Notschlafstelle

Wo Dornröschen schläft

28. September 2011, 09:22
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    foto: standard/corn

    Die Notschlafstelle "a_way" bietet Jugendlichen Zuflucht.

Die Notschlafstelle "a_way": Mehr als nur ein Bett für obdachlose Jugendliche

Wien - Das gelbliche, unscheinbare Haus mit der roten Tür in der Grundsteingasse im 16. Bezirk lässt nicht vermuten, was sich dahinter verbirgt.

Das erst kürzlich eröffnete Caritas-Haus "in_go" dient jungen Männern als Zufluchtsort. Maximal ein Jahr können sich zwölf Jugendliche, die von daheim ausgerissen sind oder gar kein familiäres Auffangnetz mehr haben, hier aufhalten. Betreut werden sie von elf Sozialarbeitern.

Eine ähnliche Einrichtung befindet sich in der Nähe des Westbahnhofs. Die Notschlafstelle "a_way" hilft Jugendlichen bis 18 Jahren in Krisensituationen. Maximal fünf Nächte im Monat können die jungen Ausreißer hier unterkommen.

Laut dem Gründer und Leiter der Einrichtungen, Martin Haiderer, wird das Angebot zu 60 Prozent von Burschen und 40 Prozent von Mädchen genützt. Die Hintergründe der Jugendlichen sind unterschiedlich: Mehr als die Hälfte der jungen Gäste konsumieren illegale Substanzen, haben zu Hause Gewalt erlebt oder sind obdachlos geworden. Mehr als zwei Drittel der Teenager, die Zuflucht in der Notschlafstelle suchen, sind österreichische Staatsbürger.

Ein Sechs- und ein Vierbettzimmer stehen den jungen Erwachsenen zur Verfügung, die auch ihre Haustiere mitbringen dürfen. "Wir wollen den Mädchen und Burschen, die schlechte Erfahrungen mit ihren Bezugspersonen gemacht haben, eine vertrauensvolle Atmosphäre bieten", erklärt Haiderer. Beim ersten Besuch wird ein ausführliches Gespräch mit einem Sozialarbeiter geführt und - um die Anonymität zu wahren - ein individueller Spitzname wie Mickey Mouse oder Dornröschen ausgesucht.

"Das ist Beziehungsarbeit"

Diese Gespräche sind für viele Jugendliche auch der erste Schritt zur Suchtbewältigung. Die Betreuer vermitteln ihre "Schützlinge" an Therapiestellen weiter und begleiten sie auf Wunsch auch dorthin. "Sozialarbeit ist Beziehungsarbeit", schmunzelt Haiderer und erklärt, dass die Jugendlichen auch nach fünf Nächten nicht einfach vor die Tür gesetzt werden. "Man kann auch länger bleiben. Nur muss dann mit den Mitarbeitern ein Ziel vereinbart werden, auf das während des Aufenthalts hingearbeitet wird." Akutbetten stehen in der Felberstraße 1 immer zur Verfügung, auch wenn die Notschlafstelle schon voll ist.

Besonders jungen Frauen, die missbraucht wurden, Zweckpartnerschaften eingegangen sind oder sich prostituieren mussten, wollen die Betreuer ein offenes Ohr anbieten. Einmal pro Woche ist die Notschlafstelle tagsüber nur für Mädchen geöffnet, um heikle Themen in einem vertrauteren Rahmen besser besprechen zu können ("a_day"). Täglich wird ein Schlafplatz für weibliche Spätankömmlinge freigehalten.

"Die Jugendlichen gehen Gewalt untereinander aus dem Weg, da sie die Konfrontation mit der Polizei vermeiden wollen", ergänzt Haiderer. Ohne das Einverständnis der Betroffenen werden weder Polizei, Rettung noch Jugendamt informiert - bei einem Notfall ist "a_way" aber gut vernetzt. Finanziert wird das Projekt zur Hälfte von der Jugendwohlfahrt und zum anderen Teil von der Sucht- und Drogenkoordination Wien. Für Kleidung und Nachmittagsbetreuung ist die Caritas auf materielle und finanzielle Spenden angewiesen.

"Mein Team und ich verstehen uns als Wegweiser zu einem suchtfreien und geregelten Leben", resümiert Haiderer. (Anastasia Lopez, Justina Wohlrab, DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2011)

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