Tagung in Wien: Ihre Gestalter kritisieren die fehlende Erinnerungskultur in Österreich, was die Kriegsursachen betrifft
2014, wenn man sich allerorts an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erinnern wird, könnte für
Österreich ein Jahr der Verdrängung werden. Wissenschafter, die sich mit diesem
Krieg beschäftigen, befürchten jedenfalls, dass die Politiker nicht bereit sein
werden, sich zu erinnern, weil sie das - zumindest
in diesem Fall - auch bisher nicht getan hätten. Die Gründe und Auswirkungen von
vier Jahren, in denen 60 Millionen Soldaten kämpften, wobei etwa 6000 täglich
getötet wurden, sind nicht im österreichischen Gedächtnis verankert.
"Man muss endlich einmal festhalten, dass der Erste Weltkrieg wesentlich von
Österreich begonnen wurde", sagt zum Beispiel Lutz Musner, stellvertretender
Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften an der
Kunstuniversität Linz (IFK). Die "unverantwortliche Politik" im Umgang mit den
slawischen Volksgruppen, die zumindest mehr Autonomie im Vielvölkerstaat haben
wollten, "war einer der Gründe für die Eskalation", sagt er. Besonders Serbien,
dem die Regierung in Wien schon vor dem Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand
durch den bosnischen Serben Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 einen radikalen
Panslawismus unterstellte, stand im Fokus einer aggressiven Außenpolitik. "Das
Attentat bot dann bloß den äußeren Anlass, zu einer martialischen Kriegspolitik
überzugehen."
Musner hat nun gemeinsam mit IFK-Direktor Helmut Lethen und dem
deutsch-amerikanischen Historiker Michael Geyer eine Tagung über den Ersten
Weltkrieg konzipiert: "Geo-Politics in the Age of the Great War 1900-1930" (6.
bis 8. 10.). Dabei wird es darum gehen, den Krieg nicht mehr als für sich allein
stehende "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts zu sehen, als Schlachtengemälde
mit Soldaten in Schützengräben, im Schlamm und in brennenden
Doppeldeckerflugzeugen. Vielmehr soll der Krieg in eine weiter gespannte
Geschichte des 20. Jahrhunderts eingebettet werden. Zwei Folgetagungen jeweils
im Herbst 2012 und 2013 sollen diese Sichtweise vertiefen.
Lange Gewaltgeschichte
Schon seit mehreren Jahren vertreten Historiker die Ansicht, dass 1914
eigentlich ein zweiter Dreißigjähriger Krieg begann, der erst mit der
Kapitulation der Nazis im Mai 1945 zu Ende ging. Musner meint sogar, dass der
Krieg eine erste von mehreren Eskalationen des vergangenen Jahrhunderts war, die
bis 1989, bis zum Fall des Eisernen Vorhangs, andauerten. Er sieht die
Verbreitung des Kommunismus nach der Oktoberrevolution 1917 und die daraus
entstehenden Staatsformen sowie den Kalten Krieg als Teil dieser umfassenden
Gewaltgeschichte.
Tatsache ist, dass die Folgen des Ersten Weltkriegs nachhaltig waren:
Monarchien wie Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn zerbrachen genauso
wie das Osmanische Reich. Neben dem Kommunismus entstanden zwei weitere, die
nächsten Jahrzehnte prägende Ideologien: der deutsche Nationalsozialismus und
der italienische Faschismus. Die Weltwirtschaftskrise und der damit verbundene
Hunger begünstigten die Verbreitung von Feindbildern.
Musner wird in seinem Vortrag über die Technologie und die Geografie des
Krieges sprechen und fragen: Was genau bedeuten Landschaften und Techniken des
Krieges und welche Soldaten-Männer entsteigen dem Horror der Schützengräben?
Dazu muss man bedenken, dass erst die industrielle Massenproduktion von
Waffen einen Massenvernichtungskrieg - unter anderem mit Giftgas - möglich
machte. Hier wurde der Mensch erstmals "als biologisches Material gesehen, das
zerstörbar ist", sagt der Historiker Geyer, der in diesem Zusammenhang auch von
einem ersten Aufkommen "einer zutiefst rassistischen Techno- und
Vernichtungspolitik" spricht.
Beispiele, die seine Aussage bestätigen, gibt es reichlich: Im Herbst 1914
meinte der deutsche Kaiser Wilhelm II., man solle 90.000 russische
Kriegsgefangene auf der Halbinsel Kurische Nehrung, die heute zu Litauen und
Russland gehört, verhungern lassen. Wenig später wollte der Monarch Belgien und
Frankreich ethnisch säubern. Und lange nach der Niederlage, 1927, schrieb er an
einen amerikanischen Freund, man sollte sich von der Presse, den Mücken und den
Juden, einer "Pest", am besten durch Gas befreien.
Von derlei Vernichtungswahn vor der Nazizeit erfährt man in
Schulgeschichtsbüchern wenig. Die Tagung am IFK soll aber noch ganz andere
Blickwinkel auf den Ersten Weltkrieg öffnen: Wie sehr nahm der Kriegsschauplatz
auf den späteren Verlauf der Geschichte Einfluss? Musner erzählt, der spätere
italienische Faschistenführer Benito Mussolini und der Austrofaschist Emil Fey
seien sich am Isonzo im heutigen Slowenien mit großer Wahrscheinlichkeit
gegenübergestanden, nur durch wenige hundert Meter voneinander getrennt. Die
maschinelle Gewaltexplosion im Karst und das daraus resultierende Trauma habe
aus seiner Sicht das Weltbild der beiden Soldaten geprägt: eine gleichermaßen
techniksoziologische wie psychoanalytische Sichtweise ideologischer Wurzeln.
Der Osten sei in der bisherigen Geschichtsschreibung des Ersten Weltkriegs
insgesamt unterbelichtet, meint Geyer, was einen plausiblen Grund hat: Die
historischen Archive wurden erst nach dem Ende des Kommunismus in Europa
geöffnet. "Hier gibt es viel aufzuarbeiten und nachzuholen." Was geschah also an
der Front zwischen Ostsee und Schwarzem Meer und auch dahinter während und nach
der Oktoberrevolution?
Weibliche Heimatfront
Mit der Geschichte der Frauen im Ersten Weltkrieg, bisher auch kaum beachtet,
beschäftigt sich schließlich Christa Hämmerle im Rahmen der Tagung. Die
Historikerin organisiert an der Universität Wien auch eine eigene Konferenz zum
Thema: "The First World War in a Gender Context. Topics and Perspectives" (von
29. 9. bis 1. 10, Campus der Universität Wien, Spitalgasse 2-4, 1090 Wien). Sie
sagt, Frauen seien nicht nur an der "weiblich konnotierten Heimatfront", sondern
auch in Kampfgebieten zum Einsatz gekommen -und zwar nicht nur als
Krankenschwestern. Der Krieg brauchte diese Unterstützung. Die Darstellung des
"wirkmächtigen" Mannes habe zu einer hegemonialen Gesellschaftsordnung geführt
und zu einem Erlahmen pazifistischer Bemühungen.
Ob derlei Erkenntnisse das offizielle Österreich dazu bringen, über Ursachen
und Auswirkungen des Ersten Weltkriegs offen zu diskutieren? Musner glaubt nicht
daran. "Der Erste Weltkrieg ist eine Kann-Erinnerung, der Zweite Weltkrieg und der Holocaust
sind zum Glück schon eine Muss-Erinnerung." Auch Geyer zweifelt am
Geschichtsbewusstsein österreichischer Politiker. "Vielleicht wird hier noch
immer das Habsburgerreich idealisiert. Und man ist aufgrund seines Endes im
Weltkrieg nicht interessiert, an 1914 zu denken." Dabei sei das ja auch ein
Anfang gewesen, der Anfang von Republik und Demokratie. "Aber das vergisst man."