Sicherheit in Arzt Praxen

"Die TGKK handelte grob fahrlässig und rechtswidrig"

Interview | Eva Zelechowski, 29. September 2011, 15:51
  • Artikelbild
    foto: derstandard, robert newald

    ARGE Daten-Vorstandsmitglied Hans Zeger übt scharfe Kritik an der Vorgehensweise der Tiroler Gebietskrankenkasse.

ARGE-Daten-Obmann Hans Zeger über den schlampigen Umgang mit Daten

Hans Zeger, Obmann der ARGE-Daten, veröffentlichte im Zuge der Debatte um die neueste Anonymous-Aktion eine Analyse: "Anonymous Austria - Wie schlampig ist die Tiroler Gebietskrankenkasse?". Darin kritisiert er den Vorfall, bei dem sich die Aktivisten-Gruppe AnonAustria Zugang zu 600.000 Datensätzen der Tiroler Gebietskrankenkasse verschafft hat, beziehungsweise wie die Anonymous-Aktion möglich war. Die ARGE wird eine Anzeige zu Gericht bringen, weil "die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen das eigentliche Problem sind", sagt Hans Zeger. Der Datenschutzexperte sprach mit dem WebStandard über die Lücken, die einen solchen Datenskandal möglich machen. 

derStandard.at: Wie sieht es mit der Daten-Sicherheit in Arzt Praxen aus?

Hans Zeger: Darüber kann man nicht so viel sagen, weil es natürlich unterschiedliche gibt. Viele Informationen sind aber immer noch in Karteikartensystemen gespeichert. Wenn ich jetzt bei einem Arzt Daten stehlen möchte - wobei meistens bei Ärzten wegen der Hausapotheke eingebrochen wird, um Medikamente zu stehlen - dann geh ich einfach hin und hole mir den Computer. Dann hab ich die Daten. Das muss man schon ganz klar sagen, dass das Risiko von einem Online-Einbruch in eine Arztpraxis zwar gegeben, aber gering ist.

derStandard.at: Wo liegt ihrer Meinung nach die Gefahr?

Zeger: Was ich aber durchaus als Gefahr sehe, dass in Zukunft derartige Geräte zum Beispiel mithilfe des Elektronischen Gesundheitsaktes, kurz ELGA, zum Einfallstor für solche Attacken werden. ELGA ist flächendeckendes und zentral gesteuertes Gesundheitsverbund, dessen Gesetzesentwurf bereits abgeschickt ist.

derStandard.at: Sie meinten, dass unter ELGA der Schutz der Gesundheitsdaten unzureichend gewährleistet sein wird.

Zeger: Ja, denn salopp gesagt, enthält der Akt "das Schlechte von allen Welten". Das System verwaltet einige hundert Millionen Befunde von neun Millionen Bürgern, die dann für etwa 40.000 Zugriffsberechtigte zur Verfügung stehen. Ein derartiges Konzept in diesem Umfang ist in Österreich neu und sogar weltweit ist es selten. Vielleicht beim CIA gibt es so etwas Konfuses, aber sonst nirgends.

derStandard.at: Was ist das größte Problem an ELGA?

Zeger: Neben grundrechtlichen Bedenken ganz klar jenes, dass dieses Konzept laut Gesetzesentwurf über kein integriertes Sicherheitskonzept verfügt. Für das Gesamtsystem ist interessanterweise niemand zuständig. Zentral verwaltet werden nur die Links, zur dezentralen Verwaltung bleiben die Gesundheitsdaten übrig. In einem Nebensatz steht dann irgendwo drin: 'Für den Schutz der Daten ist der jeweilige Gesundheitsdienstleister zuständig.' Das heißt die Ärzte, Laboratorien, Hersteller von medizinischen Behälfen usw. könnten sagen: 'Mein System ist eh in Ordnung, weil sie verschlüsselt sind.' Aber er kümmert sich nicht weiter darum - weil er ja auch nicht dafür zuständig ist - dass sein Gerät zum Einfallstor für einen Anschlag auf die ELGA-Daten werden kann.

Ich habe schon gehört, dass noch nie Rechner des Hauptverbundes geknackt worden. Ja, das mag stimmen, aber wenn ich Böses im Schilde führen würde, würde ich mir Vorfeldrechner schnappen, schauen, ob da Daten herumkugeln - wie im Fall der TGKK - oder ob ich Passwörter finde. Mit denen kann ich mich dann in das System hineinwählen. Diese Lücke des ELGA-Konzepts ist zwar schließbar, aber die Lösung ist mit derart viel Aufwand verbunden, dass sie den Großteil unserer Gesundheitsressourcen schlucken würde.

derStandard.at: Was ist also die Lösung?

Zeger: Da gibt es viele Möglichkeiten. Zum Beispiel, dass man nicht eine einzige Methode zur Verwaltung anbietet, denn es gibt auch dezentrale Möglichkeiten. Alle Dienstleister der Gesundheitsbranche sollten vor allem einen einheitlichen Dokumentenstandard verwenden. Dann ist es egal, woher meine Daten kommen, denn ich habe immer den gleichen Standard. Egal, ob Patienten ihre Daten auf einer DVD gespeichert haben oder ob man sich entscheidet, die eigenen Daten über den Hauptverband verwalten zu lassen. Wenn aber eine zentrale Lösung entwickelt wird, muss der Betreiber alle Daten zentral bei sich verwalten und die Verantwortung dafür übernehmen.
Das halte ich für eine wesentlich bessere Lösung als die momentane, bei der Links verschickt und verknüpft und dezentral gespeichert werden. Und niemand ist eigentlich für die Daten verantwortlich.

derStandard.at: Sie haben in ihrer Stellungnahme geschrieben, dass 50 Prozent der österreichischen IT-Systeme nicht zureichend gesichert werden. Kann ein Vorfall wie jener mit der TGKK auch andere Bereiche in der Gesundheitsbranche treffen?

Zeger: Ich würde das nicht ausschließen. Was wirklich sichtbar wurde in der TGKK-Causa ist, dass sie grob fahrlässig und eigentlich nach den Datenschutz-Bestimmungen rechtswidrig mit den versicherten Daten umgegangen ist. Die Argumentation, wie ein solcher Datenbestand zustande kommt, ist, dass man die Datensätze den Rettungsorganisationen bereitstellen müsse, für den Fall, dass der Verletzte keine e-card bei sich habe. Am Ende sind es aber ein oder zwei Dutzend täglich (und keine 600.000), die die e-card-Daten benötigen. Wieso kann man nicht auf Anfrage checken, ob die Personen versichert sind und diese Daten dann verschlüsselt schicken?
In einer Bankfiliale gehe ich auch nicht davon aus, dass jeden Tag alle Kontendaten aller Kunden in die Filiale geschickt werden. Da wird auch zentral gespeichert und verschlüsselt mit einer adäquaten Sicherheitsstufe abgerufen. 

derStandard.at: Wird IT-Sicherheit in der Gesundheitsbranche stiefmütterlich behandelt im Gegensatz zum Bankensektor zum Beispiel?

Zeger: Würde ich nicht sagen, oft wird das Gefahrenpotenzial personenbezogener Daten einfach unterschätzt. Weshalb solche Bestände und in weiterer Folge auch Datenskandale entstehen. (Eva Zelechowski, derStandard.at, 29.09.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 47
1 2
Bert Brecht
10
6.10.2011, 20:45
Sehr interessant

Herr Zeger ist ja ein ganz großer Experte.

Die Daten wurden zwar nicht bei der TGKK entwendet, sondern bei einem Dritten. Bei diesem Dritten kann es sich eigentlich nur um einen Gesundheitsdiensteanbieter wie das Rote Kreuz handeln, der ebenso dem Datenschutz unterliegt.

Aber die TGKK hat - postuliert der Experte Zeger - rechtswidrig und fahrlässig gehandelt.

Sorry, solche Ferndiagnosen werden im Medizinbereich als Quacksalberei strafrechtlich verfolgt.

Gunar Gunarson
00
16.10.2011, 14:37
wenn ich daten von nahezu jedem tiroler

ohne dessen einverständnis weitergebe ist das also okay.
heut bekommt sie ein rettungsunternehmen, morgen ein orthopädiefachgeschäft übermorgen ein onlineversandhandel in übersee ?

powerpack
00
6.10.2011, 16:06

diese ELGA ist echt ein wahnsinn. schon alleine, dass derart viele zugriff auf alle gesundheitsdaten haben, ist unglaublich.

etwas derartiges gibt es in keinem einzigen europäischen land, und selbst google hat sein gesundheitsdaten-projekt in der usa wieder eingestellt. wenn selbst dem datensammler nr1 diese sache zu heikel erscheint, dann stellt sich die frage wieso ö hier so vorpreschen muss?

weiß jemand, ob es für patienten die möglichkeit gibt es diesem system auszusteigen?

Bert Brecht
00
6.10.2011, 20:53
BTW

SOGAR GOOGLE...?

Sag mal, dir ist schon der Unterschied zwischen Google, Facebook und Co bewusst, die vom Auslesen der Daten LEBEN...

und staatlichen, geschützten Systemen, auf die nur Menschen im Gesundheitswesen zugreifen dürfen und können, die DICH PERSÖNLICH gerade behandeln.

Bert Brecht
00
6.10.2011, 20:51
ELGA

Laut aktuellem Gesetzesentwurf kann man
- zur Gänze
- in Bezug auf bestimmte Diagnosen
- in Bezug auf einen einzelnen Befund
"aus-optieren".

Bezüglich ELGA verstehe ich durchaus Bedenken.

Fakt ist aber: ELGA ist schlicht und einfach für den patientenbegleitenden Austausch von Befunden gedacht. Nicht als "lebenslange Akte", dafür werden die Daten in ELGA viel zu kurz "verlinkt" (gespeichert müssen sie beim einzelnen Arzt oder Spital meist viel länger werden).

ELGA kann zB Doppelbefunde ersparen - senkt zB die Strahlenbelastung und bei älteren Menschen oft belastende Wartezeiten.

EIGENTLICH ist ELGA weder so bedrohlich, noch auch so revolutionär wie alle tun. Es kann - wenn sie gut gemacht ist - schlicht und einfach ein bisschen helfen.

aussi mit da haut
02
2.10.2011, 23:32
Die TKKG ist sowieso viel schlechter als die drei Fragezeichen!

Gummibam aus Surinam
00
4.10.2011, 08:13

Und welcher von denen ist das auf dem Foto?

x x3
00
1.10.2011, 12:29
Da will wohl einer den Teufel mit den Beelzebub austreiben.

Alle Gesundheitsdaten aller Bürger zentral speichern!

Damit ein einziger Sicherheitsvorfall ausreicht, um den max. Supergau zu schaffen?
Um Missbrauch Tür und Tor zu öffnen?

So berechtigt die Kritik dieses Herrn sein mag, von Lösungen hat er keine Ahnung.

suboptimal
 
03
1.10.2011, 13:30
Ahnungslose gibt es viele - das BMI macht es vor

Das BMI will uns _seit fast einer Woche_ nicht sagen können, WOHER die Polizei-Datenbank stammt.
*unpackbar*

Bei der TGKK wurde das Interesse, kranke "Sozialbetrüger" zu entlarven, so priorisiert, dass dafür die Sicherheit der gesamten 600.000 hochsensiblen Gesundheitsdatensätze permanent aufs Spiel gesetzt wurde.

Im Fall der GIS wurden die Datensätze von einem "Webdienstleister" täglich sicher verschlüsselt übertragen. Was man freilich nicht wusste war: Der Dienstleister hatte jahrelang automatische "Sicherungskopien" angelegt. Die webbasierte Datenbank selbst war nicht dilettantisch, sondern überhaupt NICHT abgesichert und nahm in jedem einzelnen Datenfeld bereitwillig Datenbankbefehle entgegen.
http://fm4.orf.at/stories/1688642/
.

pussycat.1337
20
1.10.2011, 14:54

wo is das problem zB mit den gis daten? jeder darf doch wissen, das ich gis zahle oder? ah problematisch wird es also nur für die nichtzahler, die hier im inet alles besser wissen, wie zb der suboptimal. endlich werden die blockierern auf die füsse getreten. weiter so!

suboptimal
 
14
1.10.2011, 16:01
unverschlüsselte Kontonummern der GIS-Kunden sind für Sie kein Problem?

Na dann her mit Ihrem Bankkonto!
Über solche Trolle wie Sie freuen sich viele.

Aktivisten erbeuteten 211.695 Datensätze, samt Kontodaten
Veröffentlicht wurden nur eine Handvoll Daten von Polizei- und Innenministeriums-Mitarbeitern - inklusive vollen Namen, Privatadressen und Geburtsdatum
http://derstandard.at/131051189... us-gehackt

Dazu die GIS: Die Kunden sollen ihre Kontobewegungen "verstärkt beobachten"
Da kommt Freude auf!
.

pussycat.1337
30
3.10.2011, 11:54

mei kontonummer kann jeder haben, wenn alle brav einzahlts, mehr könnt ihr damit nicht anstellen!!! superpanikmache.

regenfeldbau
05
3.10.2011, 16:44
Leute wie Sie gibt es bei den Ämtern offenbar genug

Wer Ihre Kontonummer hat, kann von Ihrem Konto abbuchen, damit ist IHR Geld futsch, Sie Träumerin.
Noch nie was davon gehört, was?

Fragen Sie mal Ihren Bankberater, bevor Sie Unsinn posten.

suit
 
00
5.10.2011, 15:17

Futsch ist das Geld nicht - aber man muss permanent seine Buchungeszeilen checken, ob da nicht jemand abbucht, der das ggf nicht darf. Und das ist einfach lästig.

Besonders, wenn jemand die Bankdaten missbraucht um sich eine eigene Kontokarte zu erstellen - und das ist mit einem Magnetstreifen-Schreiber nicht so das große Problem. Damit bezahlt man dann per Lastschrift im Geschäft. Bis auffällt, dass eine "Billa Dankt"-Zahlung in einem Kontoauszug nicht von dir ist, dürfte etwas dauern.

Naeich
 
03
30.9.2011, 15:49
Was ist eigentlich die Strafe für derartige Nachlässigkeit?

Wenn ein User das falsche Bild auf seiner Webseite verwendet oder ihm vorgeworfen wird einen Song via p2p geshared zu haben ist von Abmahnungen bis Strafverfolgung und Schadenersatzforderungen alles möglich. Wenn Polizeivereine oder Krankenkassen hochsensible Daten rumkugeln lassen, was ist dann die Strafe?

suit
 
00
5.10.2011, 15:18

Da war kürzlich was von maximal 10.000 Euro Verwaltungsstrafe am Standard zu lesen - den Artikel finde ich grade nicht.

rolin
00
30.9.2011, 13:02
TKKG?

MicZol
 
02
30.9.2011, 14:41

Tiroler
Kundendaten
Katastrophen
Gesellschaft

kurz TKKG

maruh
10
30.9.2011, 12:28

jetzt auf einmal?

formosa
00
30.9.2011, 11:03

wie schaut es eigentlich mit den festplatten bei aerzten und spitaelern aus? ich kann mir nicht vorstellen, dass hier verschluesselung verlangt wird. ich will nicht wissen wieviele festplatten unverschluesselt und mit sensiblen daten irgendwo im mittleren osten kursieren. zumindest eine fachgerechte loeschung/vernichtung sollte verpflichtend sein.

Ergates faber
00
30.9.2011, 12:29
Solche Festplatten sollten vom Verkauf ausgeschlossen sein.

Ich persönlich würde auch keine meiner Festplatten löschen und verkaufen obwohl ich die entsprechende Software dafür habe. Es zahlt sich nicht aus wegen der paar Euro. Ich öffne in der Regel die Festplatten und vernichte die Scheiben. Chips würde ich dem Feuer übergeben und den Rest mechanisch zu Staub verarbeiten.

suit
 
00
5.10.2011, 15:29

Was bringt es dir, die Elektronik zu schrotten?

Daten aus DRAM-Bausteinen auszulesen ist zwar praktisch möglich, aber auch nur wenn man die Dinger sofort mit flüssigem Stickstoff kühlt, kann man die Daten nach noch sehr begrenzt auslesen.

Damit ein Datenrettungsunternehmen die Daten garantiert nicht mehr herstellen kann, reichtes die Platter auszubauen und zu zerbröseln (wenn sie aus Glas sind) oder bei Metallplattern, wenn man sie eine Zeitlang mit einem Schwingschleifer bearbeitet, um die eigentliche magnetisierbare Substratschicht zu entfernen (und die ist bei modernen Festplatten ein paar Atome stark).

bildungsoffensive
19
30.9.2011, 09:47

die ersten, die sich um solche daten anstellen würden, wären die versicherungen.
danach vermutlich in relativ kurzem abstand die pharmabranche.

keine terroristen, keine "linkslinken demokratiezerstörenden chaoten"... sondern die sog. leistungsträger und "säulen" der wirtschaft.

es gibt also potente interessenten, sprich einen markt, deshalb wird es dann auch händler und beschaffer geben.

für diese erkenntnis benötigt es nicht grad so viel hirnschmalz. somit ist die nächste schlussfolgerung auch logisch. die derzeit lenkenden politiker sind entweder ziemlich dumm oder ziemlich korrupt. manchmal auch beides.

helft mit sie davonzujagen, bei der nächsten wahl!

BK W. Shoyssel
00
30.9.2011, 11:59

Also die Versicherungen organisieren sich die Daten jetzt schon. Glauben Sie mir. Vielleicht bekommen sie nicht immer und von allen die vollständigen Informationen aber ...

?und
03
30.9.2011, 11:15
ich tippe auf ziemlich dumm und das ist das gefährliche daran

sh. dörfler syndrom - das nichterkennen was dummes (gesetzwidirges) zu machen und daher straffrei zu bleiben.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 47
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.