Politisches System Österreich

Die Republik der Funktionäre und ihre Förderer

Kommentar der anderen | 28. September 2011, 19:12

Wie in Österreich der Aufstieg charismatischer Führungspersönlichkeiten systematisch verhindert wird. Und was sich strukturell ändern müsste, um den Dauerzustand der politischen Selbstblockade zu überwinden - Von Max Haller

Es besteht weithin Einigkeit darüber, dass im politischen System Österreichs seit längerer Zeit einiges faul ist. ÖVP und SPÖ sind zu Mittelparteien abgestiegen, ihre Koalition ist zu zerstritten, um grundlegende Reformen durchzuführen. Sie bilden die "große Koalition" vor allem, um eine Regierungsbeteiligung der wieder auferstandenen FPÖ zu verhindern. Dadurch erleichtern sie es aber gleichzeitig der FPÖ, sich als innovative Kraf und Kämpfer gegen Korruption und sonstige Manifestationen des Bösen im Lande zu profilieren - eine scheinbar unlösbarer Teufelskreis. In der Debatte zu diesem Thema wird ein Punkt weitgehend übersehen: Ein Hauptgrund für die Schwäche der beiden Großparteien ist der Mangel an charismatischen Führungspersönlichkeiten - an Politikern, die neue Visionen haben, bereit sind, sich dafür voll einzusetzen, dabei auch glaubhaft agieren und - als Folge davon - in der Bevölkerung breite Unterstützung finden. Die derzeit führenden Politiker mögen - vielleicht - integer und medienkompatibel sein, an den obgenannten Eigenschaften mangelt es ihnen jedoch eklatant. "Ein Duo zwischen Anstand und Ängstlichkeit" beschrieb der Standard (28./29. 5. 2011) den Regierungschef und seinen Vize einmal; Anton Pelinka sprach von "gnadenloser Harmlosigkeit".

Gängiger Ja-aber-Einwand: Charismatische Politiker kann man nicht "erzeugen", deren Sein oder Nicht-Sein sei primär auch eine Sache von Zufall und Glück. - Irrtum. Max Weber, der große deutsche Soziologe, hat nicht nur den Begriff des Charismas geprägt, sondern auch argumentiert, dass Charisma in hohem Maße durch die Umstände mitbestimmt wird. Für den Aufstieg von Politikern und ihre charakterliche Ausprägung in einem Land spielen die Art ihrer Rekrutierung und die Möglichkeiten ihrer Bewährung im öffentlichen Leben eine ausschlaggebende Rolle.

In Österreich weisen allerdings viele strukturelle Indizien eher darauf hin, dass man charismatische Politiker gar nicht will:

1) Die Auswahl der Kandidaten vor Wahlen erfolgt durch kleine Parteigremien, die wohl in erster Linie auf Parteitreue achten - in manchen Fällen auch auf die medial erzeugte "Popularität" eines Kandidaten. Häufig lassen sie auch das Jahrtausende alte monarchische Prinzip der Familien-Erbfolge zum Zuge kommen (die Söhne, Neffen oder Enkel eines Regierenden übernehmen die Macht) - mit oft ebenso mäßigen Erfolgen wie bei den Auserwählten aus Sport, TV und sonstigen Prominez-Zentren .

2) Der Einfluss der Parteien zeigt sich auch indirekt darin, dass die bisherigen österreichischen Spitzenpolitiker fast ausschließlich aus zwei Bundesländern stammen: Seit 1945 gab es über drei Jahrzehnte hinweg auf Bundesebene nur große Regierungskoalitionen mit einem Kanzler aus Wien und einem Vizekanzler aus Niederösterreich, oder umgekehrt.

3) Im Parlament selbst ist Parteidisziplin alles; Abgeordnete, die von der Parteilinie abweichende Meinungen vertreten, kommen gar nicht zu Wort.

4) Die Wähler haben geringe bis keine Möglichkeiten, die Erstellung der Wahllisten und die Reihung der Persönlichkeiten auf diesen Listen zu beeinflussen.

5) Bei der Wahl von Mitgliedern hoher Parteigremien und Funktionären geht es zu wie im ehemaligen Ostblock: Stimmenanteile von weniger als 90 Prozent werden bereits als eklatante Misserfolge gewertet (so zuletzt bei der Wiederwahl von Häupl in Wien).

6) Wagt ein Parteifunktionär das Unerhörte, gegen den offiziellen Kandidaten einer Partei anzutreten, so kann ihm Schlimmes passieren. So geschehen letztes Jahr bei der Wahl eines neuen SPÖ-Parteivorsitzenden in Graz, als eine sehr erfolgreiche Stadträtin es riskierte, gegen den blassen Parteivorsitzenden anzutreten. Umfragen hatten gezeigt, dass sie ebenso beliebt war wie der Bürgermeister, mit deutlichem Abstand zu allen anderen Stadtpolitikern und mit realistischen Chancen, den Bürgermeisterposten zu erringen. Da sich die Unterlegenen mit dem angebotenen Kompromiss im Hinblick auf die neue Aufgabenverteilung nicht anfreunden konnten, trat der Landesvorsitzende "vermittelnd" auf den Plan und brachte die Neugewählte dazu, auf ihr Amt zu verzichten. (Es gibt jetzt einen Parteivorsitzenden, dessen "Charisma" noch weniger leuchtet als jenes seines Vor-Vorgängers.)

Nur zur Erinnerung: Meines Wissens gab es 1967 das letzte Mal eine Kampfabstimmung um den Parteivorsitz der SPÖ. Und die gewann - gegen den Wunsch der damals führenden Vertreter von Partei und Gewerkschaft - ein gewisser Bruno Kreisky.

Um zu sehen, wie die Entdeckung, Auswahl und Bewährung von politischen Führungspersönlichkeiten auf effizientere Weise erfolgen kann, braucht man den Blick nur auf andere westliche Demokratien zu richten. Drei Beispiele:

  • In Deutschland gibt es einen starken Föderalismus, der wesentlich zur Stabilität der Bundesrepublik im Vergleich zur Weimarer Republik beigetragen hat. Eine seiner wesentlichen Funktionen besteht darin, Führungspersönlichkeiten auch für die höchste Ebene herauszubilden; so waren von bisher neun Kanzlern nicht weniger als fünf vorher Ministerpräsidenten ihrer Länder bzw. hatten wichtige politische Ämter auf regionaler und lokaler Ebene inne.
  • In Großbritannien gibt es ein ausgeprägtes Mehrheits- und Persönlichkeitswahlrecht. In einem Wahlkreis gewinnt jener Kandidat, der die meisten Stimmen auf sich vereinigt; dabei haben auch Kandidaten kleiner Parteien realistische Chancen zu gewinnen. Auf nationaler Ebene erhält die relativ stärkste Partei eine große Mehrheit an Parlamentssitzen; der Regierungschef hat damit eine sehr starke Stellung und kann grundlegende Reformen durchführen.
  • In den USA gibt es für die Präsidentschaftskandidaten interne Vorwahlen der beiden großen Parteien, die sich über Monate hinziehen und oft nicht nur die USA, sondern die Weltöffentlichkeit in Atem halten. Ohne ein solches System wäre es undenkbar gewesen, dass ein Farbiger Präsident der USA geworden wäre.(Max Haller, DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2011)

Autor

Max Haller ist Professor für Soziologie an der Universität Graz.

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Posting 1 bis 25 von 38
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1116er
00
4.10.2011, 11:42
der vergleich mit deutschland hinkt.

und zwar um den faktor 10.

um soviel zahlreicher ist die dortige bevölkerung: wo es mehr menschen gibt, ist auch die auswahl eine größere.
vergleichen sie doch ö lieber mit einem deutschen bundesland. dem einen oder anderen sind ö-verhältnisse überhaupt nicht fremd.

auf das modell england oder usa möchte ich lieber nicht näher eingehen: zu groß sind die dortigen defizite, um sie als positives beispiel nehmen zu können.

1116er
01
4.10.2011, 11:38
"Sie bilden die "große Koalition" vor allem, um eine Regierungsbeteiligung der wieder auferstandenen FPÖ zu verhindern."

falsch!
sie erfüllen damit den (in unzähligen umfragen ermittelten willen) der mehrheit der bürger und halten sich an deren manifestation in der wahlzelle.

wer so denkt und agiert wie der ö bürger, dürfte sich seriöserweise nicht über daraus abgeleitete ergebnisse beschweren.
ausser am stammtisch. und selbst dort erst ab 2 promille.

GUCCI
00
29.9.2011, 20:13

in DE gibt's den föderalismus in A den feudalismus ...

santa fe
 
12
29.9.2011, 14:43

wir brauchen die wieder-ingangsetzung des prozesses "demokratie", charismatische führungspersönlichkeiten haben diesbezüglich allesamt kontraproduktiv gewirkt, und da muss man leider selbst so sympathische erscheinungen wie kennedy und kreisky einbeziehen, die beide die hybris der FI (finanzindustrie) entscheidend vorbereitet haben, indem sie ihr so attraktiv erlegen sind.

die FI muss demokratisiert werden und ihren eskalierenden raub an der mehrheitsbevölkerung abzuzahlen beginnen:

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN für alle

schluss mit der regression in den feudalismus und das jetzt indirekte sklavendasein der gesellschaft.

gewaltlose rettung des sozialen friedens: BGE - national/global.

santa fe
 
00
29.9.2011, 21:01

es kann jeden augenblick losgehen. jetzt muss kühler kopf bewahrt und von jedweder gewalt abstand genommen werden, sonst ist es keine alternative.

gewaltloser widerstand, gewaltlose erneuerung der demokratie, sozialer friede statt steigerung des globalen kriegswesens:

BGE/BIG NOW - national/global.

GUCCI
00
30.9.2011, 16:22

so rasch schießen die preussen nicht. trotzdem geht's ohne aufstand nicht weiter. ob gewaltsam oder nicht hängt einzig und allein von den teilnehmern ab. gewaltlos erfordert mehr sitzfleisch und viel nächstenliebe. und das finden sie im westen eher nicht.

santa fe
 
00
30.9.2011, 19:37

der verzicht auf gewalt ist vor allem eine frage der vernunft, die der kriegsführenden FI aufgrund ihrer suchtkrankheit verlorengegangen ist.

GUCCI
00
1.10.2011, 01:22

ist nicht verlorengegangen, aber die FI kann sich bei gewalt rausreden

santa fe
 
00
1.10.2011, 01:25

genau deswegen dürfen wir das auf keinen fall tun, wenn wir eine alternative entwickeln wollen.

GUCCI
00
1.10.2011, 08:04

es gibt keine alternative zu einem zinslosen geldsystem. alle mit zinsen und zinseszinsen behafteten systeme sind zum untergang verurteilt.

GUCCI
00
29.9.2011, 20:13

kennedy ist im wahrsten sinne des worte erlegen.

pu-muckl
 
02
29.9.2011, 13:07
friedlicher protest

man kann es nicht oft genug posten ...

Demonstration gegen die Zustände in der österreichischen Politik

Mittwoch, 26. Oktober · 18:00 - 21:00 Ort: Wiener Innenstadt (geplant vor dem Parlament)

https://www.facebook.com/event.php... 9799160139

https://www.facebook.com/pages/Dem... 0419175419

HP in kürze: http://demokratieambulanz.at/

L.B.
01
29.9.2011, 12:55

Was wir sicher nicht brauchen ist mehr Föderalismus. Der Vergleich mit Deutschland hinkt wegen der Größenverhältnisse. Relevanter wäre zB Dänemark, wo es zw. Staat und den (durch Zusammenlegung wenigen, aber größeren) Gemeinden keine überflüssige, nur Geld kostende Zwischenebene gibt.

Dass es bei einem Mehrheitswahlrecht wie in UK gelegentlich auch Vertreter kleinerer Parteien ins Parlament schaffen können stimmt, aber: sie spielen idR keine Rolle, weil sie als Koalitionspartner nicht gebraucht werden. Die jetzige Situation ist die absolute Ausnahme.

L.B.
00
29.9.2011, 12:38

>Seit 1945 gab es über drei Jahrzehnte hinweg auf Bundesebene nur große Regierungskoalitionen mit einem Kanzler aus Wien und einem Vizekanzler aus Niederösterreich, oder umgekehrt.

1. Klaus war in Kärnten geboren und später Salzburger LH, Gorbach war Steirer
2. Wien und NÖ stellen halt auch knapp die Hälfte der Bevölkerung

Kurt Bayer
19
29.9.2011, 09:45
"Charisma" statt Inhalt?

Der Ruf nach Charisma erinnert stark an den Ruf nach "starken Persönlichkeiten". Charisma ist ja fein, aber die notwendigen Inhalte zu erkennen und zu vermitteln, ist noch immer das Notwendige. Berlusconi ist/war charismatisch - wollen wir den? Dieser Ruf nach Form statt Inhalt erinnerst stark an den "Wilden" von Qualtinger: I hob zwoa ka Ahnung wo i hinfoa, aber dafür bin i schnölla duat".

muppetbasher
00
29.9.2011, 09:14
Sehr gute Analyse von Max Haller!

Nur, wie kommen wir aus diesen Lähmungen heraus?

Kleine Revoltion gefällig;)!?

cheerio
10
29.9.2011, 09:07

1) Die Auswahl der Kandidaten vor Wahlen erfolgt durch kleine Parteigremien-
überall, aber nicht bei den Grünen - sind sie deswegen so erfolglos????

zuschön
10
29.9.2011, 09:04
"Charismatische Führungspersönlichkeiten"?

Nein danke! Die Geschichte hat genügend Negativbeispiele hervorgebracht. Und was sich strukturell ändern muss, ist ohnehin gerade im Werden, wenn auch erst im Anfangsstadium: die Demokratisierung der Gesellschaft durch emanzipatorische Prozesse, die das Machtverhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten neu verhandelt. So gesehen ist die derzeitige Politikerkaste der beste Katalysator für einen Reformationsprozess, an dessen Ende die politische Willensbildung nicht mehr auf Gedeih und Verderb davon abhängt, ob sie von hilflosen Schwachmatikern oder korrupten Charismatikern moderiert wird.

laika3
10
29.9.2011, 08:48

...bis auf den umstand, dass "ein farbiger" nun nicht grade die freundlichste art ist, "afroamerikaner" zu sagen.

was ö betrifft: einverstanden.

Nutze den Tag
00
29.9.2011, 08:31
Politiker, Hedgefonsmanager und Psychopaten - gleiche Persönlichkeitsstruktur

Wie neulich erforscht: Nicht so sehr der eigene Vorteil, sondern die Beschädigung des Anderen steht im Vordergrund.

Hat auch schon G Orewll in 1984 erkannt: Wenn zwei im Dreck liegen gibts nichts schöneres für den
Einen als den Anderen noch in die Fresse zu treten.

Liegt auch an der "Kunst" Alles was grässlich ist wird als hohe Kunst gepriesen. Beispiel: der kostenminimalistische P&K Klotz - das Ding tut weh, wo ist die Abrissbirne?

edurkheim
01
29.9.2011, 08:22
Bei uns ist der Föderalismus zu stark

Sehr gute Analyse nur dass der Föderalismus in Deutschland stärker bezweifle ich.

Eher ist es so dass der österr. Feudalismus zu stark ist, so dass die Landeshauptleute lieber sich auf ihre Trutzburgen einzementirern und dann von hintern die Fäden ziehen.

Ein Gusenbauer/Faymann/Molterer/J.Pröll/Spindelegger sind ja nur Marionetten eines Häupl/E.Pröll/Pühringer.

Entsprechend wollen Minister nicht Parteivorsitzende oder Bundeskanzler werden sondern LHs. Erst jüngst Plattner aber auch Darabos/Mitterlehner warten nur darauf.

Alfred Zopf
04
29.9.2011, 06:26

Aus meiner Sicht ist es noch viel schlimmer, wer sich nicht unterordnet fliegt raus, da bleibt dann nur mehr die "AbnickerInnen" über, die keine Entscheidungen mehr hinterfragen. Ausnahmen bestätigen die Regel. So entscheiden nur mehr ein dubioser "innerer Kreis" was Sache ist.

17+4
00
29.9.2011, 06:47
das geschieht schon bei Listen, nicht nur bei Parteien

es kommt aber noch dazu, dass Wadlbeißen mit Opposition verwechselt wird, und da wird viel Energie verschleudert

site:°~+*-||!#.\>
05
29.9.2011, 02:29

Quatsch, es mangelt nicht an Charisma, sondern an Intelligenz.

Ein Soziologe sollte wissen, dass charismatischen Führungspersönlichkeiten a la Weber eng mit Helden-, Sekten- und Führerverehrung (Hitler) in Zusammenhang stehen.

Auf gut Deutsch: wir brauchen nicht noch mehr größenwahnsinnige Dummschwätzer = charismatischen Führungspersönlichkeiten, sondern Politiker mit Hirn.

Was wir daher brauchen, ist eine Kommission, ein Hearing einer übergeordneten Instanz oder eine Volksbefragung, die entscheiden, ob ein Politiker die erforderliche Qualifikation besitzt.

Solange die Qualifikation nicht überprüft wird, werden sich als Politiker auf Gemeinde- und Landesebene wie bisher nur verhaltensgestörte Spinner durchsetzen.

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