Pogromartige Ausschreitungen nach dem gewaltsamen Tod eines Mannes
Sofia/Istanbul - Alles begann wie ein schräger Balkanfilm von Emir Kusturica. Es gab den Roma-Prinzen, der ausfuhr mit seinem stiernackigen Gefolge, eine Feier für den verstorbenen Vater, die vorbereitet sein wollte, und Stolipinowo, das größte Roma-Ghetto in Bulgarien. Am Ende aber waren zwei junge Männer tot, Dutzende verletzt, und das Balkanland hatte seine schlimmsten pogromartigen Ausbrüche seit der Wende von 1989 erlebt. In der Nacht auf Donnerstag wurden erneut zwei Roma von Skinheads verprügelt. Mehr als 300 Personen hat die bulgarische Polizei seit vergangenem Freitag festgenommen.
Der prominenteste heißt Kiril Rashkow alias "Zar Kiro", wie er genannt wird wegen seiner Privatarmee und der goldenen Stühle im Haus. Am Dienstag, vier Tage nach dem Ausbruch der Gewalt gegen die Roma in vielen Städten des Landes, wurde der "Zar" verhaftet. Man hatte ihn mit seiner Familie zwischenzeitlich in ein Hotel in Sofia geschafft, um die Öffentlichkeit abzulenken. Er ging auch in das Uni-Krankenhaus in Plovdiv, um sich wegen Herzbeschwerden behandeln zu lassen.
Der Roma-Boss
Ähnlich chaotisch wie die Odyssee des mächtigen Roma-Bosses gestaltet sich nun die Anklageerhebung: "Einschüchterung von Privatpersonen", vielleicht auch Steuerhinterziehung oder Bildung einer kriminellen Organisation. Die Justiz ermittelt, und die Steueraufsicht ermittelt, warum die Behörden in Bulgariens zweitgrößter Stadt Plovdiv nicht schon längst ermittelt haben, wie "Zar Kiro" über die Jahre zu seinem wundersamen Reichtum gekommen ist. Die Gerüchte sagen: mit gefälschtem Alkohol, Taschendieben und dem Verkauf von Wählerstimmen.
Hinter der Figur des Roma-Bosses verschwinden nun die eigentlichen dramatischen Vorgänge: der Tod des 19-jährigen Angel Petrov und die "Rachefeldzüge", die rechtsradikale Fußballfans und Rockergruppen gegen die Romaviertel in den bulgarischen Städten begannen, bewaffnet mit Baseballschlägern, Messern und selbstgebastelten Brandsätzen.
Ausschreitungen nach Unfall
Petrov, kein Rom, sondern ein "Bulgare", wie in der Öffentlichkeit und der Politik ungeniert zwischen Mehrheit und Minderheit im Land unterschieden wird, war vergangenen Freitag offenbar mit Absicht von einem Minibus überfahren worden, den ein Gefolgsmann von "Zar Kiro" steuerte. Das Opfer hatte sich zuvor mit dem Enkel des Mafia-Bosses gestritten. Danach brach der Sturm los. Ein 16-Jähriger, der bei der folgenden Brandschatzung der Residenz von Kiril Rashkow dabei war, starb später an einer Herzschwäche.
Seit den Ausschreitungen gehen die Roma-Kinder aus Furcht vor Angriffen nicht mehr zur Schule, berichtet Teodora Krumova von der Roma-NGO "Amelipe". Behörden und Politiker haben nie etwas gegen den kriminellen Clan des "Zaren" unternommen, erklärte sie dem Standard: "Alle haben mit ihm Geschäfte gemacht." (Markus Bernath, DER STANDARD-Printausgabe, 30.9.2011)