Dollfuß-Debatte

"Austrofaschismus", nein danke

Kommentar der anderen | 29. September 2011, 18:51

Zur Sorge der Grünen um die richtige Wortwahl bei der Gesetzesvorlage für die Rehabilitierung der Opfer des Dollfuß-Regimes - Von Kurt Bauer

Vorweg eine Klarstellung: "Austrofaschismus" als wissenschaftlicher Begriff, wie er von Emmerich Tálos und anderen vertreten wird, ist höchst umstritten. Und es sind keineswegs nur verstockte ÖVPler, die die Bezeichnung für das von 1933/34 bis 1938 in Österreich herrschende Regime ablehnen. Gerhard Botz etwa spricht von einer "entwickelten halbfaschistisch-autoritären Diktatur", Ernst Hanisch von einem "faschistisch verkleideten autoritären Regime", selbst Oliver Rathkolb umschifft das Problem in der Regel und verwendet auffallend gerne die Umschreibung "Dollfuß-Schuschnigg-Regime". Tatsächlich: Wer etwa die ausgefeilte Faschismusdefinition Emilio Gentiles zugrunde legt, wird darin nur sehr wenige Elemente finden, die auch nur halbwegs auf den Ständestaat zutreffen. Autoritär, in gewissen Phasen halbfaschistisch, korporatistisch, katholisch - das scheinen mir passende Bezeichnungen für dieses Regime zu sein.

Nach dem deutschen Historiker Wolfgang Wippermann haben die Begriffe "Faschismus" und "Totalitarismus" eine dreifache Dimension: einmal als Eigenbezeichnung, dann als wissenschaftlicher Terminus und schließlich als Kampfbegriff.

So verhält es sich auch mit dem "Austrofaschismus": Starhemberg und seine Heimwehr sprachen, ad eins, gerne vom Ziel der Errichtung eines "österreichischen Faschismus", während die stets dominierende christlichsoziale Fraktion des Regimes - und mit ihr Dollfuß - die Bezeichnung peinlichst mied. Ad zwei schlagen sich Historiker und Politologen mit wissenschaftlichen Faschismusinterpretationen aller Art schon seit den 1920er-Jahren herum. Und ad drei war, ist und bleibt "Austrofaschismus" einfach ein bequemer linker Kampfbegriff: Wie schön, wenn man einem besonders unbelehrbaren Schwarzen hin und wieder das Wörtchen "Austrofaschist" um die Ohren schlagen kann. Ich gebe zu, ich kenne die befreiende Wirkung - leider hält sie nicht allzu lange an ...

Für viele Regime und Ideologien haben sich im populären und wissenschaftlichen Sprachgebrauch längst die Eigenbezeichnungen durchgesetzt: Kommunisten werden in der Regel Kommunisten genannt; Italiens Faschisten Faschisten, Deutschlands Nationalsozialisten Nationalsozialisten und die Antisemiten aller Länder Antisemiten, denn diesen Namen haben sich die rassisch motivierten Judenfeinde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts selbst zugelegt. Wieso daher also nicht schlicht und einfach und ohne Gänsefüßchen von Ständestaat sprechen? So hieß das nun mal damals. Und ob dieser Ständestaat nun faschistisch, halbfaschistisch oder bloß autoritär war, darüber kann man ja weiterhin nach Belieben streiten.

Was ich mit alledem sagen will: In der laufenden Diskussion um die anstehende Gesetzesvorlage zur Rehabilitierung der Dollfuß-Opfer sollte es die allergeringste Sorge sein, dass "Austrofaschismus" im Gesetzestext nicht vorkommt, wie der Grüne Justizsprecher Albert Steinhauser so heftig moniert. Durch die Vermeidung des zweifelhaften Begriffs, der niemandem nützt, wäre der ÖVP sehr geholfen, über den eigenen Schatten zu springen.

Und vielleicht wird sie ja dann, irgendwann einmal - etwa nach der anstehenden Parlamentsrenovierung - einfach darauf "vergessen", das schändliche Dollfuß-Bild in ihren Klubräumen wieder aufzuhängen ...(Kurt Bauer, DER STANDARD; Printausgabe, 30.9.2011)

Autor

Kurt Bauer, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaft. Zuletzt erschienen: "Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall", UTB, 2008; Foto: Archiv

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Ent-täuscher
14
30.9.2011, 19:29
Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht auch die Zukunft,

deshalb wird hier mit soviel Engagement von "Austrofaschismus" geredet, egal, wie Dr. Bauer argumentiert, egal, was "princeps legibus solutus" mit großer Geduld postet. Eine Leserin hat von einem "Erweckungserlebnis" geschrieben, seither kämpft sie für die gute Sache, also gegen die Austrofaschisten.
Diese Ausdrucksweise, aber auch die gebetsmühlenartig wiedergekäuten Behauptungen erinnern an Sekten und ihre Missionare. Wissenschaftl. Argumente (Artikel Bauer) werden geflissentlich ignoriert, man will sich den schönen Kampfbegriff, das SCHLAG-wort Austrofaschismus nicht nehmen lassen, schon gar nicht, wenn da argumentiert wird, dass dann die övp leichter über ihren Schatten springen könnte.
Viell. hilft da der Sozi Karl Kraus!

a las barricadas
31
30.9.2011, 18:53
na ja - da gilt "wenn - dann"

es war der profaschistische "korneuburger-eid", den die elite des ständestaat abgelegt hat. in diesem eid wurden die demokratien westlichen zuschnitts verdammt und der fsachismus österreichischer prägung wurde zum politischen programm gemacht. das sich dieses ideologische konstrukt des österreichischen faschismus silanisiert "ständestaat" nennt, das liegt an dem schlampigen umgang mit jener zeit. ps: obiger artikel ist gelinde gesagt polemisch.

princeps legibus solutus
03
30.9.2011, 20:05
hier unterliegen sie einem irrtum

der korneuburger eid war eine erklärung der heimwehren und nicht der elite des ständestaates.

sie können nicht alle - heimwehren, christlichsoziale, VF, Frontmiliz, Ostmärkische Sturmscharen etc - in einen Topf werfen.

auch wenndie heimwehren sicher mehrheitlich faschistisch waren, waren schon die allein so heterogen, dass man sich schwer tut, sie irgendwie unter einen hut zu bringen - von katholisch-konservativ über faschistisch bis hin zu nationalsozialistisch war hier alles vertreten, und die stritten auch untereinander wie die wilden.

genau so wie die heimwehren permanent in konflikt mit den christlichsozialen standen, bis sie 1936 aus der regierung entfernt und aufgelöst wurden

a las barricadas
20
1.10.2011, 12:02
jetzt machen sie mal halblang

die von ihnen angeführten organisationen und der ständestaat waren siamesiche zwillinge - der korneuburger eid wurde nicht ausschließlich von den heimwehren geschworen, sondern vom faschistischen gesoxse insgesamt - inklusive den späteren övp-kaisern raab und figl. das man das später wider besseren wissens bestritten hat steht ausser frage.

princeps legibus solutus
03
1.10.2011, 15:57
der korneuburger eid war eine erklärung des heimwehrführeres steidle bei der generalversammlung des heimatschutzverbandes niederösterreich am 18.5.1930.

steidle überrumpelte dabei raab, den nö. heimwehrführer, um ihn zu nötigen sich gänzlich der fasch. heimwehrbewegung anzuschließen. im nö. heimatschutz gab es nämlich einen richtungsstreit zwischen faschisten und kathol.-konservativen. den korneub. eid schworen im übrigen auch deutschnationale, weil teile der heimw. in diese richtung tendierten

die heimwehren waren überhaupt ein heterogener haufen ohne wirklich einheitliche führung. zwar mit naheverhältnis zu den cs, aber das waren keine siamesischen zwillinge, viel mehr stand der faschist. flügel unter starhemberg fast durchgehend in einem offenen konflikt mit der parteiführung

so weit die historischen fakten. falls sie neue erkenntnisse haben, bitte schreiben sie einen wiss. artikel

Braunhuber
13
30.9.2011, 16:38
Es ist löblich der ÖVP eine Brücke zu bauen

Damit sie über ihren Schatten springen kann. Schatten springen nützt nur nichts. Da müsste sie schon ihre Vergangenheit aufarbeiten. Aber das Vaterländische Bilderbuch und die Dollfußecke im Bundeskanzleramt machen das unmöglich.
Der Ständestaat war der Wegbereiter des Nationalsozialismus in Österreich. Hätte sich Österreich demokratisch weiterentwickeln können, hätte es sicherlich Hitler widerstanden. Vor allem hätte Hitler nicht das schmerzhaft gesparte Geld Österreichs zur Kriegsführung stehlen können. Österreich hatte damals ein Mehrfaches als das 10 Mal grössere Deutschland! Und England gab Hitler unser in London liegendes Gold!

Hofrat Geiger
00
5.10.2011, 17:15
Der Ständestaat war viel ...

... aber sicherlich kein "Wegbereiter des Nationalsozialismus":
Warum hätte es sonst den Juli-Putsch samt Ermordung des Ständestaat-Bundeskanzlers gebraucht?
Warum saßen dann in Wöllersdorf tausende Nazis ein und flohen Zehntausende "heim ins Reich", um dort die Österreichische Legion zu bilden, die zur Invasion Österreichs ausgebildet wurde?
Warum belegte das Deutsche Reich Österreich mit der 1000-Mark-Sperre?
Warum wurden gleich nach dem Anschluss alle Funktionäre des Ständestaats festgenommen + nach Dachau gebracht?
Das wäre wohl kaum erfolgt, wenn sich die beiden Regimes eh gute Freunde waren?
Auch ein demokratisches Österreich hätte im übrigen nicht mehr Widerstand leisten können als die demokratische CSR 1938/39...

Braunhuber
00
6.10.2011, 12:28
Die Geschichte hat eine Entwicklung

Warum hat Dollfuß mit seinen Getreuen den Ständestaat errichtet? Welche Notwendigkeit gab es dafür?
Die Nationalsozialisten waren wie die Anderen politischen Gruppierungen verboten. Saßen mit allen Anderen im Gefängnis. Erst in den letzten Jahren des Ständestaates versuchte man Hitler gegenüber freundliche Nasenlöcher zu machen.
Das österreichische Geld und Gold ermöglichte es Hitler aufzurüsten und den Krieg zu beginnen. Das Geld, für das Österreicher hungern mussten.
Dazu die Zeitschiene: 12. März 1938 Einmarsch in Österreich, „Anschluss“ des Sudetenlandes an das Deutsche Reich im Oktober 1938 (Münchner Abkommen) und am 15. März 1939 der Einmarsch in die „Resttschechei“. Am 1. September 1939 Beginn des 2. Weltkrieges.

Fritz Meyer
210
30.9.2011, 16:16
Das Problem sind nicht die Formulierungen.

Sondern der Umstand, dass sich bis heute Parteien und ihre Politiker offen zu Dollfuss und seinem Staat bekennen.

slow motion
01
1.10.2011, 14:00
Jede Partei hat ihre historischen Leichen im Keller.

Und gerade die Zwischenkriegszeit ist eine Fundgrube für Problematiken in allen Lagern ....

gütenand der fertige
01
30.9.2011, 17:01
Das Problem sind eben schon die Formulierungen,

weil sich nämlich diese Parteien genau aus den von Ihnen genannten Gründen weigern, eine Sache im geplanten Rehabilitierungsgesetz als das zu benennen, was es war.

gütenand der fertige
14
30.9.2011, 16:02
Austrofaschismus, Bezeichnung für das 1933/34 in Ö. etablierte Herrschaftssystem

(...) von Kreisen der Heimwehrbewegung und jüngerer christl.-soz. Politikern. Beeinflußt vom italien. Faschismus Mussolinis, untermauert vom polit. Katholizismus und den Theorien von O. Spann, ersetzte der A. die demokratische Verfassung und den Parlamentarismus durch ein autoritäres System. Das Korneuburger Programm vom 18.6.1930 formulierte erstmals den A., vom März 1933 bis Februar 1934 setzte Bundeskanzler E. Dollfuß den autoritären Kurs gegen die Soz.-Dem. durch und vollendete ihn mit der Verfassung vom 1.5.1934. Bis 1938 wurde der Ständestaat weitgehend durch den AUSTROFASCHISMUS geprägt. Der Begriff wurde von Gegnern (...), fand aber Eingang in die Wissenschaft. Lit. E. Talos. L.O. Meysels (Österreich-Lexikon, Band 1, 1995)

Gluck
00
30.9.2011, 18:22

Dann eben KLERIKALFASCHISMUS.

Hallo Du!
14
30.9.2011, 15:03
Der Faschismus kommt ja in vielen Spielarten daher, auch in der Form des "Austrofaschismus"

Michael Mann, "Fascists". Auf dem Klappentext: "A study of fascism in Europe, focusing on the six countries in which it became most dominant: Italy, Germany, Austria, Hungary, Romania and Spain"

stronzl bär
21
30.9.2011, 14:44
alles was zu sagen hab:

schüssel hatte ein bil von dollfuß in seinem büro hängen

propagandaresistent
11
30.9.2011, 14:52

Das überrascht jetzt nicht wirklich.

Ausgeflippter Lodenfreak
711
30.9.2011, 14:08

Faschistisch ist halt ein Kampfbegriff für alles was einem Linken nicht gefällt.
Ich habe hier im Standard sogar einmal in einem Posting gelesen, das Gewalt faschistisch ist. Bei manchen hat man den Eindruck, dass sie in der Früh wenn die Milch sauer ist, diese auch als faschistisch bezeichnen.
Bei Ständestaat habe ich ein Problem mit dem Begriff faschistisch, da faschistische Regime ja eher revolutionär sind und nicht reaktionär und schon gar nicht katholisch-reaktionär wie der Ständestaat.

Peter Hammer 06
00
5.10.2011, 15:01
Oh, der Mister "Westbahnhof" versuchts mit der Zeitgeschichte....

witherabbitt
 
30
30.9.2011, 22:06
In westl. Nationen des 20. Jhdt. kann Gewalt als politisches Mittel des Staates zweifellos faschistisch genannt werden, zumal es sich auch in Ö. historisch um eine Gegnerschaft zum bürgerlichen demokratischen Rechtsstaat

gehandelt hat. Politisch kann man in Spanien u. Österreich wegen des regresssiven kathol. Inhalts auf die »Progressivität« des Gestus Faschismus verweisen. Dennoch bleibt die autoritäre Umgestaltung zum totalitären Staat faschistisch, allein weil das ein mit dem Faschismus gemeinsames Merkmal ist. Sozialpsychologisch wurde der Versuch gemacht, die Bedingungen auszumachen, unter welchen individuelle autoritäre Charakterzüge mit politischen Verhaltensmuster in Verbindung gebracht werden können, was aber nur als ein Typus individueller Beschreibbarkeit firmiert. Die Ergebnisse sind ähnlich uneindeutig wie die Versuche, den Begriff des Soziopathen klinisch zu fassen. Hier kann ich auch Ihre Kritik verorten.

Cellabe
11
30.9.2011, 19:30
Nö, da liegen sie ganz falsch ...

vielleicht verwenden sie auch den Begriff "links" ein wenig sehr inflationär ...

hamaca reservada
00
30.9.2011, 17:50

aber dann verstehen sie die faschistischen und rechtsgerichteten diktaturen nicht.
oder wie erklären sie sich, dass man dann mit vorliebe auf runenschriften und längst ausgestorbene heroen- und göttersagen zuflucht nimmt

- bzw. auf den "perfekten" menschen hinzielt, der mir nur noch aus der buddhistischen religion und der renaissance in ihrem Blick zurück auf die Klassik bekannt ist.

Ernst Guevara
02
30.9.2011, 18:19
nicht ganz richtig,

es ging den nazis nicht um einen "perfekten menschen", gerade das individuum war ja nix wert im naziregime, sondern es ging darum, die "rasse" oder das "volk" zu "perfektionieren". ich finde zwar auch jeden versuch, den menschen "perfekt" machen zu wollen - das reicht ja von der schönheitschirurgie, über den "neuen menschen" bei che guevara bis zur eugenik - für sehr dubios, da wir menschen nun mal "mängel" und einschränkungen haben und das ist ja nichts schlechtes und wenn doch, dann gehts darum, wie wir trotz "mängeln" leben. aber der wahn der nazis bestand nicht darin, den "perfekten menschen" zu schaffen, sondern die "perfekte rasse" - durch vernichtung aller menschen, die zu "den anderen" und als "nicht zugehörig" erklärt wurden.

gütenand der fertige
02
30.9.2011, 17:05
Na viel Ahnung scheinen Sie ja wirklich nicht zu haben.

Der italienische Faschismus WAR kath.-reaktionär. Und revolutionär war an den italienischen Faschisten gar nichts. Oder wollen Sie jetzt behaupten, daß das Regime Mussolini auch nicht faschistisch war?

AllesWieImmer
00
30.9.2011, 14:08
Es geht nicht um die Definition von Faschismus

... sondern eben um den "Austrofaschismus", eben diese Spielart des Faschismus in unseren Landen in dieser Zeit.
Ich vermisse im Artikel z.B. den Hinweis auf den Begriff (Kampf- oder wie auch immer: jedenfalls historisch) des "Austromarxismus".
Zu klären wäre wohl - etwas überspitzt formuliert - das Signifikat zum Signifikant "Austro": worauf verweist dieses "Austro" ausgenommen den Vulgärverweis Territorium!

princeps legibus solutus
33
30.9.2011, 14:22

nein, es geht hier darum, dass der begriff "austrofaschismus" irreführend ist, weil es sich bei diesem regime nur zum teil um eine spielart des faschismus gehandelt hat, gewisse merkmale aber nicht faschistisch, bzw. konträr zum faschismus waren.

was hat damit der austromarxismus zu tun? "austro" heisst einfach österreichisch, aber der begriff "austromarxismus" war ja nie ein politischer kampfbegriff, sondern einfach die von otto bauer selbst geprägte bezeichnung der österreichischen schule des marxismus

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