der matznetter triviale polemik gemacht, aber immerhin noch mit einem (rest)visionären kern - oder war es absicht, weil sich die spö gerne von dem freien hochschulzugang verabschieden möcht -hat einen wirtschaftssprecher naives zeug sprechen lassen, dass andere wirtschaftsaffine es flott zerpflücken können---medientheater ?
für mich hat keiner der beiden viel beigetragen oder irgendwas bewegt dadurch :/

Fritz Meyer
01
30.9.2011, 16:19
Die wollen auch nichts ändern.

Darüber sind sie sich schon längst einig.

Milchleber
00
30.9.2011, 19:14

alles verändert sich, und das wollen die gestandenen Strukturen nicht wahr haben und kämpfen mit aller Ignoranz dagegen an, dass die Welt sich ändert.

Aber ich glaube, die Welt hat da das letzte Wort :)

Taschenkalender
02
30.9.2011, 10:51
brilliant

die Herren Rektoren zeigen auf köstliche Art und Weise (oder ist es schon Galgenhumor?), wie ahnungslos und ideologieblind Politiker heute "arbeiten" können, ohne auch nur die geringsten Konsequenzen fürchten zu müssen..

trollvottel
15
30.9.2011, 11:43

Schüssels Plan geht auf:
a) Man gewährt den Unis eine angebliche Autonomie.
b) Machtgeile kurzsichtige Rektoren greifen begeistert zu.
c) Man streicht die Bundesverwaltungsstellen, die Unis müssen ihre Verwaltung nun selber zahlen.
d) Zugleich reduziert man die Uni-Budgets.
e) und setzt den Unis FHs vor die Nase
f) Die nun scheinbar "autonomen" Unis beginnen untereinander und mit den FHs zu streiten, was die Universitäten weiter schwächt.

Anloko
00
3.10.2011, 11:50
Sie glauben also:

Schüssels Plan war es die Unis zu schwächen!!!

Können Sie vielleicht auch ein Motiv dafür präsentieren?

Wollte er vielleicht ein Österreich voll von lauter ungebildeten Schwachköpfen schaffen um so eine gefügige und leicht manipulierbare Masse an Menschen zu haben, mit denen er seine Welteroberungspläne verwirklichen könnte?

Gute Idee für eine Folge von:
Der Pinky, der Pinky und der Brain, Brain, Brainnnnn

sociovation
21
30.9.2011, 09:36
Steuer für alle Akademiker

mit Freibetrag und progressiv abhängig vom Einkommen und die Geschichte ist in soziale ausgewogener Weise fair und erledigt.

Karl-heinz Grill
02
30.9.2011, 07:51
die institutionen dieses landes sind wirklich am ende.

die diskutanten können sich offensichtlich nicht einmal über fundamentale zahlen einigen, wie erst wollen sie bildungspolitische ziele erarbeiten?
in einer demokratie löst man das so, dass man andere menschen verhandeln lässt.
es ist das fundamentale prinzip der persönlichen politischen verantwortung, dass man zurücktritt, wenn man nichts zusammenbringt.
das gilt für alle beteiligten.

Christoph Karl Steininger
01
30.9.2011, 09:18
Es geht ja hier nicht um Verhandlungen.

Es ist eher wie im Urwald. Mit auf die Brust trommelnden Gorillamännchen!
Und wenn man gegen das morgendliche Geschrei der Brüllaffen (Studiengebühren her, aber sofort) anschreit wird man niedergebrüllt!

Christoph Matznetter
1811
29.9.2011, 22:46
Die wehleidige Reaktion zeigt mir die Berechtigung meiner Kritik sehr deutlich

Es ist bezeichnend, dass statt sachlicher Auseinandersetzung nur unflätige Beschimpfungen von Rektor Sünkel kommen. Das bestätigt meinen Verdacht, dass wir dringenden Reformbedarf an den Unis haben.

Wichtig ist: den Budgetanstieg um 48,8% (der übrigens auch nach Abzug der 157 Mio Studiengebührenersatz, der höher als die tatsächlich entfallenen Gebühren war, immer noch 40% beträgt) bestreiten die Herrn Rektoren aber NICHT.

Damit erklärt sich auch, dass Österreich nach der letzten OECD-Studie "Education at a glance 2011" binnen 5 Jahren auf den 4. Platz bei den Pro-Kopf-Ausgabe je Studierenden aufgerückt ist.

Ich habe nie gesagt, dass die Unis nicht mehr Mittel bekommen sollen, aber reformieren muss man sie dringend.

mikromalist
 
00
2.10.2011, 08:16
Ich hätte mir, als linker Unternehmer,

gewünscht, sie hätten uns hier nicht so deutlich gezeigt, dass Sie nicht nur von Wirtschaft, sondern auch von Wissenschaftsmanagement keine Ahnung haben.
Sie argumentieren, wie ein Eigentümer, der seinem Management jede operative Massnahme befiehlt, aber strategisches Fehlhandeln vorwirft.

Sie haben keine Ahnung, wie verknuepft qualitätsvolle Forschung und Lehre sein müssen und wie die Anforderungen an Bildungs-Infrastruktur mit der Theoretisierung aller Gesellschaftsbereiche wachsen.
Allein die all-in-one Kosten/Lernendem über alle Stufen Keule zeigt mir, wie blöd und feig .....

p.s. Rationalisierung ist möglich, aber dazu müssten Politiker/innen einmal zumindest versuchen zu verstehen, wie Universität geht.

TVOS
19
30.9.2011, 12:29

so eine Watschn wie Sie hat schon lange kein Politiker mehr öffentlich erhalten. Ich hoffe, sie schmerzt.

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
06
30.9.2011, 09:28

Herr Matznetter,

die Rektoren haben im Unibereich viel verbockt, aber die Reaktion ist nicht wehleidig, sondern angesichts Ihrer arroganten Ahnungslosigkeit eher verzweifelt.

"auf den 4. Platz bei den Pro-Kopf-Ausgabe je Studierenden" - Nun in der Tat, ich nehme an Sie meinen das:

http://www.oecd-ilibrary.org/docserver... 298281704A

AT ist nr 4 bei den Ausgaben pro "student" - verstanden als Schüler/Studierende vom PRIMÄR-bis zumTERTIÄRbereich.

Im Tertiärbereich liegen wir auf Platz 11. Die Forschung rausgerechnet liegen wir besser, das zeigt nur die Forschungsschwäche der Unis auf.
Siehe: http://dx.doi.org/10.1787/8... 8932463593

Theatre of Tragedy
02
30.9.2011, 08:57

Es wäre noch schön, wenn Sie auf die Erwiderung vom Herrn Badelt, dass pro Kopf weniger ausgegeben wird als vor 4 Jahren und das ganze von den FH deutlich in den Schatten gestellt wird, eingehen würden. Ich gehe davon aus, dass die Situation in den anderen Unis eine ähnliche ist.

sociovation
40
30.9.2011, 11:09
Wieso sollte die Ausbildung für zukünftige Bürohilfskräfte

auf der WU mehr kosten?

Ratlos
00
30.9.2011, 17:42
Könnte man auch über zukünftige Tankstellenhilfskräfte (vulgo: Soziologen) sagen :-).

Ent-täuscher
42
30.9.2011, 00:30
Wiekonnte ich nur Herrn Matznetter für den einzigen intelligenten SPÖ-Spitzenpolitiker halten

Das Spiel der Zahlentäuscherei betreibt er munter weiter, brav, brav, aus dem Mann kann noch was werden.
Wie heißts bei Lenin, wenn Ideologie und Realität zueinander im Widerspruch stehen? Umso schlechter für die Wirklichkeit..

Sabrine Grünbaum
24
30.9.2011, 00:47
passt nicht ganz ihr Posting

Ihre Reaktion auf die sachliche Erwiderung von Matznetter auf die Zünkel-Beschimpfungen und dem wehleidigen Gesülze von Badelt ist mehr als unpassend.

Fest steht nach der Reaktion des Chefs der Rektorenkonferenz, dass die Zahlen von Matznetter stimmen. Mit seinem Hinweis in seinem Posting auf die OECD-Statistik ist auch das Gegenargument "Zahlenjonglieren" als Schutzbehauptung der Rektoren entlarvt.

Lieber Standard! Fragen Sie doch mal, welche Reformen die Herrn Rektoren in die Wege leiten werden, bevor mein Steuergeld weiter in einen Apparat geschüttet wird, der Studienwillige nicht studieren lassen will oder kann.

Ratlos
01
30.9.2011, 17:46
Sehr geehrte Frau Grünbaum, es dürfte Ihnen entgangen sein dass die Unis auf Grundlage von Gesetzen handeln MÜSSEN.

Die Unis also zu zwingen jeden nehmen zu müssen und gleichzeitig diesen volks- und betriebswirtschaftlichen WAHNSINN nicht auch nur im geringsten Auszufinanzieren ist die Schuld von SPÖVP.

Toll wenn das Unibudget um 50 % gestiegen ist wenn es schon vorher um 80 % zu niedrig war.

Bagaude
01
29.9.2011, 21:48

So viele Punkte ich bei den Vorstellungen der Rektoren (insb. jenen von Badelt) bedenklich finde, so sehr bedauere ich, dass inkompetente Kritiken von hoher Stelle - wie eben jene von Matznetter - gegen eine entsprechende Reformwilligkeit - wie sie eben jener Matznetter einfordert - arbeitet und die Durchsetzung von neuen Ideen zumindest verzögert, im schlimmsten Fall - und in diesem Fall hauptsächlich wegen Inkompetenz auf politischer Seite - vielleicht sogar auf längere Sicht verhindert.
Schöne Grüße, ein trotzdem immer noch hoffnungsfroher Angestellter der Uni Wien

lessismore
22
29.9.2011, 21:38

Die glänzende WU ... Wessen Absolventen haben die Finanzkrise verursacht?

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