Harte Kerle mit einem weichen Kern und nette Girlies verwenden ihren Körper, um ihr Innerstes nach außen zu tragen - Durch ihr schrilles Auftreten werden sie aber oft als Bedrohung wahrgenommen
Wien - Wenn man das Tattoo- und Piercingstudio Hangcock-Shop betritt, wird man von leichtem Metallgeruch empfangen, und ein leises Surren dringt ins Ohr. Man blickt in künstlerisch gepiercte Gesichter und sieht konzentrierte Stecher im Hinterzimmer. Obwohl das Körperkunstbusiness in der Gesellschaft in Verruf geraten ist und teilweise als verrucht abgestempelt wird, findet man im Hangcock-Shop ein angenehmes, helles und sauberes Studio vor.
Die 18-jährige Henni hat zwei Piercings, und in einigen Monaten bekommt sie ihr erstes Tattoo in der Leistengegend. Ausgesucht hat sie sich das Motiv "1000 reasons, no excuses", das dann als Tattoo auf ihrem Körper verewigt werden soll. Auf die Frage, warum sie sich piercen ließ, antwortete sie: "Das habe ich aus einer Laune heraus gemacht."
Kein Kampf gegen das System
Entgegen der generellen Vermutung, Auflehnung sei das Hauptmotiv für Jugendliche zum Tätowieren, verfolgen diese ein anderes Ziel, wie Beate Grossegger vom Institut für Jugendkulturforschung weiß: "Jugendliche kämpfen mit ihrer teils schrillen Ästhetik nicht einen symbolischen Kampf gegen das System, sondern sie ringen viel eher um individuelles Besonders-Sein, wobei gilt: Besonders sein ist heute schwerer als früher."
Als Trend empfindet auch die 16-jährige Milena den Piercingkult, weniger aber Tattoos. "Der Unterschied ist das Ausmaß: Es gibt Mainstream-Piercings oder extremere Beispiele", erklärt die am Ohr gepiercte Schülerin. Das Tragus-Piercing, dass sie trägt, und das Helix-Piercing, welches auch an der Außenseite der Ohrmuschel gestochen wird, sind zwei der beliebtesten Piercingformen.
Doch der Entschluss zum Tattoo muss gut überlegt sein. Jede Veränderung der Haut birgt ein Risiko in sich. Bei Fehlern des Tätowierers oder einem schmutzigen Studio kann es zu gesundheitlichen Folgeschäden kommen. Oder, was häufiger passiert, es gefällt einem das Motiv einfach nicht mehr. Marianne, die Beraterin am Tresen des Hangcock-Shops, ist froh darüber, sich nicht mit 16 tätowiert zu haben: "Wenn ich heute daran zurückdenke, gefallen mir meine damaligen Vorstellungen gar nicht mehr." Mit ihren Piercings im Gesicht sei sie heute aber sehr zufrieden. Vorsicht ist vor allem bei politischen Motiven oder Namen von Beziehungspartnern geboten, denn politische Einstellungen oder Lebenspartner können sich bekanntlich schnell ändern. Auch die Veränderung der Haut durch das Altern kann zu ungewollten Änderungen am Tattoo führen.
Umstrittene Motive
Die einzige Möglichkeit, einen "Fehler" zu korrigieren beziehungsweise ein Tattoo entfernen zu lassen, ist die schmerzhafte und teure Lasertherapie (zirka 700 Euro). Rund 48 Studios in Wien bieten Tattoos und Piercings an. "Nazi-Motive lehnen wir ab, doch wenn die Kunden friedlich wirken, tätowieren wir auch Hakenkreuze, da sie in Indien mit einen religiösen Hintergrund verbunden sind", erklärt die Beraterin.
Gut geeignete Metalle fürs Piercen sind laut der Verkäuferin Gold, Platin, Titan oder medizinischer Edelstahl. Nickel sei nicht geeignet - vor allem Allergiker sollten auf das Material achten. "Man sollte sich bitte auch nie selbst als Piercer versuchen. Denn nur professionelle Piercer wissen, wo sie stechen dürfen, um keine Schäden zu verursachen", erklärt Marianne.
Der Tattookünstler Andy Roots ist selbst am ganzen Körper tätowiert und gepierct. Er bereut kein einziges seiner Tattoos, erzählte er dem SCHÜLERSTANDARD; genauso wenig kann er sich aber an jedes einzelne erinnern. "Ich habe schon so viele Tattoos, die kann ich gar nicht mehr zählen", gesteht er. "Ich weiß nur, dass ich insgesamt 109 Augen habe." (Laurenz Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2011)